Malu Dreyer übereicht Robert Menasse die Zuckmayer-Medaille (Foto: SWR)

Verleihung nach Kritik Menasse erhält Zuckmayer-Medaille

Ministerpäsidentin Malu Dreyer (SPD) hat dem Schriftsteller Robert Menasse die Carl-Zuckmayer-Medaille im Mainzer Staatstheater verliehen. Die CDU-Vertreter blieben der Veranstaltung fern.

Der österreichische Schriftsteller hat zu seiner Auszeichnung ein 30-Liter-Fass Wein aus Zuckmayers Geburtsort Nackenheim erhalten. Das Fass gehört zum Literaturpreis dazu. Malu Dreyer würdigte Menasses Gesamtwerk und bezeichnete ihn als "Meister der Sprache".

Mit Blick auf die gegen Menasse erhobenen Vorwürfe sagte Dreyer, die Diskussion habe deutlich gemacht, welch hohes Gewicht Sprache und die Regeln ihres Gebrauchs hätten. "Für das Gelingen einer demokratischen Debatte ist es unerlässlich, Gewissheiten von Annahmen und Fakten von Meinungen zu trennen", so die Ministerpräsidentin.

Menasse äußerte sich vor der Verleihung

"Ich sehe mich als Künstler, der sein politisches Denken in die Diskussion einbringt", so der Schriftsteller kurz vor der Verleihung in Mainz. Er hoffe, dass ihm seine Fehler verziehen und seine Entschuldigung angenommen werde. Malu Dreyer sei sehr froh, dass Menasse den Fehler eingeräumt hat. "Dass er eben nicht diese genaue Trennung vorgenommen hat. Wir reden einerseits vom literarischen Raum, wo ein Künstler, ein Autor selbstverständlich alle Freiheiten der Fiktion hat - und andererseits von der politischen Debatte, wo man sehr wohl unterscheiden muss, zwischen Meinungen und Fakten", so Dreyer vor der Verleihung.

CDU-Fraktion nahm nicht teil

Die zur Preisverleihung eingeladenen Mitglieder der CDU-Fraktion blieben der Veranstaltung fern. Das teilte der rheinland-pfälzische CDU-Fraktionsgeschäftsführer Andreas Göbel dem SWR vor der Verleihung mit. Als Grund nannte er, die CDU-Fraktion sei dagegen, dass der Autor Menasse die Zuckmayer-Medaille erhält.

Die Landesregierung hatte von der CDU-Fraktion den Fraktionschef und mehrere CDU-Mitglieder des Kulturausschusses im Landtag zur Preisverleihung eingeladen.

Dauer

Hitzige Debatten um Literaturpreisträger

Selten sorgte die Vergabe eines Literaturpreises für so hitzige Debatten. Für seine Bücher hat Menasse schon in der Vergangenheit zahlreiche Preise bekommen, darunter den Deutschen Buchpreis. Zuletzt war der 64-Jährige in die Kritik geraten, nachdem herauskam, dass er in Büchern und politischen Essays den Europapolitiker Walter Hallstein falsch zitiert hat.

Menasse legte Hallstein Worte in den Mund

Menasse legte dem ersten Präsidenten der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) - einer Vorläuferorganisation der EU - Zitate in den Mund, die dieser so wörtlich nicht gesagt hat. In zwei Essays zitierte der Schriftsteller Hallstein beispielsweise mit dem Satz "Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee." Außerdem behauptete Menasse fälschlicherweise, Hallstein habe seine Antrittsrede im ehemaligen NS-Vernichtungslager Auschwitz gehalten. Eigenen Angaben zufolge erhielt er diese Information bei Recherchen zu dem 2017 erschienenen Roman "Die Hauptstadt" und verwendete sie ohne weitere Prüfung.

Gemeinsame Erklärung von Dreyer und Menasse

Bereits Anfang Januar hatte Menasse in einem Gastbeitrag für die Zeitung "Die Welt" Fehler eingeräumt, aber auch die "künstliche Aufregung" um die vermeintlichen Hallstein-Zitate kritisiert. Einige Tage später entschuldigte er sich in einer gemeinsamen Stellungnahme mit Dreyer. "Es war ein Fehler von mir, Walter Hallstein in öffentlichen Äußerungen und nicht-fiktionalen Texten Zitate zuzuschreiben, die er wörtlich so nicht gesagt hat", heißt es dort, und weiter: Es gebe einen Unterschied zwischen der künstlerischen Freiheit, die ein Schriftsteller in seinem fiktionalen Schaffen genieße, und der Verantwortung, der er gerecht werden müsse, wenn er sich in den politischen Diskurs begebe.

Dreyer wiederum erklärte, der Schriftsteller habe große Verdienste um die deutsche Sprache erworben, "ein beeindruckendes literarisches Gesamtwerk geschaffen" und mit seinem engagierten Streiten für die europäische Idee die politische Debatte um die Zukunft der Europäischen Union sehr bereichert. Sie verleihe ihm die Carl-Zuckmayer-Medaille "in Würdigung dieses beeindruckenden Wirkens".

Baldauf kritisiert Verleihung als "schweren Fehler"

Die CDU und die AfD hatten Dreyers Entscheidung kritisiert. CDU-Fraktionschef Christian Baldauf schrieb am Mittwoch in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", es gehe zu weit, "Menasses Geschichtsklitterung als 'engagiertes Streiten' zu etikettieren". Die Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille an den Österreicher sei ein schwerer Fehler.

Menasses Schwester Eva warf den Kritikern in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung" vor, ihren Bruder "vernichten" zu wollen. Dieser habe Fehler gemacht und diese auch eingestanden. Der zu Recht preisgekrönte Bestseller "Die Hauptstadt" sei eine "schwarze Tragikkomödie" über Europa und alles andere als das Produkt einer "Fälschungsaffäre". Eva Menasse wird in diesem Jahr Mainzer Stadtschreiberin.

STAND