Der würzige Geruch eines frischen Gemüseragouts hat einige Menschen am Donnerstagmittag auf das Areal vor der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Heidenheim gelockt. Und wer will sich schon das Essen eines Sternekochs entgehen lassen? Andreas Widmann hat im Rahmen der Aktion „Nimm Platz“ gekocht: Käseknödel mit Ragout, Fischmaultaschen und Bananen-Joghurt-Creme. All das aus geretteten Lebensmitteln und für einen guten Zweck.
Benefizaktion "Nimm Platz" für Heidenheimer Tafel
Es ist eine Benefizaktion zugunsten der Heidenheimer Tafel, die schon ein paar Tage zuvor beginnt: Am Montagabend liefern fünf Ehrenamtliche 250 Kilogramm Lebensmittel beim Gasthaus „Widmann´s Löwen“ im Königsbronner Teilort Zang ab. Eingesammelt von fünf Discountern, einem Supermarkt, einer Bäckerei und einem Bio-Laden. Oder besser gesagt: gerettet. Denn die Lebensmittel wären sonst alle im Müll gelandet. Wegen Schönheitsfehlern, oder zu nahe am Mindesthaltbarkeitsdatum. Sie können zwar nicht mehr verkauft werden, sind aber trotzdem noch genießbar.
Egal, wer [die Lebensmittel] nimmt, Hauptsache ist, sie werden noch verzehrt.
Das ist keine neue Aufgabe für die Ehrenamtlichen. „Unser Ziel ist es Ressourcen zu schonen, Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu retten,“ erzählt Christine Ulrich, Botschafterin der Initiative „Foodsharing“ in Heidenheim. Die geretteten Lebensmittel werden verteilt, aber nicht auf sozialer Basis: „Egal, wer sie nimmt, Hauptsache sie werden noch verzehrt.“
300 Essen aus 250 Kilo geretteten Lebensmitteln
An diesem Montagabend ist der Sternekoch Andreas Widmann der Abnehmer der geretteten Lebensmittel. Seine Challenge: Aus den 250 Kilogramm Lebensmitteln für Donnerstag eine Hauptspeise und ein Dessert für 300 Leute zubereiten.
Eine Herausforderung, die auch einem Sternekoch nicht leicht fällt, denn in den Kisten ist alles Mögliche: Vegane Wurst, Frischkäse, Gebäck und Tiramisu im Glas. „Es wäre jetzt natürlich viel leichter, für Donnerstag eine kleine Speisekarte mit fünf Gerichten zu machen - aber genau das wollen wir eben nicht“, erklärt der Sternekoch. Er ist dennoch zuversichtlich: „Ich denke, mit den richtigen Gewürzen und mit den richtigen Gartechniken werden wir das schon hinbekommen.“

In den Kisten verbirgt sich ebenfalls eine Vielzahl an Fertiggerichten: Salate, Sushi, Ready-To-Eat Burger oder auch Kaiserschmarrn. Das spiegle auch, wie sehr sich die Essensgewohnheiten verändert haben, so Widmann. Im Arbeitsalltag fehle oft die Zeit oder auch das Geld, um selbst zu kochen oder ein Restaurant aufzusuchen, deshalb wird immer häufiger nach den Fertigprodukten gegriffen.
Ich finde das schon erschreckend, dass mit Lebensmitteln, unserem Treibstoff, so umgegangen werden kann.
Auch die Menge an den geretteten Lebensmitteln hat den Sternekoch überrascht: „Ich finde das schon erschreckend, dass mit Lebensmitteln, unseren Treibstoff, den wir Menschen haben, so umgegangen werden kann.“

570 Knödel, 45 Kilo Kartoffeln und viele helfende Hände
Und diesen 250 Kilo Lebensmitteln geht es am Mittwoch, ein Tag vor dem großen Essen, an den Kragen: Nicht nur Kochkünste, auch Geduld sind gefragt, denn schlussendlich mussten rund 570 Knödel geformt und 45 Kilogramm Kartoffeln für das Ragout geschält werden.
Widmann bekommt für die Verarbeitung Hilfe von allerlei Menschen, die mit dem Projekt irgendwie in Verbindung stehen. Zwei Studentinnen der DHBW Heidenheim greifen ihm unter die Arme. Auch Matilda Kovac ist beim Kartoffelschälen dabei: Die Rentnerin hilft einmal die Woche als Ehrenamtliche in der Heidenheimer Tafel aus. „Ich koche oft für zehn bis 15 Leute ohne weiteres, aber jetzt für 250 ist natürlich eine ganz andere Nummer", erklärt sie.

Mit dieser Aktion möchte die Caritas nicht nur auf die Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen, sondern auch die Heidenheimer Tafel unterstützen, die sie bereits seit 25 Jahren betreibt. „Ein doch etwas trauriges Jubiläum,“ erzählt Anita Knauß, Koordinatorin der Aktion „Nimm Platz“ von der Caritas.
Weiterhin hohe Nachfrage: Tafel braucht neues Auto
Die Nachfrage am Tafelladen sei laut Knauß weiterhin sehr groß: „Es stehen Tag täglich 80 bis hundert Leute, manchmal auch mehr, vor der Tür.“ Im Landkreis Heidenheim seien insgesamt fast tausend Personen auf den Tafelladen angewiesen, denn man müsse auch bedenken, dass hinter jedem Berechtigungsausweis zwei bis drei weitere Personen stehen.
Deswegen braucht die Heidenheimer Tafel ein neues Auto für die Abholung der Lebensmittel. Und dafür sammeln die Caritas, Andreas Widman und Co Spenden: „Allein durch dieses Event wird es nicht möglich sein, ein neues Fahrzeug zu kaufen“, erklärt Anita Knauß. Es würde aber eine Entlastung schaffen, denn: „Jeder Euro zählt!“
Essen aus geretteten Lebensmitteln: "Es schmeckt wunderbar"
Am Donnerstag ist es dann endlich so weit: Gegen eine Spende gibt es vor der DHBW Heidenheim ein Mittagsessen von Sternekoch Andreas Widmann. Die Käseknödel und die Fischmaultaschen kommen sehr gut an: „Es schmeckt wunderbar", sagt jemand vor dem aufgebauten Foodtruck. Man hätte es gar nicht herausgeschmeckt, dass die Speisen aus geretteten Lebensmitteln zubereitet wurden.

Der Sternekoch hat es geschafft und für die "Nimm Platz" alle bis auf eine der 38 Kisten verwertet. Die größte Herausforderung dabei war, so viele unterschiedliche Lebensmittel in ein Gericht zu verarbeiten. „Umso schöner ist es jetzt, dass wir auf diese genussvolle Art und Weise dieses Thema ein bisschen wieder in die Mitte bringen konnten", sagt ein zufriedener Sternekoch. Und nicht nur das: Rund 4.000 Euro Spenden kamen bei der Aktion für die Heidenheimer Tafel zusammen.