Jazz

Wegbereiterinnen im Off – Frauen, die Jazzgeschichte in Deutschland geschrieben haben

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AUTOR/IN
Franziska Buhre
Julia Neupert

Diese Reihe wurde ausgezeichnet mit dem Deutschen Jazz-Preis 2023: Die Geschichte des Jazz in Deutschland wurde zu oft ohne die Frauen erzählt. Auch als die Nachkriegsgeneration den Jazz zum Soundtrack ihrer Emanzipation machte, war es mit der Emanzipation der Frauen in der Szene nicht weit her. Trotzdem ließen sich Frauen nicht davon abbringen, Konzerte zu veranstalten, als Tontechnikerinnen zu arbeiten oder eigene Agenturen zu gründen.

Susanne Schapowalow, im Januar 2022 stolze 100 Jahre alt geworden, fotografierte US-amerikanische Jazzmusiker*innen bei ihren Gastspielen in Deutschland und Europa. SWR2 Jazz – Frauen, die Jazz in Deutschland beflügelt haben: 5-teilige Reihe zum Weltfrauentag am 8. März 2022.   (Foto: SWR, Bildbearbeitung: SWR Grafik)
Susanne Schapowalow, im Januar 2022 stolze 100 Jahre alt geworden, fotografierte US-amerikanische Jazzmusiker*innen bei ihren Gastspielen in Deutschland und Europa, in einer Zeit, in der die meisten Deutschen Afroamerikaner*innen nur mit Abwertung begegneten und das N*-Wort inflationär gebrauchten. Bild in Detailansicht öffnen
Helma Schleif kaufte Schallplatten für den Frankfurter Frauenbuchladen, gründete ein eigenes Label, sorgte mit Ausstellungen und Filmreihen für ein Kunstverständnis, das Jazz, Film und Literatur vereint, und sie organisierte einige Jahre lang das "Total Music Meeting" für frei improvisierte Musik in Berlin. Bild in Detailansicht öffnen
Gabriele Kleinschmidt ist in über 40 Jahren als Konzertagentin so vielen berühmten Jazzmusiker*innen nahe gekommen wie kaum ein Jazzfan. Bild in Detailansicht öffnen
Christa Gugeler baute das Tonstudio der „Musik Produktion Schwarzwald“ mit auf und wirkte an einigen bedeutenden Aufnahmen des heute legendären Plattenlabels mit. Bild in Detailansicht öffnen
Vera Brandes ist zu verdanken, dass das berühmte Köln Concert von Keith Jarrett überhaupt stattfinden konnte. Nach Jahrzehnten als Produzentin widmet sie sich seit den 1990er Jahren der Musik- und Medienwirkungsforschung. Bild in Detailansicht öffnen

Die Folgen der Reihe zum Anhören:

Jazz als Musik der Weltoffenheit im Mief der Nachkriegsjahre

Als im Nachkriegsdeutschland das Schweigen der Täter und Eltern, das Schweigen von unbehelligten Nazis in Richterämtern, an Schulen und Universitäten die Generationen einander entfremdeten, war Jazz die Musik der Stunde. Denn Weltoffenheit musste erst wieder mühsam erlernt werden, und sei es gegen Widerstände der Eltern, Pädagogen oder Gesetzeshüter.

Jugendliche wollten nachholen, was ihnen die Nationalsozialisten verboten hatten, weg von Heimatfilmen und Operettenkitsch, Schallplatten und Radiosendungen mit US-amerikanischem Jazz hören, endlich Konzerte mit ihren Idolen besuchen und ihrer Tanzfreude freien Lauf lassen.

Helma Schleif, Produzentin und Veranstalterin (Foto: Pressestelle, Helma Schleif)
Helma Schleif, Produzentin und Veranstalterin beim „Total Music Meeting für frei improvisierte Musik“ 2008 in Berlin.

„Ich hatte wahnsinnige Kämpfe zu bestehen, weil Männer hören in der Regel ja nur auf Männer …  Die klügsten haben sich noch mit den dümmsten zusammengetan, wenn es darum ging, eine Frau zu verjagen … sie haben das offenbar als Zumutung empfunden, dass Frauen sich in diesem Bereich engagieren.“

Die „triebhafte“ Musik war für die zu verheiratende Tochter verpönt

Das erweckte Unmut bei Sittenwächtern und der konservativen Öffentlichkeit. Insbesondere junge Frauen, die sich mit Freunden trafen und Jazzkeller besuchten, wurden kritisch beäugt, ihre Bewegungsfreiheit war analog zur körperlichen Selbstbestimmung stark reglementiert. Der Jazz galt in weiten Teilen der Gesellschaft als anstößig. Einer Musik, welche die „niederen Triebe“ ansprach, sollte sich die zu verheiratende Tochter keinesfalls hingeben.

Die Konzertagentin Gabriele Kleinschmidt mit dem Jazzbassisten Ron Carter (Foto: Pressestelle, Gabriele Kleinschmidt )
Die Konzertagentin Gabriele Kleinschmidt mit dem Jazzbassisten Ron Carter

Ökonomische Zwänge benachteiligen Frauen auch in der Jazzszene

Und so wurde Frauen erschwert, sich als begeisterte Hörerinnen von Jazz durchzusetzen, zu behaupten und schließlich anerkannt zu werden, wenn sie beschlossen, die Musik zum Teil ihrer Berufslaufbahn zu machen. Dass Frauen bis 1958 kein eigenes Bankkonto eröffnen und bis 1977 ohne Einverständnis des Ehemannes keiner Arbeit nachgehen durften, hat sich fraglos auch auf ihre Karriere in der Jazzszene in Deutschland ausgewirkt. Denn es traten selbsternannte Kritiker auf den Plan, die über die finanziellen Mittel zum Aufbau großer Plattensammlungen verfügten und damit Deutungshoheit beanspruchten.

Tontechnikerin Christa Gugeler mit Tonmesiter Rolf Donner im MPS Studio Villingen (Foto: Pressestelle, Christa Gugeler)
Tontechnikerin Christa Gugeler mit Tonmeister Rolf Donner im MPS Studio Villingen

Jazz Deutscher Jazzpreis vergeben - SWR2-Reihe für Journalistische Leistung geehrt

Bei der Messe Jazzahead in Bremen wird seit 2021 der Deutsche Jazzpreis in 31 Kategorien vergeben. SWR2 ist in diesem Jahr unter den Gewinnern.

Zeitwort 24.1.1975: Keith Jarrett improvisiert sein "Köln Concert"

Die Zahlen sprechen für sich: Es ist die meistverkaufte Jazz-Platte überhaupt und die meistverkaufte Platte mit Klaviermusik. Keith Jarretts „Köln Concert“ ist legendär.

SWR2 Zeitwort SWR2

Jazzlabor Traditionsreiches SWR NEWJazz Meeting –Impressionen von 1966 – 2021

Impressionen aus 50 Jahren SWR NEWJazz Meeting.

Spotify Playlist Female Jazz Piano

Anke Helferich stellt in SWR2 Pionierinnen des Jazz-Pianos vor. Vielen dienen sie damals wie heute als Vorbild und Inspirationsquelle.

Spotfiy Playlist Women in Jazz

Voll mit Jazzmusik von Frauen

Musikerinnen weltweit Hear my voice!

Libanon, Iran, Mali, Kolumbien, Benin oder Guatemala: Die Musikjournalistin Marlene Küster kennt Musikerinnen aus der ganzen Welt. Viele von ihnen setzen sich für die Belange und Rechte von Frauen in ihrer Heimat ein. Sie singen, obwohl es ihnen verboten ist, engagieren sich aus dem Exil oder machen direkt und laut auf ihre Lage aufmerksam. Die Musik ist ihr Mittel im politischen Kampf für Feminismus und eine gerechtere Welt.

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Franziska Buhre
Julia Neupert