In der Volkshochschule (VHS) Karlsruhe steht an einem Whiteboard das Wort Lehrer in verschiedenen Gender-Schreibweisen. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Uli Deck)

Genderstern und Binnen-"I"

Gendern an Schulen in BW: Geschlechtersensible Sprache oft ein Dilemma

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Annika Jahn

Wie umgehen mit genderneutraler Sprache an Schulen? Schreibweisen mit Genderstern, Unterstrich oder Doppelpunkt werden nicht empfohlen. Das kritisiert der Landesschülerbeirat.

Gerade unter jüngeren Menschen wird - sowohl im mündlichen als auch im schriftlichen Sprachgebrauch - immer häufiger gegendert. Das berichteten auch Lehrkräfte am Hellenstein-Gymnasium in Heidenheim dem SWR. Doch wer Schreibweisen mit Genderstern und Co. verwendet, kann in Klassenarbeiten schon mal einen Fehler angestrichen bekommen. Zwar ist der Deutsche Rechtschreibrat der Auffassung, dass allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll - beispielsweise durch geschlechtsneutrale Schreibweisen wie Lehrkräfte oder Studierende - aber Schreibweisen mit Genderstern sieht die Rechtschreibordnung noch nicht vor.

Soll in der Schule gegendert werden? Soll Schulkindern geschlechtersensible Sprache nahegelegt werden? Darüber wird in Baden-Württemberg an Schulen immer häufiger diskutiert. Aus der SWR Redaktion Landespolitik berichtet Annika Jahn.

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Rechtschreibordnung in der Schule: Neutrale Nomen gewünscht

Dass Schreibweisen mit Genderstern, Binnen-"I" oder Doppelpunkt in der Rechtschreibordnung nicht empfohlen werden, prangern Teile der Schülerschaft an. An der Heidenheimer Schule wird all das immer häufiger diskutiert. Die Lehrerin Laura Müller nutzt in ihrem Unterricht jeden Tag Binnen-"I"s und genderneutrale Sprache. Seit drei Jahren unterrichtet sie an dem Gymnasium. Sie habe in ihrer Zeit an der Schule gemerkt, dass es bei den Schülerinnen und Schülern sehr viel Bedarf für genderneutrale Sprache gebe.

"Wir haben viele Schüler_innen, die tatsächlich auf einen zukommen und sagen: Ich möchte nicht, dass man mich 'sie' nennt, auch wenn ich vielleicht aussehe wie ein Mädchen."

So habe Müller angefangen, die gendersensiblen Ausdrucksweisen in ihren Sprachgebrauch zu übernehmen. "Weil ich, wenn ich die Chance habe diese Kinder nicht zu diskriminieren, dann auch einfach ein Zeichen setzen kann", erklärt sie. Bei den Schülerinnen und Schülern am Hellenstein-Gymnasium in Heidenheim komme das überwiegend gut an.

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Lehrkräfte dürfen Genderstern und Co. als Fehler anstreichen

Das Kultusministerium schreibt vor, dass der deutsche Rechtschreibrahmen für Klassenarbeiten gilt. Dieser sieht Binnen-"I"s und Genderstern nicht vor. Deshalb können Lehrkräfte Schreibweisen wie "SchülerInnen" in Klausuren als Fehler anstreichen.

Jakob Jung, der Vorsitzende des Landesschülerbeirats, kritisiert, dass das immer wieder passiere. "Es gibt immer noch die 20 oder lassen wir es nur 15 Prozent sein, die das tatsächlich nicht gut finden und dann Macht oder Entscheidungsgewalt ausnutzen" und Genderschreibweisen in Klassenarbeiten deshalb anstreichen würden. "Wir finden das nicht mehr zeitgemäß", so Jung.

Deutscher Rechtschreibrat beobachtet die Sprachentwicklung

Der Deutsche Rechtschreibrat beobachtet die Sprachentwicklung und das Problem mit dem Gendern an Schulen schon länger, auch er wolle niemanden mit Sprache ausgrenzen. Doch so einfach empfehlen könne man Schreibweisen mit Genderstern nicht, erklärt Geschäftsführerin Sabine Krome.

"Das stellt gravierende Eingriffe in Orthographie, Grammatik und Wortbildung dar."

Laut Krome ist das Gendern besonders gravierend für Deutschlernende. "Also für Schülerinnen und Schüler, aber auch für Menschen mit Migrationshintergrund. Und wenn man solche Formen zulässt oder empfiehlt, schließt man auch gleichzeitig bestimmte Gruppen aus der Schreibgemeinschaft aus", so Krome. Sprache müsse verständlich, eindeutig und gut lesbar sein, meint die Geschäftsführerin des Deutschen Rechtschreibrats. Das sei mit Genderschreibweisen nicht mehr erfüllt. Vor allem nicht, wenn zusätzlich noch alle Artikel und Pronomen genannt werden müssten.

Landesschülerbeirat: Rechtschreibung anpassen

Trotz alledem: Laut Landesschülerbeirat muss der Rechtschreibrat seine Empfehlung überarbeiten und Lösungen erarbeiten. Denn die Akzeptanz der queeren Community müsse auch an den baden-württembergischen Schulen in allen Bereichen ankommen, so der Schülerbeirat. Außerdem wird gefordert, dass sich auch Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) dafür einsetzt. Schopper sieht das baden-württembergische Schulsystem in diesem Fall auf "einem ganz, ganz guten Weg. Sprache entwickelt sich und ist nichts Statisches, was man festklopft. Von daher wird es auch sicherlich in den nächsten Jahren darin immer Bewegung geben", so die Kultusministerin.

Der Rechtschreibrat hat zum Thema genderneutrale Sprache an Schulen mittlerweile eine Arbeitsgruppe gebildet und will sich Ende September - und ein weiteres Mal im Februar - mit dem Thema befassen.

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„Ich finde, es sollte jede Person selbst darüber entscheiden, ob sie gendergerechte Sprache verwendet oder nicht“, sagt Carolin Müller-Spitzer, Projektleiterin „Empirische Genderlinguistik“ am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim.
Sie plädiert für mehr Toleranz in der aufgeheizten Debatte um den Genderstern: „Es ist ein Irrglaube zu meinen, man müsste sich jetzt immer auf eine Strategie einigen. Auch fast alle konstruktiven Leitfäden sagen, mixen Sie die Strategien. ,,Man müsse sich klarmachen, was man sagen wolle, so Müller-Spitzer. Meistens wolle man die Assoziation dafür schaffen, dass man nicht nur Männer meine, sondern eine gemischte Gruppe im Sinn habe: Es reicht durchaus, am Anfang den Genderstern zu nehmen und dann abzuwechseln. Das ist nicht schlimm, sondern das zeigt die Kreativität und den Werkzeugkasten, den wir zur Verfügung haben.“
Der Streit ums Gendern werde unproduktiv geführt, so Müller-Spitzer. Oft werde dabei nicht der aktuelle Forschungsstand widergespiegelt: „Es gab auch schon einen offenen Brief in der Zeitschrift „Holschuld und Lehre, wo über siebzig amtierende Professor*innen der Germanistischen Linguistik deutlich gesagt haben, es entspreche dem linguistischen Forschungsstand, dass man das generische Maskulinum in Frage stellt.“ Es könne nicht nur eine kleine Gruppe von Linguisten und Linguistinnen für sich in Anspruch nehmen, was die Position der Sprachwissenschaft sei.  mehr...

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