Ein 85-jähriger Autofahrer hat in Blaustein (Alb-Donau-Kreis) mit seinem Wagen ein Kind auf einem Gehweg erfasst. Die Achtjährige starb noch an der Unfallstelle. Im Bodenseekreis ist bei einem schweren Unfall ein 68-jähriger Radfahrer ums Leben gekommen. Der Unfallverursacher: Ein 88-jähriger Autofahrer. Meldungen wie diese befeuern immer wieder die Diskussion, ob Seniorinnen und Senioren ab einem bestimmten Alter ihre Fahrtauglichkeit unter Beweis stellen müssten. Wie etwa im Nachbarland Schweiz. Dort müssen alle Menschen im Alter von 75 Jahren und mehr alle zwei Jahre zu einer medizinischen Kontrolle zu ihrem Hausarzt.
Ältere Menschen fahren laut ADAC Württemberg nicht schlechter Auto
Aber sind ältere Menschen statistisch gesehen wirklich die schlechteren Autofahrer? Der ADAC Württemberg sagt dazu klar: "Nein". Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass die Gruppe der älteren Autofahrenden überdurchschnittlich viele schwere Unfälle verursache, zeige die Unfallstatistik ein anderes Bild, heißt es vom Automobil-Club.
In Baden-Württemberg wurden laut dem Landesinnenministerium im vergangenen Jahr insgesamt 308.597 Verkehrsunfälle registriert. Personen ab einem Alter von 65 Jahren waren an 26.386 davon aktiv beteiligt. Bei 6.512 Verkehrsunfällen wurden demnach Personen schwer verletzt oder getötet. Bei den Unfällen mit Beteiligung von Seniorinnen und Senioren waren es 1.713 Personen, die schwer verletzt oder getötet wurden. Fast zwei Drittel der Unfälle, in die ältere Menschen verwickelt waren, haben sie laut Innenministerium selbst verursacht.
Laut Statistik seien ältere Menschen in Relation zum Bevölkerungsanteil zwar seltener in Verkehrsunfälle verwickelt, allerdings seien sie oft Hauptverursacher und trügen zudem tragischere Folgen davon, heißt es vom baden-württembergischen Verkehrsministerium. Das Statistische Bundesamt weist darauf hin, dass die geringere Unfallbeteiligung unter anderem daran liegen dürfte, "dass ältere Menschen nicht mehr regelmäßig zur Arbeit fahren und somit seltener als jüngere am Straßenverkehr teilnehmen".
Unfallstatistik 2023 Mehr Verkehrstote in BW, aber weniger Schwerverletzte bei Unfällen
Die Zahl der Verkehrsunfälle und der Unfallopfer ist 2023 in BW weiter gestiegen, die der Schwerverletzten aber gesunken. Insgesamt präsentierte Innenminister Strobl eine gemischte Bilanz.
Verkehrsminister Hermann: "Allgemeine Regeln oder Verbote helfen nicht weiter"
Um die Zahl der Toten und Verletzten im Straßenverkehr zu senken, wollte die EU-Kommission unter anderem eine Art Fahrtauglichkeitstest für ältere Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer durchsetzen. Das wurde aber vom Europäischen Parlament Anfang des Jahres abgelehnt. Es bleibt also den einzelnen Ländern überlassen, ob sie solche Tests durchführen oder nicht. Für Deutschland hat Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) das bereits abgelehnt.
Auch der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hält nichts von verbindlichen Tests. Dem SWR sagte Hermann: "Allgemeine Regeln oder gar Verbote helfen uns in dieser Frage nicht weiter." Die Fahrtüchtigkeit hänge nicht allein vom Alter ab. Ein pauschaler Führerscheinentzug ab einem bestimmten Alter sei daher nicht der richtige Weg.
Alle Fraktionen im Landtag gegen verbindliche Tests
Das sehen die anderen Fraktionen im baden-württembergischen Landtag ähnlich. Auf eine SWR-Anfrage sprechen sich alle dagegen aus. Verpflichtende Fahrtauglichkeitstests für ältere Bürger und Bürgerinnen überzeugen uns nicht, betont der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Thomas Dörflinger. Auch wenn die Diskussion grundsätzlich legitim sei, wie solch tragische Unfälle künftig reduziert werden können. Die CDU spreche sich für freiwillige Fahrtüchtigkeitstests aus - ohne eine Verpflichtung.
Freiwillige Tests unterstützt auch die SPD-Fraktion. Deren verkehrspolitischer Sprecher, Jan-Peter Röderer, sagte: "Für die allgemeine Verkehrssicherheit sollten auch ältere Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer ein Interesse daran haben, ihre Fahrtauglichkeit von Zeit zu Zeit zu überprüfen und daraus dann auch selbst die richtigen Schlüsse ziehen."
FDP-Fraktionschef Rülke: Fahrtauglichkeitstests diskriminieren ältere Menschen
Die AfD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag bezeichnet verpflichtende Tests als gängelnde Eingriffe ins Selbstbestimmungsrecht der Menschen. Fraktionschef Anton Baron sagte dem SWR: "Jeder Mensch soll selbst entscheiden, ob er noch sicher unterwegs ist. Wenn sich Selbst- und Fremdbild nicht mehr decken, können individuell immer noch Verwandte oder Bekannte auf den Widerspruch hinweisen, keinesfalls aber der Staat mit einer willkürlichen Altersgrenze."
Auch die FDP-Fraktion lehnt regelmäßige Tests als Voraussetzung für die Verlängerung des Führerscheins ab. Deren Fraktionsvorsitzender Hans-Ulrich Rülke betont: "Das diskriminiert ältere Menschen, die nachweislich niedrigere Unfallzahlen haben als andere Altersgruppen." Ältere Fahrer seien umsichtiger und wesentlich erfahrener. Es sei auch in der Schweiz sehr umstritten, ob diese Maßnahme wirklich etwas bringe, so Rülke.
Freiwillige Fahrtests für Seniorinnen und Senioren
Der Seniorenrat in Baden-Württemberg hält auch nichts von Fahrtauglichkeitstests, wie sie in der Schweiz stattfinden. In einer schriftlichen Mitteilung heißt es: "Wir unterstützen die Haltung der Politik, Fahrtauglichkeitstests im Alter nicht einzuführen, da der Anlass für einen solchen Test nicht allein das Alter sein kann." Der Seniorenrat verweist allerdings auch auf spezielle Trainings für ältere Menschen.
Auch wenn sich Landesverkehrsminister Hermann gegen die verbindliche Überprüfung der Fahrtauglichkeit ausspricht, betont er, dass es problematisch sei, dass der Führerschein oft bis zum Lebensende ohne weitere Überprüfung gültig bleibe.
Lassen Sie freiwillig Ihre Fahrtauglichkeit von Fahrlehrern oder Ärzten überprüfen. Ein paar Auffrischungsstunden im Alter können ebenfalls sehr hilfreich sein.
Wo gibt es freiwillige Fahrtests für ältere Menschen?
Freiwillige Fahrtests für ältere Menschen bietet unter anderem der Seniorenrat mit weiteren Projektpartnern an. Wer zunächst online seine Reaktion testen möchte, kann das auf der Homepage des baden-württembergsichen Verkehrsministeriums mit einigen Tests tun.
Auch der ADAC führt in Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Landes-Fahrlehrerverband einen Fahr-Fitness-Check durch. Laut ADAC nahmen 2023 landesweit 261 Seniorinnen und Senioren daran teil. Dabei könnten ältere Autofahrerinnen und -fahrer eine Fahrprobe im eigenen Auto mit einem speziell qualifizierten Fahrlehrenden absolvieren, heißt es vom ADAC.
Kommentare (5)
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Weil wir hier gerade beim SWR sind: bei SWR1 und SWR4 wird den Autofahrern jede halbe Stunde vermittelt, dass sie bemitleidenswerte Opfer sind (Stau mit einer Zeitverzögerung von bis zu 10 Minuten - mir kommen die Tränen) ...
Mehr Verkehrssicherheit nicht nur durch Führerscheinentzug bei Senioren über 120, sondern auch durch Durchsetzung der StVO. Nächste Woche fängt die Schule an - und die Autofahrer haben 11 Monate lang gelernt, dass ihnen Narrenfreiheit gewährt wird. Die Schulkinder und deren Eltern würden danken (wenn sie nicht selbst zu den Verkehrssündern gehören, denen alles wurscht ist).
Schade und dumm! Manch ein Senior würde gerne unabhängig prüfen lassen, inwieweit er noch fahrtauglich ist. Denn die meisten von ihnen sind sehr verantwortungsbewusst! Fangt doch mal mit kostenlosen Tests an: Reaktion, Seh- und Hörvermögen, Überblick im Auto. Wäre mit 1 Stunde hinreichend abgecheckt. Und warum machen das die Versicherer nicht? Denen müsste das doch am ehesten am Herzen liegen? HALT, falsch: Solange es keine richtige Konkurrenz gibt und die Kosten locker auf die Versicherten umgelegt werden könne, braucht man sich um Risiko-Minimierung nicht zu kümmern!???
Verkehrsminister Hermann: "Allgemeine Regeln oder Verbote helfen nicht weiter" Hört, hört! Und das von einem Grünen...
Es gibt degenerative neuronale Erkrankungen, bei deren Diagnose der Arzt das Führen eines Kraftfahrzeugs untersagt. Ob sich der Betroffene aber an das Verbot hält, ist seine individuelle Entscheidung. Bis die Erkrankung dann soweit fortgeschritten ist, dass es zum Unfall kommt. Oft fehlt, krankheitsbedingt, die Einsicht des Betroffenen in das Fahrverbot. Wenn es dann keine Angehörige gibt, die einschreiten können, kann es zu tragischen Unfällen kommen. Aus meiner Sicht sollten die Ärzte in solchen Fällen eine Benachrichtigung an die entsprechende Verkehrsbehörde schreiben und diese Behörde dann einen Fahrtest durchführen, bzw. den Führerschein einziehen und ggf. das Fzg. abmelden.