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#Metoo-Drama „She said“ von Maria Schrader – Wie Reporterinnen der New York Times Harvey Weinstein stürzten

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AUTOR/IN
Julia Haungs

2017 deckten die New York Times-Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey auf, dass der Filmproduzent Harvey Weinstein jahrzehntelang seine Macht missbraucht hatte, um Frauen sexuell zu nötigen. Diese pulitzerpreisgekrönte Recherche ist Thema von „She said“, dem ersten Hollywood-Film von Maria Schrader („Unorthodox“, „Ich bin dein Mensch“). Darin erzählt sie von einer Kultur des Wegsehens, den Anfängen von #Metoo und der Macht des investigativen Journalismus.

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Harvey Weinsteins perfides System der Einschüchterung

Die New York Times-Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey treffen mit ihrer Recherche zu Harvey Weinstein 2017 auf eine Mauer des Schweigens. Keine der betroffenen Schauspielerinnen oder ehemaligen Mitarbeiterinnen will über die sexuellen Übergriffe des Filmproduzenten sprechen. Oder wenn, dann nur ohne namentliche Nennung in der Zeitung. Frustriert stellen Kantor und Twohey fest, dass sich Weinstein gegenüber seinen Opfern mit einem perfiden System von Einschüchterung und hoch bezahlten Stillschweigevereinbarungen abgesichert hat.

Filmstill (Foto: © 2022 Universal Studios)
Am 5. Oktober 2017 veröffentlichte die New York Times auf ihrer Titelseite einen Artikel der Investigativjournalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey, der Hollywod erschütterte und in den gesamten Vereinigten Staaten für Wirbel sorgte. © 2022 Universal Studios Bild in Detailansicht öffnen
Hollywoodmogul Harvey Weinstein (der bewusst nicht gezeigt wird) war über Jahrzehnte eine der mächtigsten Figuren der Filmindustrie. Ein Mann, der mit seinem enormen Einfluss Karrieren in Schwung bringen oder beenden konnte. Jahrelang, so recherchierenen Zelda Perkins (Samantha Morton) und Jodi Kantor (Zoe Kazan), soll er diesen Einfluss missbraucht haben, um Frauen zu belästigen und zu sexuellen Begegnungen zu zwingen. © 2022 Universal Studios Bild in Detailansicht öffnen
Ihre Reportage war belegt durch Interviews mit aktuellen und ehemaligen Angestellten Weinsteins und Mitarbeitern der Filmindustrie sowie juristischen Unterlagen, E-Mails und internen Dokumenten der Unternehmen, die der legendäre Manager geleitet hatte. Matt Purdy (Frank Wood), Megan Twohey (Carey Mulligan), Jodi Kantor (Zoe Kazan), Rebecca Corbett (Patricia Clarkson), Rory Tolan (Davram Stiefler) and Dean Baquet (Andre Braugher) © 2022 Universal Studios Bild in Detailansicht öffnen
Im Kern ist SHE SAID eine inspirierende, wahre Geschichte über Menschen, viele von ihnen Frauen, viele von ihnen Mütter, die den Mut aufbrachten, ihre Stimme zu erheben und Gerechtigkeit einzufordern. v.l. Hywel Madden (Wesley Holloway), Laura Madden (Jennifer Ehle) and Iris Madden (Justine Colan) © 2022 Universal Studios Bild in Detailansicht öffnen
Megan Twohey und Jodi Kantor brechen das große Schweigen in Hollywood: Sie entlarven Business-Meetings in Hotelzimmern als sexuelle Übergriffe und stoßen auf ein Netz aus Repression, Erpressung und Angst. v.l. Megan Twohey (Carey Mulligan), Jodi Kantor (Zoe Kazan) and Rebecca Corbett (Patricia Clarkson) © 2022 Universal Studios Bild in Detailansicht öffnen
Der Film zeichnet eine der wichtigsten Geschichten einer Generation nach, erzählt von mutigen Frauen, die sich trotz großer persönlicher Risiken dazu entschlossen, sich zu wehren, um einen bezichtigten Serientäter davon abzuhalten, noch weiteren Schaden anzurichten. Zoe Kazan spielt die Investigativreporterin Jodi Kantor. © 2022 Universal Studios Bild in Detailansicht öffnen
Die Reportage der beiden New-York-Times-Reporterinnen wurde mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet und löste ein Beben in Hollywood aus. v.l. Young Zelda Perkins (Molly Windsor) and young Rowena Chiu (Ashley Chiu) © 2022 Universal Studios Bild in Detailansicht öffnen
Regisseurin Maria Schrader (li.) legt mit SHE SAID ihre erste Hollywood-Arbeit vor. Sie wurde bereits für ihre Serie Unorthodox mit dem Emmy prämiert. © 2022 Universal Studios Bild in Detailansicht öffnen

Im Stil von „Die Unbestechlichen“

Regisseurin Maria Schrader erzählt „She said” als klassischen Reporterfilm im Stil der „Unbestechlichen“. Allerdings sind es hier zwei Frauen, die für ihre bahnbrechende Recherche ständig telefonieren, in ihre Laptops hacken oder um die Welt jetten. Ihre Männer betreuen derweil zu Hause die kleinen Kinder. Für ein investigatives Journalismus-Drama ist überraschend viel vom Privatleben der beiden Protagonistinnen – gespielt von Zoe Kazan und Carey Mulligan – zu sehen.

Viel Zeit für die Erzählungen von Weinsteins Opfern

Schrader erzählt unter anderem von postnataler Depression und der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ihr geht es um mehr als um sexuelle Übergriffe in der Filmbranche. Dieser Film beleuchtet das patriarchale System als solches, das es Frauen auf so vielen verschiedenen Ebenen schwer macht, zu arbeiten, Kinder großzuziehen und über sich selbst zu bestimmen. Im Zentrum von „She said“ stehen aber die Erzählungen von Weinsteins Opfern, für die sich der Film viel Zeit nimmt.

Filmstill (Foto: © 2022 Universal Studios)
Hollywoodmogul Harvey Weinstein war über Jahrzehnte eine der mächtigsten Figuren der Filmindustrie. Ein Mann, der mit seinem enormen Einfluss Karrieren in Schwung bringen oder beenden konnte. Jahrelang, so recherchierenen Zelda Perkins (Samantha Morton) und Jodi Kantor (Zoe Kazan), soll er diesen Einfluss missbraucht haben, um Frauen zu belästigen und zu sexuellen Begegnungen zu zwingen. © 2022 Universal Studios

Harvey Weinstein ist nur als Stimme präsent

Schrader macht den Schmerz jeder einzelnen Frau erlebbar, ohne die erfahrenen Gewaltakte zu zeigen. Während sich Weinsteins Opfer erinnern, fährt die Kamera über Details aus den Hotelzimmern: einen Bademantel, auf dem Boden liegende Kleidung, eine Dusche. Das Publikum ergänzt im Kopf den Rest. Weinstein selbst ist in diesem Film fast ausschließlich als Stimme präsent. Es wirkt, als wolle Schrader ihm, der bis heute sowieso schon viel zu viel Raum im Leben vieler Frauen einnimmt, keinen weiteren Zentimeter einräumen.

Filmstill (Foto: © 2022 Universal Studios)
Regisseurin Maria Schrader (li.) legt mit SHE SAID ihre erste Hollywood-Arbeit vor. Sie wurde bereits für ihre Serie Unorthodox mit dem Emmy prämiert. © 2022 Universal Studios

Gelungene Regie-Premiere für Maria Schrader in Hollywood

„She said“ ist ein starkes Statement gegen ein System, das Täter schützt und eine Hymne auf sorgfältigen investigativen Journalismus. Die Gründlichkeit, mit der die New York Times diese Recherche durchführte, und der Mut aller mitwirkenden Frauen ist bewundernswert. Dass Weinstein mittlerweile zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt wurde und die Metoo-Bewegung einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel in Gang gesetzt hat, ist zu einem großen Teil ihr Verdienst. Das alles würdigt dieser geradlinige Film, mit dem sich Maria Schrader als Regisseurin auch in Hollywood etabliert haben dürfte.

Trailer „She said“ von Maria Schrader, ab 6.12. im Kino

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