Ein orthodoxes Kreuz mit Perlen (Foto: IMAGO, YAY Images)

SWR-Befragung zu Kirchenaustritten

"Da müssen doch alle Alarmglocken angehen"

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Annina Eberhardt
Bettina Fächer
Ute-Beatrix Giebel
Stefan Giese
Bild von Stefan Giese  (Foto: SWR, SWR/Christian Koch)
Nico Heiliger
Nico Heiliger (Foto: SWR)
Ina Kohler
Ulrich Lang
Ulrich Lang (Foto: SWR)
Alexander Schreiber
Alexander Schreiber (Foto: SWR)

Kirchenaustritte haben in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. 2021 verließen laut statistischem Bundesamt 360.000 Menschen die Katholische Kirche - ein neuer Rekordwert. Die Evangelische Kirche verzeichnete 280.000 Austritte.

Was bewegt die Menschen dazu, die Kirche zu verlassen? SWRdata hat über viele Monate hinweg in einer Online-Befragung Menschen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zu ihren Beweggründen und Meinungen zur Kirche befragt, die soeben aus der Kirche ausgetreten waren (mehr zur Methodik siehe Infobox). Rund zwei Drittel von ihnen waren katholisch, ein Drittel evangelisch. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, doch sie erlaubt einen tiefen Blick in die Gründe und Motivation vieler Austretenden - und zwar zum Zeitpunkt ihres Austritts.

Wut auf die Institution Kirche und ihre Führung

87 Prozent wollen die Institution Kirche nicht mehr finanziell unterstützen (Foto: Colourbox, Montage: SWR)
Montage: SWR

Das Bekanntwerden tausender Missbrauchsfälle in den vergangenen Jahren hat die Amtskirchen in Deutschland erschüttert. Besonders betroffen ist die katholische Kirche. Noch immer treiben neue Fälle und Skandale sowie einige Reaktionen von Kirchenvertretern zahlreiche Menschen zum Austritt. In der SWR-Umfrage nennen über 80 Prozent der gerade Ausgetretenen diese Missbrauchsfälle als ihren Auslöser. Kein anderer Grund wird so häufig angeführt. Knapp drei Viertel wünschen sich dabei ein stärkeres Vorgehen gegen Missbrauchstäter.

Deutlich wird aber auch: Bei der großen Mehrheit der Befragten richten sich Wut, Kritik und Enttäuschung vor allem gegen die Kirchen als Institution. Knapp neun von zehn sagen, es sei für ihren Austritt wichtig gewesen, die Amtskirche nicht mehr finanziell unterstützen zu wollen. Es gibt allerdings auch Fälle, die einen persönlicheren Beweggrund haben. So schildert ein Befragter, selbst missbraucht worden zu sein.

Fast die Hälfte der Befragten (45 Prozent) gibt an, Ärger über den Papst oder einen anderen hohen kirchlichen Würdenträger seien ein Auslöser für ihren Austritt gewesen. Ärger über die eigene Kirchengemeinde, die Pfarrerin oder den Pfarrer nennen hingegen nur sieben Prozent. Anders formuliert: An der Arbeit der Gemeinden vor Ort liegt der Austritt in der Regel nicht, so das Ergebnis der SWR-Untersuchung.

Was aber macht das mit Pfarrerinnen, Pfarrern und Priestern, wenn offenbar nicht ihr eigenes Handeln, sondern die Kirchen als Institution die Menschen zum Austritt treibt? "Das ist natürlich hochgradig frustrierend", sagt Christian Hermes, Stadtdekan der katholischen Kirche in Stuttgart. "Wir sehen, dass ehrenamtliche und hauptamtliche pastorale Mitglieder innerlich immer mehr zu dieser Institution in Distanz gehen."

Eine Beziehung ohne Zukunft

Vier von fünf Ausgetretenen bezeichnen sich als nicht religiös (Foto: IMAGO, Sabine Gudath, Montage: SWR)
Sabine Gudath, Montage: SWR

Doch nicht nur akute Auslöser spielen für die Austritte eine Rolle, sondern auch strukturelle Ursachen: Viele der Befragten weisen eine geringe oder gar keine Bindung zu Kirche und Religion auf. So bezeichnen sich vier von fünf als gar nicht oder weniger religiös. Etwa ein Viertel erklärt, nicht an einen Gott oder ein höheres Wesen zu glauben.

Für die meisten Befragten ist der Austritt somit kein großer Verlust. Nur knapp 20 Prozent der Befragten haben das Gefühl, eine Gemeinschaft zu verlassen, die ihnen Zugehörigkeit gibt. Rund zwei Drittel geben an, die Kirche sei ihnen gleichgültig geworden.

Dass viele Ausgetretene eher jünger sind - das mittlere Alter liegt bei 31 Jahren - überrascht Kirchensoziologe Prof. Gert Pickel von der Universität Leipzig nicht. Er hat die SWR-Untersuchung wissenschaftlich begleitet und sagt: "Der Austritt erfolgt zwischen 25 und 30 Jahren. Das ist die entscheidende Phase, in der man sich fragt: Bleibe ich in der Kirche und übernehme ich das, was meine Eltern gemacht haben?"

Ein verstaubtes Relikt

62 Prozent sagen, die Kirche müsse mehr mit der Zeit gehen (Foto: IMAGO, Rene Traut, Montage: SWR)
Rene Traut, Montage: SWR

Für viele Ausgetretene sind die etablierten Kirchen nicht modern genug. Das zeigen besonders die Antworten dieser Menschen auf die Frage nach notwendige Reformen, die sie zum Wiedereintritt bewegen könnten. Ein wichtiger Aspekt ist demnach die Rolle von Frauen, vor allem unter Katholiken. So nennen drei Viertel der katholischen Befragten in der SWR-Befragung die Gleichstellung von Mann und Frau als notwendige Reform für ihren möglichen Wiedereintritt. Unter den protestantischen Befragten ist es etwa die Hälfte.

Auch die Priesterweihe für Frauen ist unter katholischen Befragten ein populärer Reformwunsch (68 Prozent). Außerdem frustriert sie der Zölibat: Zwei von drei Katholiken sehen die Abschaffung der Pflicht zur Ehelosigkeit als notwendig an, um wieder in die Kirche eintreten zu können.

Einige, vor allem jüngere Befragte, nennen in ihren schriftlichen Erklärungen außerdem den Umgang der Kirchen mit Homosexualität und Menschen, die sich der LGBTQ+-Community zugehörig fühlen, als Austrittsgrund.

Der Exodus der Gläubigen

Jeder sechste Befragte bezeichnet sich als "ziemlich oder sehr religiös" (Foto: Getty Images, holydude, Montage: SWR)
holydude, Montage: SWR

Zwar hat die Mehrheit der Austretenden nur einen geringen Bezug zur Kirche, viele sind nicht gläubig. Doch ein wichtiger Teil der Ausgetretenen hat der Kirche den Rücken gekehrt, obwohl er gläubig ist. Fast jeder sechste der Befragten gibt an, ziemlich oder sehr religiös zu sein. Etwa jeder Vierte erklärt, auch nach dem Austritt noch weiterhin zu beten.

Vor allem unter Befragten, die älter als 30 Jahre sind, gibt es viele, die der Kirche trotz eigenen Glaubens den Rücken gekehrt haben. Jüngere Menschen seien "schon immer ausgetreten. Die standen sowieso schon in einer gewissen Distanz zur Kirche", sagt Prof. Gert Pickel. Die Älteren hingegen hätten "wahrscheinlich lange mit sich gehadert. Und sich dann gesagt haben: Ich kann da nicht mehr drin bleiben." Für die Kirche sei das "besonders gefährliches Terrain, wenn Menschen sagen: Ich brauche keine Kirche mehr zur Religiosität, glauben kann ich auch so."

Ganz ähnlich sieht das der katholische Stadtdekan Hermes aus Stuttgart. Es seien nicht mehr nur die Berufseinsteiger ohne Kirchenbindung, die keine Kirchensteuer zahlen möchten, die vermehrt die Kirche verlassen. "Jetzt sehen wir plötzlich, dass die Mittfünfziger austreten. Es gehen Menschen, die schon lange dabei sind." Er selbst kenne Menschen, die sagten, mit dem Austritt ihren "christlichen Glauben" retten zu wollen. "Spätestens da müssen doch alle Alarmglocken angehen."

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