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Am 30. April 2020 feiert der Komponist Franz Lehár seinen 150. Geburtstag. Er beherrscht bis heute die Spielpläne der Opernhäuser weltweit und eins seiner Werke hat es sogar auf die Leinwand geschafft: Die Operette „Die Lustige Witwe“. Das Jubiläum war für Theaterwissenschaftler Stefan Frey ein Grund, seine neue Lehár-Biographie zu veröffentlichen, in der es um weit mehr als den bekannten Operettenschlager geht.

Was waren das nur für Zeiten im Dezember 1905.  Zwei Uraufführungen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: In Dresden Richard Strauss‘ Musikdrama „Salome“, in Wien Franz Lehárs Operette „Die Lustige Witwe“.

Plötzlich trennte sich die sogenannte Ernste Musik von der Unterhaltungsmusik und „Die Lustige Witwe“ wurde zum Welterfolg. Stefan Frey sucht in seinem neuen Buch nach Gründen für diese Entwicklung . Neben den üblichen Zufällen scheint vor allem der damalige Zeitgeist Auslöser dieser Evolution zu sein: Der Aufbruch in die Moderne macht auch vor Bühnenfiguren keinen Halt, erläutert Frey:

„Was im 19. Jahrhundert nahezu undenkbar war, dass nämlich eine Frau dem Mann, den sie begehrt, nachläuft und sogar um ihn wirbt, wird in Lehárs Operette exemplarisch vorgeführt. Als Prototyp einer Frau des 20. Jahrhunderts ist Hanna Glawari nicht nur ökonomisch, sondern auch erotisch selbstbestimmt und verkörperte damit all das, wovon ihr weibliches Publikum nur träumen konnte.“

Zumindest das jüngere Publikum träumte davon. Denn Stefan Frey zitiert auch Mizzi Günther, die „Witwe“ der Uraufführung. Für sie und ihre Kollegin Gerda Walde war dieses neue Geschlechterbild offenbar alles andere als erstrebenswert.

 „Die Männer bemühen sich gar nicht mehr, wie in früheren Zeiten eine Idealgestalt zu sein. Sie sind feig und rücksichtslos, unberechenbar und egoistisch, unmanierlich, unaufmerksam, geziert und unnatürlich.“

„Die modernen Mädchen, die immer glauben, dem Manne nachlaufen zu müssen, die haben das ehemalige Männerideal ganz verdorben.“

Es ist ganz gewiss nicht überraschend, dass der „Lustigen Witwe“ ein großes Kapitel in diesem Buch gewidmet ist. Von der Psychologisierung, in der auch Sigmund Freud seinen Platz findet, über Anekdoten mit Gustav Mahler bis hin zum internationalen Durchbruch – wird deutlich, warum Lehár nie wieder an diesen Erfolg anknüpfen konnte. Frey gibt seinen Kapiteln dafür teils reißerische Namen wie „Marktlücke Lustige Witwe“ oder „Der Danilo, der nicht singen konnte“. Titel, die neugierig machen und getrost auch einzeln gelesen werden können.

Er widmet sich aber auch den heute weniger bekannten Werken mit akribischer Detailfreude - Titel wie „Guiditta“, „Eva“ oder „Paganini“ sind nur einige, die vom Weltmann Lehár erzählen. Berührend intim wird es, als sein italienischer Freund Giacomo Puccini drei Wochen zu Gast in der Lehár-Villa ist. Frey zitiert hier die Erinnerungen des Bruders von Franz Lehár.

 „Schon während des Essens unterhielten sich die beiden Meister fast ausschließlich vermittels Zitaten aus ihren Werken, die sie leise singend andeuteten und erläuterten. Dann setzten sich beide an den Flügel. Eng umschlungen spielten Puccini mit der rechten, Franz mit der linken Hand abwechselnd oder sich gegenseitig begleitend die wunderbarsten Harmonien, Puccinismen und Lehárismen, sich in Klangwirkung und originellen Wendungen überbietend.“

Es sind Originalzitate wie dieses, die aus Stefan Freys detailreichen, selten trockenen Erzählungen immer wieder eine geradezu heitere Angelegenheit machen. Oft lässt er den Komponisten selbst zu Wort kommen: Wie hier, wenn dessen Anfänge als Militärkapellmeister bald an den Gesangsstunden der Oberst-Tochter scheitern:

 „Befehl ist Befehl ... Meine Verlegenheit war nicht gering, als ich dem hübschen siebzehnjährigen Mädchen gegenüberstand. Die junge Baronesse merkte sehr schnell, daß ich mich auf Gesangsunterricht nicht verstand ... Vilma Fries lernte bei mir zwar nicht singen, aber schon in der zweiten Stunde sang sie ein Lied, das ich für sie komponiert hatte. Ach, wie oft probierten wir dieses Lied: ‚Vorüber!‘“ Sie verstand dies zu würdigen, verriet mich nicht bei ihrem Vater, sondern erschien pünktlich zu den Gesangsstunden, während ihre Stimme von Mal zu Mal heiserer wurde. Als sie schließlich keinen Ton aus der Kehle brachte verstand sie es, ein für mich glimpfliches Ende der Unterrichtsstunden herbeizuführen.“

Eines wird durch diese Lektüre klar: Lehár ist kein leichtfertiger Operetten-Macher. Das Werkverzeichnis am Ende des Buches katalogisiert neben den unzähligen Operetten auch Kammermusik, Orchesterwerke und Liederzyklen. Man erlebt in dieser Biographie ein Kind der Monarchie mit deutsch-ungarisch-tschechischen Wurzeln, mit einem Musiker-Vater und Theater-Kontakten zu den ganz Großen. Man erlebt ihn auch als glücklichen Ehemann, der seine Frau trotz jüdischer Wurzeln in bedrohlichen Zeiten nie verlassen hat und ein Jahr nach ihr starb - das lässt jedem selbst Platz für Interpretation.

Das neue Buch des promovierten Lehár-Experten und Operetten-Librettisten Stefan Frey ist eine wunderbare Chance Lehárs Leben und Charakter kennenzulernen, sein Musikverständnis und die Zeit, in der er lebte. Zahlreiche farbige Abbildungen geben einen fundierten Einblick in das damalige turbulente Theater-Leben. Vor allem aber Lehárs Werke und deren Entstehung sind hier treffend und im lockeren Schreibstil dokumentiert. Aber Achtung: Ohrwürmer können auch beim Lesen übertragen werden!  

SWR2 Musikstunde Meister der kleinen Fluchten - Franz Lehár zum 150. Geburtstag (1-4)

In seinen Operetten zelebrierte Franz Lehár, einstiger Militärkapellmeister aus der Slowakei, die kleinen Fluchten ins Land der lustigen Witwen, chinesischen Prinzen und musikseligen Zigeuner, ließ aber auch die Abgründe der Gesellschaft durchblicken.  mehr...

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