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Pizza, Pasta, Reis – und immer wieder trinken. Das Ziel: bis zu 8.000 Kalorien aufnehmen. Es gibt Menschen, die machen das täglich: Profi-Radsportler. "Sport erklärt" hat sich den Energieverbrauch im Radsport angeschaut.

Zehn Pizzen, vier Tafeln Schokolade und dazu vier Flaschen Bier: Was bei vielen Menschen den Energiebedarf einer ganzen Woche decken würde, müssen Profi-Radfahrer an einem Tag zu sich nehmen – häufig über Wochen.

Als der Ravensburger Emanuel Buchmann Ende Mai 2020 neunmal denselben Berg im österreichischen Ötztal hinaufstrampelte, legte er insgesamt 8.848 Höhenmeter in siebeneinhalb Stunden zurück - sein persönlicher Mount Everest. Dabei verbrauchte er 6.970 Kalorien, die er mit sechs Energieriegeln, vier Kohlenhydratgels, drei Koffeingels und fünfeinhalb Litern Flüssigkeit aufzufangen versuchte. Aber das war nur ein einziger Tag! Die großen Rundfahrten im Radsport erfordern anderes.

Rad-Rundfahrten: Höchstbelastung für den Körper

Die großen Rundfahrten wie die Tour de France, der Giro d’Italia oder die Spanien-Rundfahrt dauern drei Wochen, haben bis zu 21 Etappen und sind von gerade mal zwei Ruhetagen unterbrochen. Höchste Belastung für einen Körper, wie trainiert der auch immer sein mag. Außerdem ist jede Etappe unterschiedlich. Auf Flachetappen kann der tägliche Kalorienverbrauch auch mal unter 5.000 Kalorien liegen. Brutal sind die Bergetappen: Hier schießt der Bedarf auf 8.000 Kalorien und höher. Zum Vergleich: Ein Mensch verbraucht bei normaler Belastung zwischen 2.000 und 3.000 Kalorien am Tag.

Schon beim Frühstück beginnt das Kalorienzählen

Diese gewaltige Anzahl an Kalorien muss ein Sportlerkörper erst einmal aufnehmen. Rad-Profi Lennard Kämna (Team Bora-hansgrohe) beschreibt den Tagesablauf so: "Du fängst eigentlich um neun Uhr morgens an mit dem Essen und hörst bis abends nicht mehr auf."

Spätestens drei Stunden vor dem Wettkampf beginnt die große Kalorienaufnahme. Zum Frühstück stehen Kohlenhydrate auf dem Speiseplan. Ob Haferflocken, Pasta oder Reis – Hauptsache keine Fette und Ballaststoffe. Dazu gehen auch Kaffee und sehr viel Wasser. Auch kurz vor dem Start können es noch leichte Snacks sein.

Möglichst nicht in den "Hungerast" fahren

Während des Rennens gilt folgendes Motto: Volle Konzentration. Auf die Strecke, auf die Gegner, aufs Rad – und auf die Energiezufuhr. Radprofis müssen essen und trinken, so oft es geht. Denn sie müssen den sogenannten "Hungerast" vermeiden. Der droht, wenn der Zuckerspiegel im Blut zu weit absinkt und der Körper nicht rechtzeitig mit einem Nachschub an Kohlenhydraten versorgt wird.

Bestes Beispiel dafür: 1998, Jan Ullrich im Gelben Trikot auf dem Weg zum Col du Galibier – der "Hungerast" schlug zu, es kam, wie die Radprofis sagen, der "Mann mit dem Hammer". Das heißt: Die Energie-Reserven waren verbraucht, das Essen kam zu spät – Ullrich verlor an diesem Tag neun Minuten und die Tour.

Jan Ullrich (Team Telekom) bei der Tour de France 1998 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/augenklick)
Jan Ullrich verlor bei der Tour de France 1998 an einem Anstieg neun Minuten Zeit. Seine Energiereserven waren aufgebraucht, er erlebte einen "Hungerast". picture alliance/augenklick

Schnelle Energie, die unproblematisch auch in schwierigen Rennsituationen aufgenommen werden kann, bieten vor allem Gelpackungen. 100 bis 150 Kalorien liefern diese, außerdem an die 30 Gramm Kohlenhydrate. In ruhigeren Rennphasen können es auch Energieriegel oder kleine Reiskuchen mit Trockenfrüchten sein.

Ebenso wichtig ist das richtige Trinken. Denn der Körper schwitzt und verliert dabei Natrium, Kalium, Kalzium, Magnesium – die sogenannten Elektrolyte. Um diesen Verlust auszugleichen werden ein halber bis dreiviertel Liter pro Stunde empfohlen. Wasser reicht aber nicht, die Getränke sollten isotonisch sein, also die gleiche Konzentration an Mineralstoffen haben wie das menschliche Blut.

Was rein kommt, muss auch wieder raus

Dass Radprofis während der Rennen immer wieder anhalten und sich erleichtern, zählt zum gewohnten Bild. Das größere Geschäft ist aber unerwünscht. Kommen zu viele Kohlenhydrate, werden sie in den Dickdarm geleitet und sind zur Ausscheidung bereit. Davor gefeit ist keiner, denn während des Sports verlagert der Körper die Darmdurchblutung zugunsten von Muskel- und Hautdurchblutung. Damit der Darm nicht schlapp macht, muss er trainiert werden. Gewöhnung und möglichst gleichmäßige Lebensführung helfen – und am besten: nach dem Rennen viel Essen.

Die Völlerei beginnt nach dem Zielstrich

Haben es die Sportler ins Ziel geschafft, müssen die Speicher gleich wieder aufgefüllt werden. Mit Getränken aus Kohlenhydraten und Proteinen, dazu Snacks wie Nudelsalat, Kuchen oder Müsli. Und beim Abendessen dürfen es auch mal bis zu 4.000 Kalorien sein. Ob Pasta, Kartoffeln oder Gemüse für das Immunsystem – längst haben die Profiteams ihre eigenen Köche dabei. Denn die Ernährung spielt im Profi-Radsport eine immer entscheidendere Rolle. Und immer nur Pizza und Schokolade geht dann doch nicht.

"8,000 Kalorien am Tag: So funktioniert der Energieverbrauch im Radsport" - hier geht's zum kompletten Film auf dem YouTube-Kanal von SWR Sport.

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