30 Jahre Musiksender VIVA

Collien Ulmen-Fernandes: "Die Gier war auch ein Faktor, an dem VIVA zugrunde gegangen ist"

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Michael Lueg
SWR1-Moderator Michael Lueg (Foto: SWR, SWR1 -)
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Frech, jung, und herrlich chaotisch. So startete vor 30 Jahren der
Musikfernsehsender VIVA und wurde zu der Fernsehheimat für Jugendliche – 2018 war Schluss.

Zum Jubiläum gibt es die dreiteilige Dokumentation "VIVA – Zu geil für diese Welt" in der ARD Mediathek. Die ehemalige VIVA-Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes erzählt im SWR1 Interview, wie sie die Zeit bei dem Sender erlebte.

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SWR1: Haben Sie in den letzten Jahren noch an VIVA gedacht?

Collien Ulmen-Fernandes: Nein, tatsächlich nicht. Ich bewege mich mittlerweile auch in einem ganz anderen Kosmos. Ich habe hauptsächlich Dokumentationen gedreht, mich in wissenschaftliche Studien eingelesen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interviewt. Ich war maximal weit weg vom VIVA-Kosmos. Das war jetzt schon sehr aufwühlend, noch mal so tief in die alte Zeit einzutauchen.

SWR1: Das war ja dieser chaotische, kumpelhafte, immer gut gelaunte Jugendsender VIVA. Wie haben Sie denn VIVA erlebt?

Ulmen-Fernandes: Tatsächlich genau so. Chaotisch trifft es wahnsinnig gut. Man kann sich nicht vorstellen, was da teilweise hinter den Kulissen abgelaufen ist. Wobei ich glaube, dass man das den Sendungen auch teilweise angemerkt hat. Das Chaos konnte man nicht verbergen. Aber das war letztendlich auch das, was den Charme von VIVA ausgemacht hat, dieses unperfekte. Ich kenne das jetzt vom richtigen Fernsehen, da wird bei einer Panne wiederholt und wiederholt und wiederholt. Und bei VIVA hat man einfach gesagt: So, wir strahlen das jetzt so aus – kommt, lasst uns alle Feierabend machen. Und dieses sympathische, authentische Chaos hat den Laden auch irgendwie ausgemacht.

Man ist in die Fußgängerzone gegangen, und es bildeten sich Teenager-Trauben um einen herum.

SWR1: Gab es denn auch mal eine Situation, dass es so chaotisch war, dass Sie gar nicht mehr gewusst haben, wie es weitergeht?

Ulmen-Fernandes: Ja, definitiv. Es gab eine Situation, die war wirklich schlimm für mich. Ich wollte nach Hause gehen und hätte auch eigentlich Feierabend gehabt. Da kam jemand panisch mit einem Mikrofon auf mich zu gerannt und sagte: Die Moderatorin Gülcan steht im Stau. Du musst jetzt ihre Live-Sendung übernehmen. Und ich fragte, was heißt denn "jetzt" genau? Sie sagte: in ungefähr zwei Minuten.

Dann wurde ich ins Studio geschubst, wo Männer saßen, die ich interviewen sollte. Das Problem war, ich wusste nicht, wer sie sind und was sie machen. Sind es Sänger oder Schauspieler und wollen die ihren Filmen promoten? Das war natürlich furchtbar unangenehm. Man kann ja nicht als Einstiegsfrage stellen: Entschuldigung, wer seid ihr und was macht ihr beruflich – ich habe keine Ahnung. So hangelte ich mich durch diese Live-Sendung. Das war für mich die absolute Katastrophe und das schlimmste Interview von allen.

VIVA Moderatorin Collien Fernandes (l.), 2003 bei einer Straßenaktion des Musiksenders. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
VIVA Moderatorin Collien Fernandes (l.), 2003 bei einer Straßenaktion des Musiksenders.

SWR1: Wer nicht VIVA gesehen hat, konnte am nächsten Tag in der Schule nicht mitreden. War Ihnen damals dieser Einfluss bewusst?

Ulmen-Fernandes: Es war extrem. Man ist nicht mit der Idee davon zum Sender gekommen. Aber das ist eben etwas, was passiert ist. Man wurde auf einmal von jedem erkannt. Man ist in die Fußgängerzone gegangen und es bildeten sich Teenager-Trauben um einen herum. Das war ein bisschen schwierig, weil wir auch Straßenumfragen gedreht haben und die waren irgendwann nur noch mit Security möglich. Wir sind dann irgendwann mit drei Security-Mitarbeitern auf die Straße gegangen. Es ist völlig absurd. Man kann sich das gar nicht vorstellen, aber die Teenies sind ausgerastet, wenn sie einen auf der Straße gesehen haben. Da war dann wirklich immer Ausnahmezustand.

SWR1: Was war für Sie das verrückteste, unglaublichste Erlebnis bei VIVA?

Ulmen-Fernandes: Es war natürlich völlig unglaublich, als Teenager eine eigene Fernsehsendung zu bekommen. Mein allererstes Interview war mit Britney Spears. Das war kurz nach dem 11. September. Sie wollte nicht in den Flieger steigen, weil sie Angst hatte. Und dann hieß es: Collien, kannst du bitte nach Miami fliegen? Und dann hing ich für eine Woche in einem Beach-Resort ab – für ein Interview. Das war durchaus okay für mich. Da dachte ich: Der Job ist genauso, wie ich mir das vorgestellt habe. Das war natürlich ein schöner Start in das Berufsleben, das später aber auch sehr stressig wurde. Wir haben oft von Montag bis Sonntag durchmoderiert. Das waren extreme Arbeitszeiten, aber mein Start war doch ganz schön in diese Welt.

SWR1: Und dann war Schluss am 31. Dezember 2018, 13:59 Uhr. Und Sie haben sich hinterher noch ein paar Erinnerungsstücke mitgenommen. Was liegt jetzt bei Ihnen zu Hause?

Ulmen-Fernandes: Uh, einiges. Ich ziehe gerade um und habe festgestellt, ich habe sehr viele VIVA-Devotionalien bei mir im Keller, zum Beispiel den VIVA-Föhn, bei dem ich auf der Verpackung war. Deswegen musste ich mir den natürlich mitnehmen. Ich habe noch VIVA-Socken gefunden oder VIVA-Slap. Das war ein koffeinhaltiger Energydrink. Das war auch eine Komponente des Niedergangs. Man wollte irgendwann zu viel. Man wollte nicht mehr ein kleiner Musiksender sein, sondern ein Multimedia-Konzern. Und letztendlich würde ich sagen, dass die Gier auch ein Faktor war, an dem der Sender zugrunde gegangen ist. Aber was da genau passiert ist, was alles zum Niedergang des Senders führte, dem gehen wir in der Dokumentation ganz dezidiert auf den Grund. Aber dieses Produkt-Portfolio bei mir im Keller erinnert mich an diese Zeit, als VIVA alles wollte.

Das Interview führte SWR1 Moderator Michael Lueg.

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