Vorbereitung auf den Herbst und Winter

Heidelberger Virologe Kräusslich fordert rechtzeitige Corona-Maßnahmen mit Augenmaß

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Im Gespräch mit SWR Aktuell fordert der Heidelberger Virologe Hans-Georg Kräusslich eine gute Vorbereitung auf das Winterhalbjahr, um Corona in den Griff zu bekommen.

SWR Aktuell: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Hans-Georg Kräusslich: Wir sehen in Baden-Württemberg und bei uns in der Region das Gleiche, was wir generell in Deutschland und in anderen Ländern sehen: Den deutlichen Anstieg der Fallzahlen durch die BA.5-Variante, die sich jetzt durchgesetzt hat. Wir erleben, dass auch im täglichen Betrieb Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Klinikum im Forschungsbereich und in der Fakultät durch Corona-Infektionen überall ausfallen. Der Anstieg wird mit hoher Wahrscheinlichkeit noch eine gewisse Zeit weitergehen.

In manchen Bundesländern gibt es Ferien, bei uns noch nicht. Also ich rechne nicht damit, dass es jetzt einfach aufhört. Wir sehen auch einen Anstieg bei den stationär behandelten Patienten sowie bei den Intensivstationen in den vergangenen zehn Tagen. Eine Überlastung des Intensivsystems ist nicht absehbar und auch im Moment nicht zu erwarten. Die Belastung ist eher dadurch gegeben, dass es beim Personal - im Pflegebereich, bei Ärztinnen und Ärzten und auch im technischen Bereich - überall sehr viele Ausfälle sind, die kaum kompensiert werden können bei der dünnen Personaldecke.

Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Virologie am Uniklinikum Heidelberg  (Foto: Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD))
Prof. Dr. med. Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Virologie am Uniklinikum Heidelberg Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD)

SWR Aktuell: Welche Maßnahmen müssten aus Ihrer Sicht ergriffen werden, damit die Infektionszahlen jetzt wieder sinken?

Kräusslich: Draußen brauchen wir keine Masken. Aber wenn ich in Sitzungen bin - ich komme gerade aus einer Sitzung mit Kollegen in einem Besprechungsraum - haben wir alle eine FFP2-Maske auf. In der Klinik schauen wir, dass wir das sehr, sehr sorgfältig durchhalten und egal, was man so hört: Masken wirken, Masken schützen. Wenn ich also verhindern will, dass ich mich in Innenräumen infiziere, wenn ich mich dort länger mit anderen Menschen aufhalte: Dann ist Maske tragen auf jeden Fall eine sinnvolle Maßnahme.

"Egal, was man so hört: Masken wirken, Masken schützen."

Ferner wäre wichtig, dass jetzt sehr schnell die Voraussetzungen für den Herbst geschaffen werden. Das Schlechteste, was ich mir vorstellen könnte, ist, dass sich die Koalition über den Juli hinweg weiter streitet, wie man weiter mit dem Infektionsschutzgesetz vorgehen will - und dann irgendwann im September, kurz bevor dieses ausläuft, eine handgestrickte Version zusammenbringt, die möglicherweise nicht die richtigen Maßnahmen vorsieht: Also Maßnahmen mit Augenmaß wie Maskentragen als mögliche Verpflichtung für verschiedene Bereiche und die Impfkampagne für den Herbst auf den Weg bringen und zwar parallel für Corona und für Influenza. Davor kann man sich nicht absolut schützen. Aber vor den schweren Krankheitsverläufen ist ein Schutz gut möglich und darauf hoffe ich sehr.

"Wir sehen auf der südlichen Halbkugel, wo jetzt Winter ist, dass sehr viele Grippefälle auftreten. Es ist zu befürchten, dass wir zum Herbst beides bekommen."

SWR Aktuell: "Maskentragen in Innenräumen": Gilt das Ihrer Ansicht nach auch wieder für die Supermärkte? Sollte man damit jetzt wieder anfangen?

Kräusslich: Ich glaube, die Supermärkte und Geschäfte, die einen relativ schnellen Durchlauf haben, wo die Menschen reingehen, wieder rausgehen, sind eher nicht die Bereiche, wo man eine erhebliche Belastung erwarten würde. Es sind eher die Bereiche, in denen man länger sitzt - also wenn ich stundenlang im Kino sitze, wenn ich stundenlang in anderen Veranstaltungen sitze, in Innenräumen: dann würde ich persönlich das nicht machen, ohne eine Maske zu tragen.

SWR Aktuell: Die Zahlen steigen überall, gleichzeitig wurden die kostenlosen Bürgertests abgeschafft. Ist das nicht eine Maßnahme, die aus Ihrer Sicht möglicherweise kontraproduktiv ist?

Kräusslich: Meine Überzeugung ist, dass die Bürgertests für die Infektionskontrolle insgesamt im öffentlichen Gesundheitswesen nicht viel beitragen. Deswegen glaube ich, dass sie flächendeckend keine Hilfe sind. Für den Einzelnen, der sagt, ich möchte aber mich und meine Umgebung schützen und möchte, wenn ich meine Eltern besuche, wenn ich ältere Verwandte besuche, kein Risiko austragen - dafür sind sie durchaus einsetzbar.

SWR Aktuell: In den vergangenen Pandemie-Jahren waren die Infektionszahlen im Sommer ja immer niedrig. Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki hat in einem Interview im Deutschlandfunk gesagt, wenn die Zahlen jetzt vergleichsweise hoch sind, dann würde eine mögliche Herbstwelle aus seiner Sicht deutlich geringer ausfallen als sonst. Ist denn an dieser Theorie aus Ihrer Sicht irgendetwas dran?

Kräusslich: Ich glaube, das ist sehr, sehr spekulativ. Da werden unterschiedliche Dinge miteinander zusammengebracht und in eine - wenn man die vorherigen Äußerungen von Herrn Kubicki mit in die Diskussion nimmt - vorgefasste Meinung hinein gepresst. Wir wissen nicht genau, mit welcher Variante wir es im Herbst zu tun haben werden.

Ich habe auch mit vielen Modellierern und Kolleginnen und Kollegen gesprochen, die sich mathematisch damit beschäftigen, und niemand von ihnen traut sich im Moment, eine Vorhersage für eine Herbstwelle zu machen. Die Vorhersagen, die derzeit gemacht werden, gehen bis Ende August.

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