Brandau holt bei Radcross-DM 2024 ihren 17. Meistertitel

Radsport

Rad-Ass Elisabeth Brandau: Mountainbikerin, Mama, Macherin

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AUTOR/IN
Johannes Seemüller
Johannes Seemüller, SWR-Sportjournalist
EIN FILM VON
Nicole Schmitt

Mit 38 wurde Elisabeth Brandau Deutsche Meisterin im Radcross. Jetzt will die dreifache Mutter zu den Olympischen Spielen - obwohl sie finanziell auf sich allein gestellt ist.

Erschöpft, aber voller Euphorie und Endorphine stand die Siegerin nach ihrer Zieldurchfahrt in der verschneiten Landschaft. Elisabeth Brandau aus dem schwäbischen Schönaich hatte bei den Deutschen Radcross-Meisterschaften in Radevormwald (Bergisches Land, NRW) triumphiert. Ihr mittlerweile 17. Meistertitel - mit 38 Jahren, nur acht Monate nach der Geburt von Annabell, ihrem dritten Kind.

Die Bedingungen waren hart. Nicht nur wegen des Wetters und wegen der anspruchsvollen Strecke. Die Schwäbin hatte sich vor dem Rennen nicht ganz fit gefühlt. In den Tagen zuvor glich das Haus der Brandaus einem Lazarett, Mann und Kinder kränkelten. Und die Radsportlerin hatte befürchtet, sich anzustecken.

Alter schützt nicht vor Leistung

Doch im Rennen zeigte sie es der Konkurrenz, insbesondere der 22-jährigen Julia Krahl, die als Titelverteidigerin angetreten war. Vor allem bergauf zog Brandau davon, und im Ziel hatte sie einen deutlichen Vorsprung von 59 Sekunden auf die Zweitplatzierte. "Damit hatte ich nicht gerechnet", sagte sie im Gespräch mit SWR Sport und lieferte die Begründung gleich hinterher.

"Ich glaube, ich war nicht nur von der Kraft her überlegen, sondern auch mental. Ich hatte zwar erstmal etwas Schiss, aber dann musste ich an mein Kindertraining-Programm denken." Die Kleinen wurden für sie zum Vorbild.

"Die Kinder gehen auch bei jedem Wetter raus und haben keine Angst. Die machen einfach. Sie finden es cool zu rutschen, hinzufallen und wieder aufzustehen. Da dachte ich: Okay, jetzt musst du wieder ein bisschen Kind sein."

Brandaus aktuelle Form ist erstaunlich. Wegen ihrer Babypause hatte sie anderthalb Jahre "keine richtigen Wettkämpfe" mehr bestritten. Nach der Geburt von Tochter Annabell im April hatte die Athletin im August wieder mit dem Training begonnen, zunächst nur mit einer Stunde täglich. Umso glücklicher ist sie jetzt, schon wieder ein richtig gutes Level erreicht zu haben.

Mehrfachbelastung für Elisabeth Brandau

Von Haus aus ist Brandau Mountainbikerin. Die Winterpause nutzt sie, wie nach den zwei Schwangerschaften zuvor, um über die Teilnahme an Querfeldein-Rennen an ihr altes Leistungsniveau heranzukommen.

Für Außenstehende ist kaum vorstellbar, wie Brandau dies alles schultert. Die 38-Jährige ist nicht nur Leistungssportlerin mit einem gewaltigen Trainingspensum. Sie ist auch Mutter von drei Kindern. Die Söhne Maximilian (8) und Alexander (6) sowie die kleine Annabell (11 Monate) brauchen ihre Mama, zudem arbeitet sie als selbstständige Gesundheitscoachin und Heilpraktikerin. Des Weiteren unterstützt sie als gelernte Kälte-Klimaanlagenbaumeisterin ihren Mann bei seinem Handwerksberuf im organisatorischen Bereich.

Die Familie als große Stütze

Diese Mehrfachbelastung kann sie nur stemmen, weil Familie Brandau gut strukturiert ist und zusammenhält. Wenn die Jungs in der Schule sind, schwingt sich die Sportlerin zum Training aufs Rad, arbeitet im Büro oder coacht ihre Klientinnen. Sie versucht, wieder zuhause zu sein, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Gemeinsame Mahlzeiten sind Fixpunkte im familiären Tagesablauf. Elisabeth Brandau und ihr Mann sind ein eingespieltes Team. Nur gemeinsam schaffen sie das straffe Programm.

Und dann ist da auch noch die fast 92-jährige Oma, die ganz in der Nähe wohnt. Sie kümmert sich rührend und voller Freude vor allem um Annabell, das Nesthäkchen. "Die Kinder sind gut aufgehoben", freut sich Brandau. Die Oma war sogar schon fünf Tage in Belgien dabei, als die Enkelin Rennen gefahren ist. Im Wohnmobil kümmerte sich die alte Dame um Brandaus Nachwuchs.

Unterstützung von Oma für Elisabeth Brandau

Alles, was diese Powerfrau anpackt, macht sie mit Leidenschaft: ihren Sport, ihre Fortbildungen und ihren aktuellen Beruf als Gesundheits- und Life-Coachin. Zu ihr kommen Menschen (wie zum Beispiel eine amtierende Olympiasiegerin), die gesundheitlich angeschlagen sind oder in einem Energieloch stecken. "Wenn man diese Patienten ein halbes Jahr später trifft und sieht, dass sie wieder fit sind, dann ist das schön", sagt sie.

Sie selbst steckte auch schon in einem dunkleren Tal. Rund um die Olympischen Spiele 2021 in Tokio war sie körperlich und mental ausgebrannt. Obwohl sie erkältet war und an Herzrhythmusstörungen litt, kämpfte sie damals weiter um Weltranglistenpunkte und um die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Sie ging über ihre Grenzen. "Es hat lange gedauert, bis ich da wieder herausgekommen bin", erinnert sie.

Olympiaticket-Vergabe als Lotterie?

Die Olympischen Spiele in Japan verliefen für die Mountainbikerin in der Disziplin Cross Country enttäuschend. Die angeschlagene Brandau wurde im Rennen überrundet und nicht gewertet. Noch heute wurmt es die Sportlerin, dass sie wegen der drastischen Corona-Maßnahmen nicht im Olympischen Dorf sein konnte. "Das war nicht die Erfahrung, die ich mir vorgestellt hatte."

Das will sie in diesem Jahr bei den Olympischen Sommerspielen in Paris nachholen. Bis zur Ticketvergabe wird es ein langer, harter Weg. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat für die Mountainbikerinnen nur einen Startplatz zu vergeben. Nach welchen Kriterien dieser Startplatz zugeteilt wird, scheint unklar. "Sie haben nicht mal Qualifikationen ausgeschrieben", sagt Brandau irritiert. "Es ist wie ein Lotteriespiel." Die letzten Weltcups und die Deutschen Meisterschaften finden im Juni statt. Aber ob sie die Top 15 oder die Top 7 erreicht haben muss, weiß sie nicht.

Leidenschaft und finanzieller Kraftakt

Wird ihr Alter eine Rolle spielen oder die Tatsache, dass sie nicht im Nationalkader ist? Auch darüber macht sie sich Gedanken. Doch dann kommt die Kämpferin in ihr durch: "Ich gebe mein Bestes. Wenn ich gute Weltcup-Ergebnisse erziele und bei der DM ordentlich abschneide, bin ich schon mal zufrieden."

Von den Sportverbänden scheint sie ohnehin nicht viel zu erwarten. "Ich bin finanziell komplett auf mich allein gestellt", sagt sie. Sie bekommt keine Fördergelder, keine Sporthilfe und hat auch keine Sponsoren. Ihren Physiotherapeuten und ihre Reisekosten zahlt sie ebenso aus eigener Tasche wie das teure Material. Demnächst muss sie sich vier neue Räder kaufen. Kosten: etwa 40.000 Euro. "Ich habe das alles nicht hochgerechnet. Ich will die Summe auch gar nicht sehen." Trotzdem investiert sie alles, vor allem ihre Leidenschaft. "Dafür lohnt es sich zu leben. Warum sollte ich etwas tun, was mir nicht gefällt und was ich gar nicht will? Ich lebe schließlich nur einmal."

"Am Ende", sagt sie, "vertraue ich ein bisschen dem lieben Gott". Etwas Gottvertrauen kann ja nicht schaden. Erst kürzlich wurde die kleine Annabell getauft.

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