Die Justizvollzugsanstalt von oben aufgenommen. Auf dem rund sieben Hektar großen Gelände mit mehreren Gebäuden sind rund 500 Gefangene untergebracht.

200 Jahre Erfahrung mit Häftlingen

Traumjob im Gefängnis Rottenburg

Stand
Autor/in
Anne Schmidt
Anne Schmidt ist Reporterin für Hörfunk, Online und Fernsehen beim SWR im Studio Tübingen.

Der eine wollte einen sicheren Job, die andere was mit Menschen zu tun haben. Die JVA Rottenburg ist ein bedeutender Arbeitgeber in der Stadt. Zwei Azubis erzählen.

"Schloss eins" lautet die Adresse der Justizvollzugsanstalt in Rottenburg (Kreis Tübingen) und erinnert daran, dass dort einst ein Schloss stand, in dem Adelige Feste feierten. Am 14.6.1824, also vor genau 200 Jahren, wurde das Gefängnis gegründet. Kein einfacher Arbeitsplatz - bis heute.

Und trotzdem gibt es junge Menschen, die dort ihre Ausbildung machen. Dabei kommen die wenigsten direkt von der Schule. Einige hatten vorher schon anderes ausprobiert. So wie die 26-jährige A. Bauer und ihr 23 Jahre alter Kollege M. Zechelein. Bauer studierte zuvor Deutsch und Politik. Sie wollte Lehrerin werden. Zechelein ist ausgebildeter KfZ-Mechatroniker. Jetzt wird er Justizvollzugsbeamter und hat täglich mit Straftätern zu tun. Aktuell machen 27 junge Menschen im Rottenburger Gefängnis eine Ausbildung.

Die JVA sucht weitere Justizvollzugsbeamte, der Betreuungsschlüssel für die Häftlinge ist hoch. Diese beiden Auszubildenden sind im ersten und zweiten Lehrjahr. Rund ein Viertel der rund 320 Beschäftigten sind Frauen.
Für die Auszubildenenden in der JVA Rottenburg A. Bauer und M. Zechelein ist der Beruf im Gefängnis ein Traumjob: Sie sind hautnah dran an Menschen, die es nicht einfach haben im Leben.

Gefängnis Rottenburg: Kontakt mit den Gefangenen

Auf den Beruf des Justizvollzugsbeamten beziehungsweise der Justizvollzugsbeamtin kamen sie über Bekannte, die in der JVA Rottenburg arbeiten. Bauer und Zechelein haben im Gefängnis ihren Traumjob gefunden. Ihnen gefällt vor allem die Zusammenarbeit im Team und der Kontakt zu den Gefangenen.

"Man ist sehr nah dran an den Menschen", so Bauer. Wichtig für sie sei es, den Gefangenen mit Respekt zu begegnen. In schwierigen Situationen sollte man ruhig bleiben und mit Häftlingen, die aggressiv sind, einfach reden. Brenzlige Situationen gebe es immer wieder, da sei es wichtig, die Ruhe zu bewahren.

99 Prozent der Probleme lassen sich durch Reden lösen.

Kein Tag gleiche dem anderen, so Bauer. Ob im Spätdienst auf Kontrollgängen oder im Frühdienst, wenn Häftlinge von der Zelle zum Arbeitsplatz begleitet werden. Es gebe immer neue Situationen, die man noch nie hatte, sagt Zechelein. Nach fast zwei Jahren Ausbildung könne er auch anders auf die Insassen zugehen: "Man kennt die Gefangenen und weiß, wie sie ticken und kann mit ihnen anders reden. Auch die Gefangenen wissen, wie man drauf ist und kennen einen." So manche Auseinandersetzung ließe sich auch mit Humor entschärfen, sagt der 23-Jährige.

Hohe Frauenquote im Gefängnis für Männer

"Die Arbeit passt nicht für jeden", sagt der Leiter der Justizvollzugsanstalt, Matthias Weckerle. Die Beamten müssten auch offen sein für Menschen, die schwierig sind und nicht mit einem in Kontakt treten wollen. Mann müsse auch negative Erlebnisse und Erfahrungen aushalten können, die Frustrationstoleranz sollte hoch sein. Es gehe darum sowohl eine Nähe zu den Gefangenen aufzubauen als auch eine professionelle Distanz zu wahren. "Weil dies insbesondere Frauen gut beherrschen ist der Frauenanteil unter den Justizvollzugsbeamten in Rottenburg relativ hoch", so Weckerle. Ein Viertel von ihnen sind Frauen.

Die Gefängniszellen der Justizvollzugsanstalt Rottenburg sind rund sechs bis acht Quadratmeter groß.
Die Gefängniszellen im Rottenburger Gefängnis sind rund sechs bis acht Quadratmeter groß. Aktuell sitzen 500 Männer ein: vom Drogendealer bis hin zu Insassen, die einen Mord begangen haben.

Ausgang nur mit Fesseln und mindestens zu zweit

Wichtigstes Utensil der angehenden Justizvollzugsbeamten: Ein dicker Schlüsselbund für die vielen Gittertore, sowie ein zweiter für die Türen zu den Räumen fürs Personal. Jeder, der im Gefängnis arbeitet, schließt vor Dienstbeginn seine Wertsachen ein und besorgt sich in der Eingangsschleuse sein eigenes Funkgerät. Das ist so groß wie ein Handy. Mit ihm können die Angestellten Kontakt mit ihren Kollegen halten und im Ernstfall die Notruftaste drücken. Dann schlagen alle Geräte der 330 Bediensteten im Rottenburger Gefängnis Alarm.

Bauer und Zechelein begleiten die Häftlinge auch hin und wieder zu einem Prozess oder Facharzttermin außerhalb der Anstalt. Dann sind sie mindestens zu zweit, "falls man sich mal aushelfen muss, wenn etwas wäre", so Zechelein. Für jeden Insassen gibt es genaue Anweisungen, welche Fessel für ihn verwendet werden muss.

Auszubildender M. Zechelein in der 200 Jahre alten JVA in Rottenburg überprüft die Fesseln für die Häftlinge.
Mit diesen Fesseln werden die Häftlinge ins Gericht geführt. Zechelein prüft, ob die Handschellen für den Ernstfall einsatzfähig sind.

Rottenburg bildet für neues Gefängnis in Rottweil aus

Zechelein beendet im Sommer seine Ausbildung, Bauer erst in gut einem Jahr. Beide wollen danach im Rottenburger Gefängnis bleiben. Aktuell laufen viele Bewerbungssgespräche. Denn für den Neubau der JVA Rottweil werden weitere Justizvollzugsbeamte benötigt. Die werden auch in Rottenburg ausgebildet.

Zum 200-jährigen Bestehen der JVA soll es Ende August im Rottenburger Rathaus eine Ausstellung geben. In der werden viele Fotos und alte Utensilien aus der Gründungszeit gezeigt, beispielsweise originale Anstaltskleidung aus dunkelgrünem Cord. Oder Aufnahmen einer historischen Gefängniszelle mit Holzpritsche, die sich noch heute in einem Trakt des Verwaltungsgebäudes befindet.

Blick durchs Guckloch in eine historische Gefängniszelle. Sie befindet sich im alten Gefängnistrakt der JVA Rottenburg.
Blick durchs Guckloch: Eine historische Gefängniszelle im alten Gefängnistrakt der JVA Rottenburg aus dem 18. Jahrhundert.

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