Omas und Opas, die ihre Enkel nicht treffen dürfen, leiden oft sehr darunter. Betroffene Großeltern wollen jetzt in Ulm eine Selbsthilfegruppe gründen. (Sujetbild) (Foto: IMAGO, IMAGO / Westend61)

Betroffene wollen Selbsthilfegruppe gründen

Ulm: Wenn Großeltern die Enkel nicht mehr sehen dürfen

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Isabella Hafner
Isabella Hafner (Foto: SWR)

Die Freude ist groß, wenn Enkel unterwegs sind. Doch manche dürfen die Kleinen plötzlich nicht mehr sehen. Deswegen wollen Großeltern nun eine Selbsthilfegruppe in Ulm gründen.

Mehr als eine Stunde ist eine der Betroffenen für einen Vortrag über Großeltern, die Enkel-Kontakt-Verbot haben, nach Ulm hergefahren. Sie will anonym bleiben. Vor drei Jahren hat sie zum letzten Mal ihre Enkelin und ihren Sohn gesehen. Die Familie wohnt nur ein paar hundert Meter entfernt. Sie erzählt: "Es war so, dass die Schwiegertochter Spätgebärende war, also Risikoschwangere. Das Kind war dann als nicht ganz gesund diagnostiziert worden." Die Schwiegertochter wurde nach der Geburt depressiv. "Dann kam es zu der Situation, dass ich zwei Fragen gestellt habe, die meine Schwiegertochter anders interpretierte als ich sie gemeint hatte."

Über Umwege erfuhr sie von der zweiten Enkelin

Die Fragen will sie nicht nennen. Jedenfalls wurde daraufhin die Beziehung zu ihr gekappt. Über Umwege hat sie erfahren, dass sie zum zweiten Mal Oma geworden ist. Jetzt interessiert sie sich für eine Selbsthilfegruppe. Die wollen Marianne und Reinhard Kopp aus Illerrieden im Alb-Donau-Kreis gründen. Dort soll nicht über die eigenen Kinder oder Schwiegersöhne und -töchter geschimpft, sondern konstruktiv an das Thema heran gegangen werden. Die Kopps sind zwar nicht selbst betroffen, erleben aber in ihren Großeltern-Seminaren immer wieder Omas und Opas, die Enkel-Kontaktverbot haben. Zum Beispiel, weil die Eltern des Enkels einen Ehekonflikt hatten.

Mit Enkel-Entzug die Großeltern bestrafen

Marianne Kopp: "Dann nimmt die Schwiegertochter die Kinder und geht und bestraft ihren Mann - und gleichzeitig ihre Schwiegereltern, obwohl die wahrscheinlich gar nichts dafür konnten." Es könne aber auch sein, dass Eltern sich auf die Seite ihres Sohnes stellen, obwohl der die Ehe in den Sand gesetzt hat. "Dann kann ich die Schwiegertochter verstehen, wenn die sagt: Solche Leute brauche ich nicht."

Marianne und Reinhard Kopp (Foto: 1000)
Marianne und Reinhard Kopp sind zwar selbst glückliche Großeltern, wollen aber anderen helfen. Sie planen eine Selbsthilfegruppe für Großeltern, denen der Kontakt zu den Enkeln verweigert wird. 1000

Ein häufiger Grund: Oma und Opa haben sich zu sehr in die Ehe oder die Erziehung eingemischt. Marianne Kopp: "Wie viele Großeltern haben sich bei uns schon beschwert, was die Kinder alles dürfen und dass mit denen diskutiert wird. Manche Oma hat gesagt, dann gebe ich denen eine hinter die Ohren, dann ist alles gut." Das ist eine Straftat, davon rät Marianne Kopp ausdrücklich ab.

Selbstreflexion für Großeltern

Auch wenn viele Großeltern in guter Absicht handelten - es sei wichtig zu verstehen: Die eigenen Kinder muss man nicht mehr erziehen, und sie wiederum erziehen ihre Kinder selbst. Statt weniger oder gar kein Kontakt wäre mehr Verständnis und Selbstreflexion wichtig, finden die Kopps. Selbstreflexion falle Großeltern aber oft schwer, deshalb haben sie für diese ein Arbeitsbuch entwickelt. Gleichzeitig müssten sich Kinder auch fragen, ob ihr Verhalten immer richtig ist. Reinhard Kopp erzählt von Betroffenen, die immer die Enkel abgenommen und betreut hatten. "Und plötzlich ging's nicht mehr. Aus gesundheitlichen oder terminlichen Gründen. Da haben dann die Enkel-Eltern blockiert und gesagt: Nö, wenn du nicht mehr für uns da bist, ist es vorbei."

Raus aus der Opferrolle

Viele der Verlassenen halten es schwer aus, ihre Enkel nicht aufwachsen zu sehen. Sie warten am Kindergarten, senden Geschenke, die unausgepackt zurückkommen, verkriechen sich oder meiden andere glückliche Großeltern. Marianne und Reinhard Kopp raten: Raus aus der Opferrolle. Da könnte die Selbsthilfegruppe helfen. Oder man kann ans Enkelkind Briefe schreiben, die man nicht abschickt, aber für später sammelt. Oder ein Konto für das Enkelkind anlegen.

Mit einem Enkeltagebuch den Verlust verarbeiten

Die verlassene Zweifach-Oma hatte bisher ihre eigenen Strategien, um mit ihrer Trauer klarzukommen. "Ich begann, ein Enkeltagebuch zu schreiben. Vielleicht fragen die beiden Mädchen ja eines Tages: Wo ist eigentlich die Mama vom Papa - also ich?" Außerdem habe eine Bekannte gefragt, ob sie Lust hätte, deren Enkelkinder mit zu betreuen. "Da habe ich mir Ersatz-Enkelkinder gesucht - oder besser gesagt: Sie sind mir zugefallen. Ich dachte, gut, dann ist das jetzt meine Aufgabe."