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Spielsüchtige glauben, dank ihres Fachwissens Ergebnisse von Sportwetten vorhersagen zu können. Aber diese Wetten sind Glücksspiele. Und die Zahl der Süchtigen steigt.

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Es gibt über 180.000 krankhafte Glücksspieler und Glücksspielerinnen in Deutschland. So die Zahl einer repräsentativen Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2017.

Wie viele Menschen darunter konkret süchtig nach Sportwetten sind, wurde nicht erhoben. Immerhin sieben Prozent der Befragten gaben an, schon einmal in ihrem Leben an Sportwetten teilgenommen zu haben. Dies entspricht rund vier Millionen Deutschen.

Der Einstieg erfolgt meist über das Interesse am Sport. Pferdenarren setzen auf Pferderennen. Fußball-Fans auf ihren Lieblingsclub. Der Markt für Sportwetten ist gigantisch. 40 Milliarden Euro haben Spielerinnen und Spieler im Jahr 2018 weltweit auf die Deutsche Bundesliga gewettet, so die offiziellen Zahlen der Deutschen Fußballliga.

Anbieter für Glücksspiele erwerben ihre Lizenz im Ausland

Das Internet-Geschäft ist besonders tückisch: Es befriedigt das Bedürfnis der Süchtigen, ihre Erregung aufrechtzuerhalten, indem sie schnell und immer wieder wetten. Innerhalb von Sekunden können sie auf Ereignisse eines laufenden Spiels setzen: auf die nächste Ecke, die nächste gelbe Karte, das nächste Tor.

Online-Spielsucht (Foto: SWR)
Gewinner sind immer die Online-Anbieter von Sportwetten

Weil in Deutschland Internet-Glücksspiele verboten sind, erwerben die Anbieter ihre Lizenz eben im Ausland. Die meisten haben eine Konzession in Malta oder Gibraltar. Ansonsten ist der Markt der Sportwetten nicht geregelt.

Die Anbieter dürfen sogar Werbung für ihre Wettspiele machen, obwohl sie sich im rechtlichen Graubereich befinden. Sie platzieren beispielsweise ihre Spots in den Pausen von Fernsehübertragungen.

Bundesländer verdienen mit

Bestimmte Sportwetten-Angebote sind in Deutschland aber legal: Produkte des Deutschen Lotto- und Totoblocks, Oddset.

Für jede Sportwette im Inland müssen die Anbieter fünf Prozent Wettsteuer abführen. Diese Einnahmen werden auf die Länder aufgeteilt. Baden-Württemberg hat im Jahr 2018 gut 56 Millionen Euro eingenommen, fünf Jahre zuvor waren es nur 32 Millionen. Auch Rheinland-Pfalz konnte seine Einnahmen aus den Sportwetten innerhalb von fünf Jahren fast verdoppeln. 2013 waren es 19 Millionen Euro, 2018 schon 33 Millionen.

Die Bundesländer gehen nicht gegen Sportwetten-Anbieter vor. Sie verdienen mit.

Wettanbieter – Sponsoren für deutsche Spitzenteams

Zahllose Vereine haben heute Wettanbieter als Sponsoren und folglich dessen Logo auf dem Trikot. Einige Beispiele: Sponsor des VFB Stuttgart ist Betano Sportwetten, "bwin" unterstützt den BVB Dortmund, tipico die Bayern, betway ist Top-Sponsor des SV Werder Bremen.

picture alliance  BARBARA GINDL  APA  picturedesk.com (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Der ehemalige Torwart der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Oliver Kahn wirbt für den Wettanbieter tipico seit 2012 Picture Alliance

Die Anbieter von Sportwetten wissen, wie sie Neukunden den Einstieg ins Glücksspiel versüßen. Sie ködern sie mit Geschenken. 100 Euro Bonus bieten fast alle, einige locken mit bis zu 500 Euro. Das Prinzip ist einfach: Wer 100 Euro setzt, erhält 100 Euro obendrauf.

Außerdem suggerieren die Sportwetten-Anbieter, dass "echte Experten" mit Wetten sogar Geld verdienen könnten. Doch zahlreiche Studien haben gezeigt, dass es keinen Unterschied macht, ob Laien oder Experten tippen. Es bleibt Glückssache.

Der Irrglaube, das Spiel unter Kontrolle zu haben

Dennoch versprechen Wettanbieter, dass Spielerinnen und Spieler mit gutem Fachwissen beim Wetten auf Sportergebnisse Geld verdienen können. Diesem Irrglauben unterliegen einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln zufolge besonders aktive Sportlerinnen und Sportler.

Nach jahrelangen Verhandlungen scheinen sich die Bundesländer auf einen Glücksspielstaatsvertrag mit verbindlichen Vorgaben geeinigt zu haben. Er soll 2020 in Kraft treten. Daneben ist Aufklärung wichtig – gerade in Sportvereinen.

Spielsüchtige fallen nicht auf

Glücksspieler riechen nicht nach Alkohol, haben keine leeren Bierflaschen im Spind und keine Nadelstiche in den Armen. Sie haben in der Regel einen Schulabschluss und sind in Arbeit. Sie können ihre Sucht lange vor Angehörigen und Freunden verbergen. Und im Schnitt 25.000 Euro Schulden anhäufen, wie Dr. Wolfgang Kursawe von der Fachstelle Glücksspielsucht berichtet.

Aufklärung ist wichtig

Gerade in Sportvereinen ist Aufklärung wichtig. Dort findet oft der Einstieg in die Sucht statt, wenn nach dem Sport in geselliger Runde Tipps und Prognosen über das Abschneiden der Lieblingsvereine ausgetauscht werden. Denn wenn regelmäßig gewettet wird, kann sich daraus ein pathologisches Verhalten entwickeln.

Bisher bietet lediglich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Broschüren zum Thema an: auf Deutsch, Russisch, Türkisch und einigen weiteren Sprachen. Mit einem Fragebogen im Netz kann jeder selbst feststellen, ob sein Wettverhalten bereits problematisch ist.

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