Flasche mit Fiebersaft für Kinder

Engpässe bei Medikamenten

Fiebersaft ausverkauft: Ein Pharmaunternehmen aus Ulm erklärt die Gründe

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INTERVIEW
Peter Schmid
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Christine Janke
SWR Aktuell Autorin Christine Janke

Materialengpässe, Rabattverträge mit Krankenkassen und Mitarbeitermangel - es gibt aktuell viele Ursachen für fehlende Medikamente. Warum keine schnelle Lösung in Sicht ist.

Für die Engpässe bei manchen Medikamenten gibt es derzeit viele Ursachen. Nach Einschätzung des Geschäftsführers der ratiopharm GmbH in Ulm, Andreas Burkhardt, lässt sich das Problem nicht schnell lösen. Er ist zugleich Geschäftsführer von Teva Deutschland und Österreich.

Mehr als 300 Arzneimittel sind in Deutschland derzeit gar nicht oder nur eingeschränkt lieferbar, so das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Lieferengpässe sind auch in Apotheken in Ulm spürbar. Es fehlen unter anderem Blutdruck-Medikamente und Antibiotika-Säfte für Kinder.

Günstige Medikamente besonders gefragt

Fiebersäfte beispielsweise werden beim Ulmer Pharmariese Teva produziert. Teva hatte vor rund zwölf Jahren den Ulmer Generikahersteller ratiopharm gekauft.

Ratiopharm-Geschäftsführer Burkhardt sieht folgendes Problem in der Arzneimittelversorgung: Krankenkassen setzten auf günstige Medikamente. Pharmaunternehmen, die günstig produzieren, würden bevorzugt, sagt er.

"Diese 'Hauptsache billig'-Mentalität, die wir schon lange im Gesundheitswesen verfolgen, führt dazu, dass Unternehmen immer schlankere Produktionsprozesse aufbauen, um kostengünstig zu sein. Das erhöht das Risiko massiv."

Hersteller würden in der Folge beispielsweise auf den billigsten Lieferanten setzen. Fiele dieser aus, funktioniere das Preisgebilde nicht mehr: Die Produktion werde teurer, der Preis decke die Kosten nicht mehr.

Der Chef der ratiopharm GmbH nennt als Beispiel den Paracetamol-Fiebersaft: "Wir hatten 60 Prozent Marktanteil, unser Konkurrent 30 Prozent. Der Konkurrent stieg aus, weil die Produktion nicht mehr kostendeckend durchgeführt werden kann. Jetzt müssen wir allein den Markt komplett versorgen."

Schon seit Monaten gibt es Probleme bei der Lieferung von Paracetamol- und Ibuprofen-Säften. Darauf weist auch die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg auf ihrer Homepage hin. Mehrkosten, die Patientinnen und Patienten deshalb möglicherweise entstehen, übernehmen demnach bis auf Weiteres die Krankenkassen.

Lange Vorlaufzeit in der Produktion - auch bei Fiebersaft

Das Hauptproblem an der aktuellen Situation ist laut ratiopharm-Chef Burkhardt die Kurzfristigkeit: Demnach lässt sich in einem Pharmaprozess die Produktion nicht auf die Schnelle erhöhen. Die Produktionssteigerung benötige einen Vorlauf von sechs bis neun Monaten - Fiebersaft sei da nur ein Beispiel.

"Wir können nicht von heute auf morgen unsere Produktion um 30 Prozent steigern."

Auch der Mangel an Arbeitskräften sowie Schwierigkeiten in den Lieferketten, beispielsweise bei Hilfsstoffen, spielen eine Rolle. Um viele Materialien konkurrieren zudem auch andere Firmen. Beispielsweise ist Papier für die Faltblättchen in den Packungen knapp, das gleiche gilt in Bezug auf Folien für Tablettenblister.

Medikamente tauschen?

Der Chef des Ulmer Arneimittelherstellers hält nichts von Tauschbörsen für Medikamente. Solche Tauschbörsen hatte der Präsident der Ärztekammer am Wochenende vorgeschlagen. Man wisse dann jedoch nicht, wie alt die Medikamente seien oder wie sie gelagert wurden, erklärte Burkhardt.

Zudem sei es keine gute Idee, mehr Medikamente vorab zu lagern. Denn Lagerhaltung verteure das Produkt. Außerdem könne man nicht so viel vorhalten, um eventuell einen großen Konkurrenten zu ersetzen.

Mehr Pharmaunternehmen - mehr Wettbewerb

Durch die Fixierung auf günstige Medikamente haben nach Überzeugung von Burkhardt einzelne Unternehmen einen hohen Marktanteil. Gäbe es mehr Anbieter, gäbe es auch mehr Möglichkeiten, Ausfälle aufzufangen.

Die Idee von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), Preise anzuheben, hält er für den richtigen Schritt. Die Herstellung beispielsweise von Fiebersaft für Kinder könne so attraktiver werden.

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