Teddybär sitzt auf einer Fensterbank (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Robert Michael)

Verlassene Eltern

Wenn sich die Kinder von der Familie trennen

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Funkstille mit der eigenen Familie: Es ist ein Tabuthema, wenn Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen. Für Eltern ist das oft ein großer Schock und für die erwachsenen Kinder ein radikaler und nicht einfacher Schritt. Beide Parteien wenden sich an Dunja Voos. Sie ist Ärztin und Psychotherapeutin und hat unsere Fragen zu dem Thema beantwortet.

SWR1: Warum brechen Kinder den Kontakt zu ihren Eltern ab?

Dunja Voos: Das ist die schwierigste Frage überhaupt. Eltern, die einen Kontaktabbruch durch die Kinder erlebt haben, wissen oft nicht, wieso das passieren konnte - sie haben alles für Ihre Kinder getan und keine Gewalt ausgeübt. Manchmal werden die Gründe dann doch ersichtlich. Entweder möchten die Eltern es nicht zugeben, dass die Kindheit doch nicht so schön war. Oder es gab einen neuen Partner oder einen anderen Auslöser. Sehr oft ist aber nicht klar, warum die Kinder den Kontakt zu den Eltern abgebrochen haben. Die Kinder sagen oft, meine Eltern waren sehr dominant und ich habe nie empfinden können, was ich selbst wollte. Oft sagen die Kinder, dass ihre Eltern nie Verständnis für ihre Gefühle hatten. In diesem Fall haben die Kinder ihre Eltern oft als dominant empfunden.

Dunja Voos ist Ärztin und Psychotherapeutin (Foto: SWR, Dunja Voss)
Dunja Voos ist Ärztin und Psychotherapeutin Dunja Voss

SWR1: Für Eltern kommt dieser Kontaktabbruch oft abrupt. Stimmt das denn so?

Voos: Das empfinden sie so, weil dieser Kontaktabbruch auch knallhart durchgeführt wird. Aber meistens gibt es vorher lange Auseinandersetzungen und Briefe und Versuche, etwas zu klären oder zu ändern. Für viele Eltern kommt es ganz plötzlich, aber wenn man genau hinschaut, gab es auch viele Vorläufe.

SWR1: Worunter leiden die betroffen Eltern besonders?

Voos: Sie leiden unter dem Gefühl der Ohnmacht. Eine Mutter sagte mir: Am schlimmsten ist das Gefühl, dass mein Kind noch lebt. Das klingt sehr schwierig, aber sie sagte: Wenn mein Kind tot wäre, wüsste ich, wo es ist, was ich tun kann, wohin ich beten kann. Diese Ungewissheit und Ohnmacht finden Eltern am schlimmsten, dass das Kind lebt und man überhaupt nichts tun kann.

SWR1: Wie geht es den Kindern damit, wenn sie den Kontakt abgebrochen haben?

Voos: Sie leiden unter Schuldgefühlen. Manchmal ist es so, wenn so ein erwachsenes Kind krank wird, zum Beispiel Krebs bekommt, hat es das Gefühl, das sei jetzt die Strafe dafür, dass es den Kontakt abgebrochen hat. Außerdem haben diese Kinder das Gefühl, keine Familie zu haben, niemanden zu haben, der hinter ihnen steht und für sie da ist. Dieser Verlust der Eltern auch in der inneren Beziehung macht die Kinder oft haltlos. Meiner Erfahrung nach leiden die Kinder sehr darunter.

SWR1: Wie sollen sich Eltern in der Situation verhalten?

Voos: Das ist ein langer Prozess und oft dauert der Kontaktabbruch sehr lange. Es gibt viele Verhaltensmöglichkeiten, die die Eltern ausprobieren. Manche schreiben liebe Briefe, Postkarten zum Geburtstag oder rufen an. Aber nichts scheint wirklich richtig zu sein. Weil jedes Kind anders ist, können wir nicht wirklich sagen, was in diesem einen Fall das Kind wirklich denkt. Manchmal sind es auch Kinder, die eine Psychotherapie machen und im Laufe der Therapie den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen. Sie haben selbst verschiedene Wünsche - das kann montags anders aussehen als dienstags. Das ist oft ein Auf und Ab in den Familien.

Es ist, als ob der Boden unter einem zusammenbricht. Manchmal könnte man lauft schreien. Wut, es tut weh, Selbstzweifel im Sinne von: du hast ja doch einiges falsch gemacht.

SWR1: Nehmen diese Kinder irgendwann wieder Kontakt auf?  

Voos: Meine Erfahrung ist, dass die Kinder den Kontakt irgendwann wieder aufnehmen, wenn sie zum Beispiel eine Psychotherapie machen und selbst weiterreifen. Es kann aber auch sein, dass sie später den Kontakt wieder abbrechen. Ich habe aber auch Patienten, bei denen sich die Kinder 20 bis 30 Jahre nicht gemeldet haben und die die Hoffnung aufgegeben haben. Ich denke aber, solange Eltern und Kinder noch leben, kann die Hoffnung immer weiter bestehen.

SWR1: Und wenn die Kinder sich dann wieder melden, wie sollen Eltern damit umgehen?

Voos: Natürlich kann eine Therapie auch den Eltern helfen, sich selbst klarer zu werden. Was im Kontakt immer hilft, ist der Versuch "echt" zu sein. Aber jeder weiß auch, wie schwierig das ist, weil es so viele Stimmen und Persönlichkeiten in uns gibt. Ich würde immer sagen: Bringen Sie Ruhe rein und folgen Sie Ihren Gefühlen.

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