Bilder zur Tanz-Performance "Stolpersteine bewegen" in Trier (Foto: IMAGO, IMAGO/Emmanuele Contini)

Tanzperformance als gelebte Erinnerung

Stolpersteine: Wie zwei Tänzerinnen in Trier an NS-Opfer erinnern

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David Kirchgeßner
David Kirchgeßner ist Redakteur bei SWR Aktuell in Rheinland-Pfalz. (Foto: SWR)

Orli und Henriette – zwei Frauen, von den Nazis verfolgt, gebrochen, getötet – ihre Biographien stehen stellvertretend für unzählige Opfer. Kleine Messingsteine vor ihren ehemaligen Wohnungen – so genannte Stolpersteine – und eine Performance zweier junger Tänzerinnen des Theaters Trier erinnern an ihr Leben und Schicksal.

Als Orli Torgau-Wald 1962 in einem Psychiatrischen Krankenhaus stirbt, ist sie eine gebrochene Frau. Sie, die in jungen Jahren mutig kommunistische Flugblätter schmuggelt, das KZ überlebte und als „Engel von Auschwitz“ Mitgefangenen half, hat mit 47 Jahren keine Kraft mehr. Doch die Erinnerung an Orli Torgau-Wald lebt weiter.

Heute erinnert ein Stolperstein aus Messing in der Trierer Brentanostraße an sie. Der hat zwei junge Tänzerinnen des Theaters Trier bei einer außergewöhnlichen Choreografie inspiriert. Laura Evangelisti und Beatrice Risiglione sind die ersten, die sich durch Ausdruckstanz künstlerisch mit dem Stolperstein-Projekt auseinandersetzen.

 

Bilder zur Tanz-Performance "Stolpersteine bewegen" in Trier (Foto: Wikipedia Datei:Einlieferung 1942.JPG)
Orli Torgau-Wald stammt aus einer kommunistisch geprägten Trierer Familie und wird ab 1934 mehrfach von der Gestapo verhaftet. In Auschwitz setzt sie sich für Mitgefangene ein.

Tanzperformance „Stolpersteine bewegen“

In ihrer Inszenierung greifen die beiden italienischen Tänzerinnen unter anderem die Geschichte von Aurelia Torgau-Wald auf (1914-1962). Die Orli genannte Aurelia stammt aus der kommunistisch geprägten Trierer Familie Torgau und ist nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten mit ihren Brüdern Fritz und Willi in einer Widerstandsgruppe aktiv. Zusammen schmuggeln sie politische Flugblätter und Hefte von Luxemburg nach Deutschland.

Ab 1934 wird sie mehrfach von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet. Als sie eigentlich freikommen soll, wird sie stattdessen kurz vor Weihnachten 1940 ins Frauen-KZ Ravensbrück gebracht. Später wird Orli nach Auschwitz verlegt, wo sie sich auf der Krankenstation selbstlos für ihre Mitgefangenen einsetzt und die Beinamen „Heldin“ und „Engel von Auschwitz“ erhält.

Gebrochene Kämpferin

Sie überlebt das KZ, doch ihren Lebensmut hat Orli Torgau-Wald verloren. In einem Brief an eine andere Auschwitz-Überlebende schreibt sie später: „Nun, ich war sehr krank, nach der Haft, und habe die ersten zwei Jahre in einem Sanatorium verbracht. Danach ging es mir eine Zeit [besser], aber ich werde immer wieder krank, und zwar deshalb, weil ich Auschwitz nicht vergessen kann. Sie konnten uns nicht töten, im Lager, aber Sie haben uns doch zerstört.“

Aus der kämpferischen Frau, die sich und andere lebend durch die Hölle von Auschwitz gebracht hat, ist ein Pflegefall geworden. Ihr Arzt schreibt über sie: „Nach der Entlassung aus dem KZ Auschwitz Depressionszustände. Findet sich in der Welt nicht mehr zurecht. Keinen Glauben an die Menschheit mehr. Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens.“ Am 1.1.1962 stirbt Orli Torgau-Wald an ihren seelischen Verwundungen.

Bilder zur Tanz-Performance "Stolpersteine bewegen" in Trier (Foto: Bauer / Privat)
Ein Stolperstein erinnert heute in der Trierer Brentanostraße an Orli Torgau-Wald.

Vergast, verbrannt, aber nicht vergessen

Die zweite zentrale Biografie in der Trierer Tanzperformance ist die von Marie Henriette Gertrudis von Detten (1887-1941) – in der sogenannten „Aktion T4“ umgebracht als Euthanasie-Opfer des NS-Regimes.

Schon 1924 war sie als junge Frau in die Psychiatrische Klinik nach Andernach eingewiesen worden. Eine fatale Entscheidung, wie sich erst 80 Jahre später zeigen sollte. Eine Summe von Schicksalsschlägen, wie der Verlust ihrer drei Brüder während und nach dem ersten Weltkrieg, eine aufgelöste Verlobung und der Tod der Mutter hatten sie laut Erzählungen von Angehörigen in eine schwere seelische Krise gestürzt.

16 Jahre sollte sie in der Anstalt verbringen, bis man ihrer Familie 1941 mitteilte, dass sie eines natürlichen Todes gestorben sei. Erst Nachforschungen im Jahr 2021 durch Max Herrestahl, dessen Großtante Marie von Detten war, brachten ihr wahres Schicksal hervor. Sein Bericht darüber fließt als Audio-Einspieler ebenfalls in die Inszenierung von Laura Evangelisti und Beatrice Risiglione ein.

Eine Recherche in der Gedenkstätte Hadamar ergab laut Herrestahl, „dass Marie von Detten zusammen mit 59 anderen Patienten aus der Andernacher Klinik wahrscheinlich am 25.04.1941 in Hadamar vergast und verbrannt wurde“ – noch am Tag ihres Abtransportes, im Rahmen der als „Aktion T4“ bezeichneten zentral organisierten Vernichtungsaktion.

Um jeglichen Verdacht aus dem Weg zu räumen, wurde die Familie offenbar bei Todestag und -ort getäuscht. Die Patientenakte wurde im Krieg vernichtet.

Seit Februar 2023 erinnert nun ein Stolperstein in der Luxemburger Straße an sie. „Das Ausmaß des Leidens und die Tragödie des Lebens und Sterbens von Marie von Detten kann nur erahnt werden“, fasst es ihr Verwandter Max Herresthal in einer Ansprache zu diesem Anlass zusammen.

Bilder zur Tanz-Performance "Stolpersteine bewegen" in Trier (Foto: SWR)
Beatrice Risiglione und Laura Evangelisti (von links) sind die ersten, die sich durch Ausdruckstanz künstlerisch mit dem Stolperstein-Projekt auseinandersetzen.

 

Erinnern und aufmerksam machen

Auch an die Schicksale von Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma aus der Region Trier erinnern die beiden Tänzerinnen Laura Evangelisti und Beatrice Risiglione in ihrer Performance „STOLPERSTEINE bewegen“. Die Motivation dahinter: „Seit meiner Schulzeit in Italien hat mich ein sensibles Thema wie das des Holocausts berührt. Es ist sehr wichtig, dieses Thema auf der Ebene der Bildung und im Sinne der Erinnerungskultur an künftige Generationen weiterzugeben“, sagt Laura Evangelisti.

Ihre Tanzperformance wollen die beiden zunächst an Schulen rund um Trier aufführen – und vielleicht auch irgendwann in ihrer Heimat Italien.

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