Album-Tipp

Überwältigend: Das Orgel-Album „Luna“ von Anna Lapwood

Stand
AUTOR/IN
Hannah Schmidt
KÜNSTLER/IN
Anna Lapwood
ONLINEFASSUNG
Sebastian Kiefl

Die britische Organistin Anna Lapwood hat mit „Luna“ ihr drittes Orgelalbum herausgebracht. Darauf kombiniert sie unter anderem Werke von Johann Sebastian Bach und Claude Debussy mit populären Stücken von Ludovico Einaudi und Hans Zimmer – geht das gut?

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Kitsch-Zenit überschritten?

Das „Ave Maria” von Charles Gounod über Johann Sebastian Bachs C-Dur-Präludium aus dem „Wohltemperierten Klavier“ ist auf Hochzeiten allgegenwärtig und nun auch auf dem neuen Album von Anna Lapwood zu finden.

Manche fragen sich dabei: Ist das Anna Lapwoods Ernst? Es gibt Werke der Musikgeschichte, die haben einen gewissen Bekanntheits- und Kitsch-Zenit überschritten und gelten daher schon fast als unprogrammierbar – es sei denn der Kontext und die Interpretation stimmt.

Bach beinahe postmodern

Was Anna Lapwood auf dem Album macht, ist keine Revolution. Sie erfindet das Stück nicht neu, und sie ist auch bei weitem nicht die erste, die es für Orgel adaptiert.

Auf ihrem Album „Luna“ spielt sie das Werk aber mit einem gewissen avantgardistischen Anspruch: Zurückgenommen, schlicht und ohne jegliches Rubato schreitet ihre Interpretation in strengem Tempo die Harmonien entlang. Durch die feine Registrierung in dem großen Raum wachsen Bachs Dissonanzen dabei beinahe postmodern über sich hinaus.

Die Musik des Nachthimmels

Ihr Album „Luna” widmet Anna Lapwood dem Nachthimmel. Im Booklettext beschreibt sie, wie sie sich bei ihrer jährlichen Reise nach Sambia darauf freut, nach Einbruch der Dunkelheit in die Sterne zu schauen: „Du schaust nach oben und es ist einfach alles voller Sterne, mehr als du dir je vorgestellt hast: helle, matte, manche, die funkeln, manche, die statisch aussehen. Andere sind leuchtende Kugeln, andere kleiner als Nadelstiche“.

„Ich stelle mir in diesem Album vor, wie wir in den Himmel schauen und unsere Gedanken uns dort hinauftragen, durch die Nacht reisen und die Sterne mit ihren einzigartigen Charakteristiken und Persönlichkeiten erkunden.“

Kitsch? Egal!

Die Arrangements auf dem Album stammen allesamt von Anna Lapwood selbst. Sie sind nicht nur auf die ausgewählten Werke abgestimmt, sondern auch auf das spektakuläre Instrument, auf dem die Organistin spielt: die Große William Hill & Son-Orgel in der Kapelle der Royal Hospital School in Lower Holbrook, etwa zwei Autostunden von London entfernt.

Bei sieben bis acht Sekunden Nachhall in dieser majestätischen Akustik muss man das Repertoire gut auswählen. Auf dem Album finden sich so vor allem sphärische Werke in langsamem Tempo, in denen Anna Lapwood das volle Potenzial des Instruments ausschöpft – vom donnernden Tutti bis zum Solo der warm-schwebenden Streichregister.

In Max Richters „On The Nature Of Daylight“ aus dem Film „Shutter Island“ bindet sie zusätzlich ihren Chapel Choir des Pembroke College mit ein. Ist das kitschig? Um ehrlich zu sein: Diese Kategorie war noch nie so egal. Solche Klänge ohne jeglichen Einsatz von Elektronik zu erzeugen, auf einem bald 100 Jahre alten Instrument und mit Stimme, das ist schlicht überwältigend.

Orgel oder E-Musik?

Dabei hat Anna Lapwood nicht zuletzt in ihrer Zusammenarbeit mit dem Produzenten, DJ und Downtempo-Artist Bonobo genug Erfahrung damit gesammelt, Orgelmusik mit elektronischer Musik zu verschränken. Schlussendlich ist die Orgel, so gesehen, auch nur ein riesiger, historischer Synthesizer.

In ihrer Interpretation von Ludovico Einaudis Stück „Experience“ fängt die Registrierung auf diese Art zwischenzeitlich sonderbar an zu schillern – ist das noch ein akustisches Instrument, das wir hier hören?

Anna Lapwood ist eine der wenigen Künstlerinnen, die die sinnlose Trennung zwischen E- und U-, zwischen „hochwertiger“ und „populärer“ Musik, immer wieder ins Wanken bringen. Ein Album wie dieses könnte dazu beitragen, sie vielleicht endgültig einzureißen.

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