Niedergelassene Ärzte, Psychotherapeuten und Beschäftigte von Arztpraxen demonstrieren auf dem Schlossplatz in Stuttgart. Eine Teilnehmerin hält ein Schild hoch mit der Aufschrift: "Die Politik wacht erst auf, wenn die letzte Praxis zu ist."  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Andreas Rosar)

Demonstration in Stuttgart

Ärzte-Protest gegen Unterfinanzierung im Gesundheitswesen

Stand

Mit einer Demonstration in Stuttgart machen die Ärzte Baden-Württembergs auf Missstände im Gesundheitswesen aufmerksam. Sie fordern weniger Bürokratie und eine bessere Versorgung.

Mehrere tausend niedergelassene Ärztinnen und Ärzte haben am Mittwoch gemeinsam mit ihren Praxisteams auf dem Stuttgarter Schlossplatz gegen die aus ihrer Sicht fehlgeleitete Gesundheitspolitik demonstriert. Sie forderten unter anderem weniger Bürokratie und mehr Geld für eine bessere Patientenversorgung. Die Veranstalter sprachen von rund 3.000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Die Demonstrierenden trugen teils Arztkittel und reckten Schilder in die Höhe, auf denen "Mehr Zeit für Patienten" oder "Die Politik wacht erst auf, wenn die letzte Praxis zu ist" zu lesen war.

Die Rednerinnen und Redner kritisierten unter anderem überbordende Bürokratie und ineffiziente Digitalisierung, die in den Praxen für viel Arbeit sorge. "Uns wird eine Digitalisierung aufgezwängt, die zwar gut gedacht, aber schlecht gemacht ist", sagte Norbert Smetak, stellvertretender Vorsitzender des Medi-Verbunds, der die Kundgebung organisiert hatte. Der Verbund vertritt nach eigenen Angaben rund 5.000 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte in Baden-Württemberg.

Kritik an Wegfall der "Neupatientenregelung"

Außerdem kritisieren die Ärztinnen und Ärzte eine aus ihrer Sicht überholte Gebührenordnung sowie den Wegfall der sogenannten Neupatientenregelung. Diese garantierte den Praxen, dass sie für neu aufgenommene Patientinnen und Patienten ein zusätzliches Honorar bekamen. "Mit dem Wegfall wächst die Terminnot wieder", sagte Smetak.

Unterstützung erhielten die Ärztinnen und Ärzte von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Die Praxen seien das Rückgrat der medizinischen Versorgung, sagte deren Vorsitzender Karsten Braun. "Wenn hier die Versorgung als gefährdet angesehen wird, ist das mehr als ein Alarmzeichen." Es brauche weniger Bürokratie und ein zeitgemäßeres Vergütungssystem, das etwa auch zur Entlastung angestelltes Personal abbilde.

Eine der Ärztinnen, die sich am Protest in Stuttgart beteiligte, ist die Tübinger Frauenärztin Ruth Mayer. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Eva Neunhoeffer hat sie eine Online-Petition zur Rettung der ambulanten Versorgung gestartet.

Tübingen

Ruth Mayer protestiert auch in Stuttgart Frauenärztin aus Tübingen bangt um Existenz

Viele Haus- und Fachärzte in Tübingen sind alarmiert. Die Honorare sinken, die Kosten steigen. Und Nachwuchs ist nicht in Sicht. Nun befürchten sie Schließungen.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR Fernsehen BW

Petition gegen "Unterfinanzierung und Mangelverwaltung"

Darin prangern die beiden Medizinerinnen "ein System der Unterfinanzierung und Mangelverwaltung" an. Mit Budgetierung und Pauschalen hätten Politik und Krankenkassen dafür gesorgt, dass das Wohl der Patientinnen und Patienten außen vor bleibe.

Inzwischen seien Vergütung und Arbeitsbedingungen so schlecht, dass sich niemand mehr in Niederlassung begeben wolle. "So geht es nicht mehr weiter", finden die Ärztinnen. Die Grenze des Verantwortbaren sei längst überschritten.

Ärztemangel: Mediziner arbeiten auch im Alter noch weiter

Wegen des Mangels an niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten arbeiten an vielen Orten Mediziner auch dann noch weiter, wenn sie schon längst in Rente sein sollten. So arbeitet der mittlerweile 76-jährige Hausarzt Herbert Neuwirth aus Obereisesheim bei Neckarsulm (Kreis Heilbronn) noch immer mit in der Praxis, die längst sein Sohn Tobias übernommen hat. Dort werde er auch gebraucht, sagt der Junior.

Heilbronn

Niedergelassene Ärzte aus Heilbronn-Franken protestieren in Stuttgart Ärztemangel: Arbeit bis ins hohe Alter - nur aus Verpflichtung?

In Stuttgart machen am Mittwoch viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte ihrem Ärger Luft. Ein Punkt dabei: Der Ärztemangel, der von selbst nicht besser wird.

SWR4 BW am Morgen SWR4 Baden-Württemberg

Pensionierungswelle droht Situation zu verschärfen

Laut dem Sprecher der Ärzteschaft Heilbronn, Martin Uellner, sind 40 Prozent der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Heilbronn älter als 61 Jahre - dies sei beispielhaft für andere Städte in Baden-Württemberg. Er rechnet damit, dass in fünf Jahren die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in Heilbronn um ein Drittel zurückgeht, die Anzahl der Praxen sogar um die Hälfte. Das würde dann bedeuten, dass bis zu 30 Prozent der Heilbronnerinnen und Heilbronner keinen Hausarzt oder keine Hausärztin mehr hätten.

Auch Uellner selbst betreibt mit 63 Jahren im Stadtteil Böckingen noch selbst eine Praxis. Nachdem eine Praxis in der Nachbarschaft geschlossen wurde, sei auch bei ihm eine Patientin aufgeschlagen und habe um eine Aufnahme gebeten und gebettelt, sie habe drei Krebsarten und keinen Hausarzt mehr. Sowohl er als auch Neuwirth haben sich dem Protest auf dem Schlossplatz in Stuttgart angeschlossen.

Mehr zur Lage im Gesundheitswesen

Tübingen

Ruth Mayer protestiert auch in Stuttgart Frauenärztin aus Tübingen bangt um Existenz

Viele Haus- und Fachärzte in Tübingen sind alarmiert. Die Honorare sinken, die Kosten steigen. Und Nachwuchs ist nicht in Sicht. Nun befürchten sie Schließungen.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR Fernsehen BW

Heilbronn

Niedergelassene Ärzte aus Heilbronn-Franken protestieren in Stuttgart Ärztemangel: Arbeit bis ins hohe Alter - nur aus Verpflichtung?

In Stuttgart machen am Mittwoch viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte ihrem Ärger Luft. Ein Punkt dabei: Der Ärztemangel, der von selbst nicht besser wird.

SWR4 BW am Morgen SWR4 Baden-Württemberg

Baden-Württemberg

Aktionstag "Alarmstufe Rot" Darum sind die Krankenhäuser in BW finanziell so unter Druck

Mit einem Aktionstag haben viele Krankenhäuser in Baden-Württemberg auf ihre klammen Kassen aufmerksam gemacht. Klinikleitungen erklären, warum das Geld so dringend gebraucht wird.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR Fernsehen BW

Stand
AUTOR/IN
SWR