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Sie wissen oft nicht, wer ihr Vater ist. Nur, dass die Mutter im Krieg von ihm vergewaltigt wurde. „Children Born of War“ ringen um Identität und gesellschaftliche Anerkennung.

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Vergewaltigung als Kriegswaffe

Kinder aus Kriegsvergewaltigungen sind kein neues Phänomen – und doch ist wenig über sie bekannt. Bis heute werden Vergewaltigungen in manchen Konflikten als Kriegswaffe eingesetzt. Kinder, die in Folge dieser sexualisierten Gewalt – etwa in Bosnien oder Ruanda – geboren wurden, gelten oft als Kinder des Feindes, als „böse Erinnerung“. Lange Zeit wurden sie vergessen und diskriminiert.

Doch es gibt junge Erwachsene, die ihr Schicksal mitteilen und sichtbar werden wollen – trotz Widerständen. Es geht ihnen um Identität und Diskriminierung, die Beziehung zur Mutter und wie es gelingt, sich mit der eigenen Geschichte auszusöhnen. So wie die 27-Jährige Psychologin Ajna Jusić, die sich als Aktivistin für Kinder aus Kriegsvergewaltigungen einsetzt: Sie ist selbst eines. 2018 machte sie in Bosnien ihre Geschichte öffentlich. Es war eine bewusste Entscheidung, die sie zusammen mit ihrer Mutter traf.

Die Kinder erfahren ihre eigene biologische Vergangenheit oft als letzte

Das Thema sexualisierte Gewalt, ob im Krieg oder auch nicht, ist immer noch ein großes Tabuthema und erzeugt somit Scham. Diese betrifft die Mütter und ihre Familien und überträgt sich auch auf die Kinder. Die Kinder erfahren ihre eigene biologische Vergangenheit oft als letzte, so die Historikerin Sabine Lee an der Universität Birmingham. Sie arbeitet weltweit zu „Children Born of War“. Auf Deutsch gibt es keine passende Übersetzung, am ehesten trifft es „Kinder des Krieges“.

Der englische Begriff taucht 2007 zum ersten Mal auf – im Kontext des Bosnien-Krieges – und beschreibt zunächst Kinder aus Kriegsvergewaltigungen. Doch wie man die Mütter begleitet, auch dabei, mit ihren Kindern die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten – darüber gibt es noch viel zu wenig Wissen, auch wenn es extrem wichtig und notwendig ist.

Sexualisierte Gewalt ist Teil der Kriegsstrategie – auch in Bosnien

Auch Ajna Jusić trifft lange auf Schweigen. Sie wird 1993 geboren; mitten im Krieg, als das ehemalige Jugoslawien auseinanderbricht. In Bosnien werden zwischen 1992 und 1995 laut Europarat 20.000 Frauen und Mädchen vergewaltigt; andere Schätzungen gehen von bis zu 50.000 Opfern aus.

Sicher ist: sexualisierte Gewalt ist Teil der Kriegsstrategie. Ajnas Mutter ist eine der Überlebenden. Die Tochter wächst in dem Glauben auf, der Vater sei im Krieg gefallen. Diese Lüge soll Ajna beschützen: Denn nicht nur die Überlebenden sexualisierter Gewalt werden nach Kriegsende diskriminiert, auch die Kinder aus den Vergewaltigungen. Sie werden „serbische Brut“ genannt, oder „Tschetnik Babys“.

Ajna Jusić wächst zunächst glücklich und behütet mit ihrer Mutter und dem Stiefvater auf. Doch Bosnien ist patriarchalisch geprägt und der Name des Vaters ist wichtig – ein „unbekannt“ gilt nicht. Die Frage nach dem Namen lässt Ajna nicht mehr los. Sie ist 16, als sie zu Hause nach einer Schachtel sucht, in der ihre Mutter wichtige Dokumente aufbewahrt. Darin befinden sich Dokumente der Polizei und von Psychologen, sowie eine detaillierte Beschreibung der Vergewaltigung ihrer Mutter.

Ruanda: Diskriminierung trifft statt der Täter die Mütter und Kinder

Laut den Vereinten Nationen wurden in Ruanda 100.000 bis 250.000 Frauen und Mädchen Opfer sexualisierter Gewalt während des Genozids an den Tutsi 1994 – andere Schätzungen sprechen von bis zu 500.000. Die Kinder, die aus den Vergewaltigungen hervorgingen, sind heute 26, 27 Jahre alt. Lange hat die Öffentlichkeit ihre Existenz verleugnet, viele erleben bis heute Diskriminierung. Ruanda ist eine patriarchale Gesellschaft, viele Kinder werden durch die väterliche Linie und somit mit dem Genozid identifiziert.

Solche Erfahrungen zu bewältigen ist extrem herausfordernd. Umso mehr, wenn die Kinder zusätzlich emotionale oder körperliche Gewalt erleben: Das passiert teils durch ihre Stiefväter, teils auch durch ihre stark traumatisierten Mütter. Viele Mütter bleiben oft alleinerziehend und leben in Armut, weil das Stigma der Vergewaltigung sie an den Rand der Gesellschaft drängt. Oder weil sie zu dem Kind stehen und sich damit gegen die Familie stellen. Andere wollen nach der Gewalterfahrung keine Partnerschaft. Die Organisation Survivors Fund unterstützt die betroffenen Mütter in Ruanda – und auch ihre Kinder.

Ein Mann spricht und gestikuliert mit beiden Händen, drei Frauen stehen im Hintergrund mit verschränkten Armen: Samuel Munderere vom Survivors Fund unterstützt und begleitet Kinder und Familien aus Kriegsvergewaltigungen, doch die NGO erreicht nur jene Familien, die das Schweigen beenden wollen (Foto: SWR, Survivors Fund (SURF))
Samuel Munderere vom Survivors Fund unterstützt und begleitet Kinder und Familien aus Kriegsvergewaltigungen, doch die NGO erreicht nur jene Familien, die das Schweigen beenden wollen Survivors Fund (SURF)

Die Kinder des Krieges fehlen im offiziellen Narrativ des Genozids

830 Kinder aus Kriegsvergewaltigungen hat Survivors Fund bislang unterstützt und begleitet. Doch sie erreichen nur jene Familien, die das Schweigen beenden wollen. Außerdem treffen die jungen Erwachsenen, die reden wollen, in Ruanda auf Widerstände. Immer noch ist die Gesellschaft teils schwer traumatisiert und ringt um Zukunftsperspektiven.

Bislang fehlen die Kinder des Krieges im offiziellen Narrativ des Genozids. In Ruanda wird an verschiedenen Orten an die Gräueltaten von 1994 erinnert – auch an die sexualisierte Gewalt. Doch die Kinder, die als Resultat der Vergewaltigungen geboren wurden, fehlen an genau diesen Orten.

Deutsche Besatzungskinder sind heute 60, 70 Jahre alt

Heide Glaesmer ist Psychologin und Psychotherapeutin an der Universitätsmedizin Leipzig. Sie war die erste in Deutschland, die sich psychologisch mit Besatzungskindern des Zweiten Weltkriegs beschäftigt hat. Als Glaesmer beginnt, zu Besatzungskindern zu forschen, sind es längst keine Kinder mehr – sie sind 60, 70 Jahre alt. Auch über ihre Erfahrungen wird inzwischen in der öffentlichen Debatte um Kriegskinder und -enkel gesprochen. Die Väter der deutschen Besatzungskinder sind alliierte Soldaten.

Dass die „Children Born of War“ nicht länger verschwiegen werden, sondern ihren Platz in den Nachkriegsgesellschaften finden, dazu trägt auch die Forschung bei. Ein Baustein dafür ist CHIBOW, ein EU-finanziertes Doktorandennetzwerk, das „Kinder des Krieges“ untersucht. Die Historikerin Sabine Lee und die Psychologin Heide Glaesmer haben das Netzwerk mitgegründet. Diese Forschung trägt auch dazu bei, dass sich die „Children Born of War“ untereinander vernetzen und voneinander lernen können.

Mehrere Personen sitzen in einem Kreis: Überlebende sexualisierter Gewalt, darunter auch Mütter von "Children Born of War" im Rahmen der Arbeit von Survivors Fund (Foto: SWR, Survivors Fund (SURF))
Überlebende sexualisierter Gewalt, darunter auch Mütter von "Children Born of War" im Rahmen der Arbeit von Survivors Fund Survivors Fund (SURF)

Kinder aus sexualisierter Gewalt brauchen Fürsprecher

Gerade die sozialen Medien halfen den bosnischen Kindern des Krieges dabei, relativ schnell an Sichtbarkeit zu gewinnen – auch außerhalb ihres Landes. Besatzungskinder in Österreich oder Deutschland, ebenso Kinder von Wehrmachtssoldaten in Norwegen hatten sich teils schon früher vernetzt. Wenn auch als ältere Erwachsene. Die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten bringen die verschiedenen Gruppen zusammen.

Doch häufig bleiben die Überlebenden bis heute ohne Entschädigung und ohne Anspruch auf medizinische sowie psychologische Versorgung. Es gibt zwar mittlerweile einen Sonderbeauftragten des UN-Generalsekretärs zu sexualisierter Gewalt in Konflikten. Doch die Kinder aus dieser Gewalt wurden und werden bis heute nicht mitgedacht. Darum braucht es Fürsprecher – in den Familien, den Gesellschaften und auch international.

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aus dem Französisichen von Daniel Fastner, Felix Kurz und Michael Halfbrodt
Verlag Hamburger Edition
ISBN 978-3-86854-346-9
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39 Euro  mehr...

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