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Wie lässt sich Musik über die Grenzen von Klassik, Jazz, Rock und Pop hinweg erklären und verstehen? Mit „Listen to this“ liefert der US-amerikanische Musikkritiker Alex Ross eine Antwort auf diese Frage und gibt interessante Einblicke in den vielfältigen Musikbetrieb. Nun ist das Buch in deutscher Übersetzung im Rowohlt Verlag erschienen.

„Ich hasse „klassische Musik“: nicht die Sache als solche, nur den Begriff. Er verortet eine hartnäckig lebendige Kunst in einem Themenpark der Vergangenheit. Er schließt die Möglichkeit aus, dass Musik im Geiste Beethovens auch heute noch erschaffen werden kann. Der Begriff ist eine Glanzleistung an Negativ-Publicity, ein extrem gelungener Anti-Hype. Ich wünschte es gäbe eine andere Bezeichnung. Wie sehr beneide ich die Jazzer, die einfach nur „die Musik“ sagen.“

Nicht selten haftet der „klassischen Musik“ ein modriger Geruch an. Überholt, konservativ und elitär – kurzum: von gestern. So würden viele wahrscheinlich die Klassik-Szene beschreiben. Diesem vermeintlichen „Themenpark der Vergangenheit“ stellt der Musikkritiker Alex Ross in seinem Buch „Listen to this“ eine bunte Musiklandschaft gegenüber. Er liefert Einblicke in unterschiedliche Epochen, Genres und Themenkomplexe und lässt dabei die sorgfältig gezogene Trennlinie zwischen klassisch und populär verschwimmen – etwa dann, wenn sich der absteigende Lamentobass als wahres Bindeglied zwischen den Epochen erweist:

„Gesetzt den Fall, eine Zeitmaschine könnte ein paar spanische Musiker des späten 16. Jahrhunderts, ein Continuo-Ensemble unter der Leitung Bachs sowie die Ellington-Band von 1940 zusammenbringen – wenn dann John Paul Jones mit der Basslinie von „Dazed and Confused“ loslegen würde, hätten sie nach ein paar Minuten der Konfusion mit Sicherheit eine gemeinsame Plattform gefunden.“

Alex Ross vereint in diesem Buch verschiedene Texte, die er in seiner Arbeit als Musikjournalist beim Magazin The New Yorker verfasst hat. Neben Beiträgen zu kanonischen Figuren von Bach bis Cage richtet Ross auch den Blick auf Interpreten des heutigen Musikbetriebs. Die Grundlage für diese Beiträge bilden die Treffen mit den Musikerinnen und Musikern. Selbst beim Lesen wird die ungezwungene Atmosphäre dieser Begegnungen fernab aller Elfenbeintürme deutlich. So beschreibt Alex Ross das Frühstück mit der gefeierten Pianistin Mitsuko Uchida als durch und durch bodenständiges Erlebnis:

„Zwischen 9.30 und 10 Uhr kommt sie in die Campus-Cafeteria, wo auch diejenigen noch etwas bekommen, die das Frühstücks-Buffet im Speisesaal verpasst haben. Auf den blauvioletten Sofas lungern junge Musiker herum, mit denen sie zwanglos plaudert. Abgesehen von ihrer Peggy-Guggenheim-Brille – einem hellblauen Modell mit spitzen Enden, einer venezianischen Karnevalsmaske nachempfunden –, trägt sie einfache Kleidung, oft nur eine Jogginghose und ein Sweatshirt. Einmal lief in der Cafeteria „House of the Rising Sun”, gefolgt von einem Scott-Joplin-Ragtime. Uchida wippte im Rhythmus mit, während sie zur Theke ging und ihr Frühstück bestellte.“

Abseits der klassischen Musik begibt sich Alex Ross aber auch auf Streifzüge durch die zeitgenössisch-populären Gefilde. Egal, ob er nun die 2. Sinfonie von Brahms behandelt oder sich mit den Songs der Band Radiohead auseinandersetzt, seine Essays sind immer sachkundig, kurzweilig und mit einem respektvollen Augenzwinkern ausgestattet.

„Die Fahrkarte zum Ruhm war für Radiohead ein Song mit dem Titel „Creep“. Was „Creep“ gegenüber anderen Grunge-Songs der frühen Neunziger auszeichnete, war die Schönheit seiner Harmonik – und dabei ganz besonders der majestätische Wechsel von G-Dur nach H-Dur. Ganz egal wie oft man sich den Song anhört: Der zweite Akkord kommt immer noch ergreifend aus dem Nichts angesegelt. Auch wenn der Text sagt: „I’m a creep“, signalisiert die Musik „Ich bin etwas Besonderes“.“

 „Listen to this“ von Alex Ross versammelt Essays, in denen einzelne Kompositionen analysiert, Interpreten gekonnt porträtiert und erhellende Blicke über den Tellerrand des Klassik-Kanons gewagt werden. Von den zahlreichen Komponisten und Stücken, die darin genannt werden, sollten man sich nicht abschrecken lassen. Musikinteressierten macht das Buch Lust auf eigene neue Hörgeschichten und abgeklärten Musikkennern eröffnet es neue Perspektiven.

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