Der katholische Stadtdekan Stuttgarts, Dr. Christian Hermes, lächelt in die Kamera. (Foto: Deutscher Caritasverband)

Vierte Versammlung des Synodalen Weges

Stuttgarts Stadtdekan Hermes befürchtet Ende der Volkskirche

STAND
INTERVIEW
Diana Hörger

Der Stuttgarter Stadtdekan Hermes mahnt im SWR-Interview dringende Reformen in der katholischen Kirche an. Sonst drohe eine "Versektierung". Viel Zeit bleibe der Kirche nicht.

Am Donnerstag beginnt die vierte Versammlung des Synodalen Weges. Dieser war vor allem als Reaktion auf die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche entstanden. Seitdem werden Veränderungen gefordert. Im Juli hat der Vatikan in einem Schreiben vor einer Spaltung der Kirche durch den Synodalen Weg gewarnt. Viele Laien, aber auch viele Bischöfe und Priester stehen hinter dem Synodalen Weg. Auch Stuttgarts katholischer Stadtdekan Christian Hermes.

SWR: Herr Hermes, sind Sie noch optimistisch, mit dem Synodalen Weg in der katholischen Kirche etwas verändern zu können?

Christian Hermes: Ich bin vor allem realistisch und sehe natürlich, wie schwierig es bei vielen der Themen ist, wo bei uns hier die Hütte brennt in der Kirche. Das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter, aber auch die Frage der Macht und Herrschaftsstrukturen in der Kirche und vieles mehr. Und es ist tatsächlich so, dass in Rom da große Angstfantasien sind, was jetzt aus Deutschland kommt. Aber gleichzeitig hat Papst Franziskus einen weltweiten synodalen Prozess angestoßen, und er wünscht sich, dass Vorschläge kommen. Das Ermutigende ist, dass viele der Anliegen, die hier in Deutschland artikuliert werden, aus allen Teilen der Welt kommen. Also da gibt es eine große Bewegung. Oh Wunder, in der katholischen Kirche. Sie lebt und sie entwickelt sich.

"In Rom sind große Angstfantasien, was da aus Deutschland kommt."

Weshalb ist das Frauenpriestertum so wichtig in dem Zusammenhang? Und weshalb setzen sie sich dafür ein, also auch gegen den Willen offensichtlich von Rom?

Es ist so, dass Papst Johannes Paul II. 1994 die Diskussion für beendet erklärt hat. Und schon das, glaube ich, ist eine Zumutung. Es lassen sich Diskurse und Diskussionen nicht einfach per basta abwürgen. Das Lehramt muss einfach ernst nehmen, wenn Entscheidungen über viele Jahre immer wieder aufbrechen und diskutiert werden. Gerade die katholische Kirche tritt ja ein für die Würde des Menschen. Und wir nehmen hier eben wahr, dass es überhaupt nicht mehr zusammenpasst und auch unsere Glaubwürdigkeit untergräbt, wenn wir da auf solche Weise nicht unsere Hausaufgaben machen und Menschen ungleich behandeln, eben weil sie nicht Männer sind, weil sie nicht Priester sind.

Und was befürchten Sie, wenn Sie ihre Hausaufgaben nicht machen? Was mit der katholischen Kirche in Deutschland oder auch weltweit passiert?

Das ist relativ leicht vorherzusehen. Wenn die katholische Kirche sich jetzt auf ein traditionalistisches Bild von Geschlechterrollen, auf autoritäre, absolutistische Machtstrukturen zurückzieht und behauptet, diese seien von Jesus so gewollt - was ich theologisch für hanebüchen halte und viele mit mir - dann wird die Kirche einfach nur noch für einen sehr, sehr, sehr und immer kleineren Teil der Gesellschaft attraktiv werden. Nämlich für Traditionalisten, die Demokratie, Gleichberechtigung und so weiter ablehnen. Dann ist es aus mit so etwas wie Volkskirche, sondern dann kommt das, was Religionssoziologen eine Versektung nennen.

Verstehen Sie denn, dass der Vatikan Angst hat vor diesen Reformen?

Ich kann das super nachvollziehen. Wer verliert schon gerne Macht? Es ist tatsächlich so, dass das natürlich ein gezieltes Manöver war, um den Prozess zu irritieren und zu stören. Und eigentlich auch zeigt, wie schlecht informiert und wie oberflächlich man im Vatikan diesen Prozess wahrnimmt. Also, wenn der Vatikan jetzt sagt, die deutsche Kirche sei nicht berechtigt, weltkirchliche Strukturen zu verändern, dann sagen wir: Ja, das wissen wir schon ganz lange. Das steht sogar in der Satzung des Synodalen Weges drin. Bei all den Themen, die wir hier nationalkirchlich und diözesan zusammen regeln können, werden wir das tun. Aber es gibt ganz viele Themen, da wissen wir alle, dass wir nur ein Votum nach Rom schicken werden. Das sind Themen, die dann nicht einmal vom Papst, sondern vielleicht sogar auch von einem weltweiten Konzil aller Bischöfe beraten und beschlossen werden müssen. Ich bin aber auch sehr skeptisch im Blick auf unsere deutsche Kirche, ob wir die Zeit noch haben. Weil, es sind extrem viele Chancen, von den Bischöfen der deutschen Kirche in den letzten Jahren und Jahrzehnten verpasst worden.

"Ich bin optimistisch, aber nicht kurzfristig, sondern mit einem langen Atem."

Was wünschen Sie sich denn vor dem Hintergrund vom Papst?

Ich glaube, dass Papst Franziskus einen großartigen Prozess in Gang setzt. Ich wünsche ihm einfach Kraft und Energie, da durchzuhalten, nicht locker zu lassen, manchmal vielleicht noch seine Worte zu wägen. Also kürzlich dieser Spruch, den er da losgelassen hat, es gäbe ja in Deutschland schon eine protestantische Kirche, die sehr gut sei, und man bräuchte keine zweite. Solche Sprüche, die hören sich vielleicht mal ganz flockig an, aber nützen natürlich dem Prozess nicht so. Aber sein Anliegen unterstütze ich und wünsche ihm viel Kraft und Gottes Segen dafür.

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