Ein Vogel attackiert in Weinsberg sein Spiegelbild. (Foto: SWR)

Was steckt hinter dem Phänomen "Spiegelkämpfer"?

Kuriose Vogel-Attacken auf Autos in Weinsberg

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Drosseln gehen auf Fenster und Autos los. Die Nachbarschaft versucht, sich kreativ zu wehren. Dahinter steckt laut NABU ein natürliches Phänomen.

Elektromeister Jan Unvericht hat schon einiges versucht. Unter anderem stellte er einen großen Plastikraben und einen Osterhasen in seine Fenster, doch die Drosseln hackten den Raben kurzerhand vom Fensterbrett. Unsanft landete die Attrappe ein Stock tiefer. Im Maulrainweg in Weinsberg (Kreis Heilbronn) fliegen seit Tagen immer wieder Drosseln regelrechte Attacken auf Fenster und Autoscheiben.

Auch der Hase vorm Fenster reichte nicht, um die Vögel abzuschrecken. (Foto: SWR)
Auch der Hase vorm Fenster reichte nicht, um die Vögel abzuschrecken.

Anwohner von Vögeln genervt

Auch zwei Nachbarinnen haben die Vögel bei dem kurios anmutenden Verhalten schon beobachtet. Sie berichten von zwei Tieren, die immer wieder am Fenster und auf Autodächern mit ihrem Spiegelbild kämpfen. Zu hören seien aber mehr Tiere, "schätzungsweise acht bis zehn". Neben dem Hacken gegen die Fensterscheiben und Rollläden koten und spucken die Vögel auch mit Beeren. An der Scheibe und auf dem Fensterbrett sind deutliche Spuren zu sehen.

Phänomen "Spiegelkämpfer" zur Brutzeit ganz normal

Dr. Ulrich Tammler ist Fachbeauftragter für Ornithologie beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) und kennt das Phänomen, das als "Spiegelkämpfer" oder auch "Spiegelfechter" bezeichnet wird. Es tritt zur Brutzeit zwischen März und Juni bei kleineren Vögeln auf. Betroffen sind zum Beispiel Bachstelzen, Rotkehlchen, Amseln aber auch hin und wieder Krähen.

"Die Vögel entdecken ihr Spiegelbild, halten dies für einen Rivalen und dann werde dieser attackiert, mit dem Ziel, ihn aus dem Revier zu vertreiben", sagt Tammler. Nur ein Spiegelbild kann sehr hartnäckig sein. So kommt es, dass die Tiere oft immer wieder dieselbe Scheibe attackieren. Verletzen tun sie sich dabei allerdings höchst selten, erklärt Tammler.

Brutzeit bringt Hormone in Wallung

Es gibt Berichte von größeren Vögeln, die an Fensterdichtungen oder Ähnlichem herumhacken und so die Stellen beschädigen. Wenn die Brutzeit vorbei ist und die Hormone und der Reviertrieb nachlassen, kehrt in der Regel wieder Ruhe ein. Wer das Nest einfach entfernt und die Brut dadurch zu Schaden kommt, macht sich strafbar, mahnt Tammler. Die Vögel stehen unter Artenschutz.

Im Baum in der Mitte haben die Vögel ihr Nest. Von dort aus fliegen sie die Attacken gegen die Fenster in der Umgebung. (Foto: SWR)
Im Baum in der Mitte haben die Vögel ihr Nest. Von dort aus fliegen sie die Attacken gegen die Fenster in der Umgebung.

Da im Fall Weinsberg ein Vogelpaar die Scheiben attackiert, geht der Experte davon aus, dass die Jungen im Nest bereits geschlüpft sind und beide Elternteile versuchen einen vermeintlichen Futterkonkurrenten zu vertreiben. Das "Spiegelfechten" bedeute Stress für die Vögel und gehe von der Fütterungszeit ab, deshalb sollten die Nachbarn dringend handeln, so Tammler.

Was hilft bei Vogelattacken? Tipps vom Experten

Der NABU-Experte rät die betroffenen Fenster- und Spiegelflächen von außen abzudecken, damit die Spiegelwirkung verhindert wird. Innen angebrachte Abwehrmaßnahmen sehen die Vögel nicht und springen weiterhin ihr Spiegelbild an. Betroffene Fenster- und Rollläden sollten geschlossen gehalten, Autos entsprechend umgeparkt oder Spiegel abgedeckt werden. "Zur WM schaffen es Autobesitzer ja auch, Spiegel und Autodächer mit Fahnen zu überziehen", sagt Tammler.

Vogelaufkleber bringen nichts

Das Anbringen von Greifvogelsilhouetten, wie man sie an Brückengeländern aus Glas manchmal sieht, sei dagegen zwecklos. "Die Vögel erkennen darin keinen Feind und ihr Spiegelbild ist weiterhin sichtbar", erklärt Tammler. Manchmal kann es auch sein, dass die Vögel nur zum nächsten Fenster wandern und sich der Spuk dort weiter fortsetzt. Schweizer Naturschützer haben ein Merkblatt mit den Tipps zusammengestellt.

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