Auf einem bereits überfüllten Stromdraht über einem Acker in der Nähe von Friedberg in Hessen suchen Stare nach freien Plätzen zwischen ihren Artgenossen (Archivfoto vom 05.08.2004).

Klimawandel ändert Zugverhalten

Erste Zugvögel verlassen Sommerquartiere in Baden-Württemberg

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AUTOR/IN
Dominik Bartoschek

"Mauersegler läuten den Vogelzug ein", meldete der NABU Baden-Württemberg. Die ersten Zugvögel verlassen ihr Sommerquartier in BW. Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Vögel aus?

Der Aufbruch der Mauersegler Ende Juli, Anfang August ist nicht ungewöhnlich. Denn die Flugkünstler gehören zu den ersten Zugvögeln, die ihre Sommerquartiere in Baden-Württemberg verlassen. Sie zieht es jetzt nach Afrika. Bis zu 10.000 Kilometer können zusammenkommen, bis sie ihre Winterquartiere südlich der Sahara erreicht haben. Damit gehören die Mauersegler zu den Langstreckenziehern.

"Den Startimpuls zum Abflug geben genetische Informationen, die abnehmende Tageslänge und das schwindende Nahrungsangebot."

Genetik wichtiger als Wetter

Viele andere Vogelarten werden ihnen in den kommenden Wochen folgen, zum Beispiel Gartenrotschwanz, Turteltaube, Gartengrasmücke, Rauch- und Mehlschwalbe. Dabei spielt das Wetter für den Zeitpunkt ihres Aufbruchs keine entscheidende Rolle: "Den Startimpuls zum Abflug geben genetische Informationen, die abnehmende Tageslänge und das schwindende Nahrungsangebot", erklärt der Ornithologe des Naturschutzbundes (NABU), Stefan Bosch.

Einzelkämpfer und Mannschaftsspieler

In vielen Fällen verläuft der Vogelzug, ohne dass wir viel davon mitbekommen. Gerade Singvögel sind nämlich oft allein und nachts unterwegs. Anders Kraniche oder Gänse: Sie ziehen lautstark und in großen Trupps über uns hinweg.

Die einen gehen, die anderen kommen

Auch wenn viele Vogelarten uns nun für viele Monate verlassen: Ärmer wird die Vogelwelt dadurch nicht. Denn was für Mauersegler und Storch das Sommerquartier ist für Bergfink und Seidenschwanz das Winterquartier. Diese und andere Vögel kommen im Winter aus ihren Brutgebieten in Nordeuropa und Skandinavien, um den Winter hier bei und zu verbringen. Andere Arten nutzen Baden-Württemberg als Rastplatz auf ihrem langen Weg in den Süden, dann ist besonders viel los an Gewässern wie dem Bodensee oder der Westerwälder Seenplatte.

England statt Mittelmeer - Klimawandel stellt Zugverhalten auf den Kopf

Mittlerweile ist das Zugverhalten einiger Vogelarten allerdings durcheinandergeraten. Grund: der Klimawandel. Viele Arten haben innerhalb weniger Generationen ein neues Verhalten erlernt und dieses im Erbgut gespeichert und weitergegeben. Von "beschleunigter evolutionärer Anpassung" spricht der Nabu am Beispiel der Mönchsgrasmücke. Diese fliegt immer öfter zum Überwintern statt ans Mittelmeer in den Norden! Denn sie hat gelernt, dass es auch in Süd-England warm genug ist und zudem die Futterhäuser der Vogel-begeisterten Engländer immer gut gefüllt sind.

Vögel kehren auch früher wieder zurück

Verhaltensänderungen gibt es auch bei Störchen. Viele Exemplare fliegen statt Langstrecke nach Afrika längst nur noch Kurzstrecke bis Spanien. Und der Hausrotschwanz verzichtet immer häufiger sogar ganz auf die Reise in den Süden. Auch die Mauersegler haben ihr Verhalten an den Klimawandel angepasst: Sie kommen mittlerweile einige Wochen früher aus Afrika zu uns zurück. Schon Ende April können wir sie in Baden-Württemberg zurückerwarten, wo sie dann den Sommer einläuten.

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Prof. Dr. Josef H. Reichholf, Zoologe und Evolutionsbiologe
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