Lisa Karl vom SC Freiburg und Fabienne Dongus von der TSG Hoffenheim profitieren von der immer besseren Trainingsbedingungen im Frauenfußball.

Fußball | Frauen

Was Fußballerinnen wirklich mit Gleichberechtigung meinen

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Autor/in
Michael Richmann
SWR Sport-Redakteur Michael Richmann

Wenn Fußballerinnen Gleichberechtigung fordern, denken viele erst einmal an das Gehalt von Toni Kroos. Doch die öffentliche Fixierung aufs Einkommen führt am Kern der Debatte vorbei.

Wenn sich die 15-jährige Fabienne Dongus hätte entscheiden können, ob sie lieber ein Jahr lang das Gehalt ihres Hoffenheimer Kollegen Sebastian Rudy oder für die gesamte Karriere dieselben Trainingsbedingungen wie Rudy hätte, fällt die Bedenkzeit relativ kurz aus: "Die Trainingsbedingungen", sagt die jetzt 28-jährige Kapitänin der TSG Hoffenheim im Interview mit SWR Sport. Denn die damals 15-jährige Fabienne Dongus spielte beim VfL Sindelfingen. "Ich hatte eine coole Zeit in Sindelfingen", schiebt die Nationalspielerin hinterher, "und der Verein hat uns damals die bestmöglichen Bedingungen angeboten. Auf der anderen Seite fragt man sich natürlich schon, was wäre gewesen, hätte ich damals schon bessere Bedingungen vorgefunden." Bedingungen, die Sebastian Rudy zur Verfügung standen, seitdem er mit 13 Jahren vom SV Zimmern in die Jugend des VfB Stuttgart wechselte.

Fabienne Dongus im dunkelblauen Trikot der TSG Hoffenheim läuft mit dem Ball am Fuß auf die Kamera zu. Am rechten Bildrand steht (unscharf) eine Mitspielerin.
Fabienne Dongus wechselte 2013 vom VfL Sindelfingen zur TSG Hoffenheim.

Der deutsche Frauen-Fußball hat große Fortschritte gemacht

In Sindelfingen sah das damals anders aus: "Wenn es im Winter schon mal schwierig wurde, stand uns kein Rasenplatz zur Verfügung. Dann haben wir manchmal auf dem Parkplatz trainiert", erinnert sich Dongus an ihre Zeit beim Zweitligisten, mit dem sie 2012 in die Bundesliga aufgestiegen ist. Der Wechsel zur TSG Hoffenheim im Sommer 2013 war diesbezüglich wie die Reise zu einem anderen Planeten: "Ja. Aber die Strukturen mussten auch hier erstmal wachsen. Mittlerweile haben wir zwei Trainingsplätze mit eigenem Greenkeeper, ein professionelles Trainer-Team, Physiotherapie, eine herausragende medizinische Abteilung und sehr viel mehr Möglichkeiten." Möglichkeiten, mit denen die TSG Hoffenheim anderen Klubs in der Frauen-Bundesliga ziemlich weit voraus ist.

Generell hat sich der Frauenfußball in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Immer mehr Klubs, die auch im Männerfußball zu den Topteams gehören, haben in eigene Frauen-Teams investiert oder kooperieren mit bereits existierenden Teams. Mit dem positiven Effekt, dass immer mehr Frauen unter immer professionelleren Bedingungen trainieren können. Das hatte jedoch auch zur Folge, dass Vereine wie der SC Sand, der seine großen Erfolge hauptsächlich dem Frauen-Team zu verdanken hat, immer stärker unter Druck geraten sind, weil ihnen das Geld fehlt, die Trainingsbedingungen auf vergleichbarem Niveau zu halten. Zudem fehlt es an der Möglichkeit, die bereits etablierte Infrastruktur der Männer zumindest teilweise mit zu nutzen. Darum müssen immer noch viele Frauen unter Bedingungen trainieren, mit denen Männer-Mannschaften von der DFL vermutlich keine Lizenz bekämen.

Freiburger Frauen-Team mit einem Quantensprung

Trainingsbedingungen, die auch Lisa Karl vom SC Freiburg nur zu gut kennt. Auch sie hätte lieber schon in der Jugend die gleichen Möglichkeiten gehabt wie Verteidiger-Kollege Matthias Ginter als ein Jahr lang sein Gehalt. Die 26-Jährige kam 2012 vom TSV Crailsheim zum Sport-Club. Der Sprung vom kleinen TSV Crailsheim zum großen SC Freiburg sei damals "gar nicht mal so groß" gewesen, "die Wege waren kürzer", erzählt sie im Interview mit SWR Sport. Denn vor dem Umzug der Männer ins neue Europa-Park-Stadion im Oktober 2021 trainierten die Freiburger Frauen auf dem Gelände des Freiburger Stadtteil-Klubs Blau-Weiß Wiehre - deren erste Männer-Mannschaft spielt in der Kreisliga. Der Kraftraum war etwa 30 Minuten Autofahrt entfernt, erzählte Freiburgs Spielführerin Hasret Kayikci im Sommer 2022: "Das war eine Katastrophe."

Lisa Karl steht im roten Trikot des SC Freiburug und schaut mit konzentriertem Blick auf eine nicht im Bild befindliche Gegenspielerin.
Lisa Karl hat lange Zeit auf dem Gelände eines Kreisligisten trainiert. Der Umzug auf das Trainingsgelände am Dreisamstadion war für die das Frauen-Team des SC Freiburg ein Quantensprung.

Als Lisa Karl zum SC Freiburg kam, hatten die Jungs in ihrem Alter schon ihr eigenes Fußball-Internat. Für Neid hatte sie jedoch keine Zeit. "Ich war froh, meinen Sport so gut mit der Schule vereinbaren zu können." Der Umzug auf das Trainingsgelände am Dreisamstadion im Dezember 2021 war für die Frauen-Mannschaft ein Quantensprung: "Nun haben wir alles an einem Ort: Training, Spielstätte, medizinische Abteilung, Physiotherapie. Das war ein gewaltiger Fortschritt." Doch nicht nur die Infrastruktur hat sich seitdem verbessert, die Physiotherapeuten des Frauen-Teams hatten bis dahin noch ihre eigene Praxis zu betreuen. Der Sport-Club war für sie nur ein Nebenjob. "Die sind jetzt fest beim Verein angestellt. Damit stehen wir jetzt richtig gut da. Auch im Vergleich mit vielen anderen Bundesligisten."

Das Trainingsgelände des SC Freiburg am Dreisamstadion.
Seit Oktober 2021 trainieren die Fußballerinnen des SC Freiburg auf dem Trainingsgelände am Dreisamstadion.

Schlechte Trainingsbedingungen sind eine Gefahr für die Frauen

Lange Wege und medizinisches Personal in Teilzeit sind für die Fußballerinnen kein Luxus-Problem. "Das machte es einem schwer, alles wirklich unter einen Hut zu kriegen", erzählt Lisa Karl, die auch noch ein paar Stunden als Polizei-Obermeisterin in Freiburg-St. Georgen arbeitet. "Dann hat man auch mal die eine oder andere Behandlung sausen lassen, die sicherlich gut gewesen wäre, aber nicht unbedingt notwendig war." Das wirkt sich nicht nur auf die Qualität des Fußballs aus, sondern stellt die Spielerinnen mitunter vor existenzielle Probleme. Die Sportjournalistin Tamara Keller sagt im WDR-Podcast "Sport Inside", dass Profisportlerinnen statistisch gesehen ein fünfmal höheres Risiko haben, sich das Kreuzband zu reißen als ihre männlichen Kollegen.

"Wenn ich meinen eigenen Weg betrachte, vom Parkplatz in Sindelfingen, über Hoffenheim in die Champions League. Wenn der Weg, den der Frauen-Fußball eingeschlagen hat, so weitergeht, können wir uns in zehn Jahren wieder treffen und dann über noch bessere Trainingsbedingungen sprechen."

Lange Zeit waren Sportmedizinerinnen davon ausgegangen, dass der Körperbau und die hormonellen Auswirkungen des Menstruationszyklus auf das Gewebe Frauen anfälliger für Muskelverletzungen machen. Stattdessen will eine Studie des British Journal of Sports Medicine herausgefunden haben, dass andere Faktoren dabei eine deutlich wichtigere Rolle spielen: schlechte Trainingsbedingungen, unzureichende Belastungssteuerung und der Stress, Fußball auf Profi-Niveau mit einem Nebenjob vereinbaren zu müssen.

Belastungssteuerung hat sich im Frauen-Fußball bereits erheblich verbessert

Zumindest bei den Trainingsbedingungen und der Belastungssteuerung sind die Frauen der TSG Hoffenheim und des SC Freiburg schon ein großes Stück näher an die Strukturen ihrer männlichen Kollegen herangerückt. Wenn Fabienne Dongus und Lisa Karl auf ihre eigens bereitgestellten und gut gepflegten Trainingsplätze kommen, haben die beiden schon einen Fragebogen ausgefüllt. Die Athletik-Trainer und die medizinische Abteilung wissen dann zum Beispiel, wie die beiden geschlafen haben, wie hoch das jeweilige Stress-Level ist, an welcher Stelle des Zyklus sie sich befinden und ob sie unter etwaigen Symptomen leiden. Entsprechend können sie dann das Training steuern. Im Trainingsalltag werde das häufig nicht einmal großartig thematisiert, erzählt Dongus: "Irgendwann kommt dann im Gespräch raus, dass ich im Kraftraum etwas weniger machen soll. Erst dann wird mir bewusst, ich habe meine Tage und deswegen ist das entsprechend abgestimmt."

Fabienne Dongus (vorne im hell-gelben Trainingstrikot der TSG Hoffenheim) holt mit dem rechten Fuß zum Torschuss aus. Vanessa Diehm (von rechts kommend im organgen Trainingsleibchen) versucht sie am Torschuss zu hindern.
Daten spielen bei der Bestaltungssteuerung der TSG Hoffenheim eine große Rolle. Abhängig vom Mensturationszyklus können Fabienne Dongu (vorne, verfolgt von Vanessa Diehm) mehr mit dem Ball oder mehr im Kraftraum trainieren.

Ist der Fortschritt auch nachhaltig?

Der SC Freiburg habe im Sommer 2022 mit zyklusbasiertem Training angefangen, sagt Lisa Karl. "Aber das ist kein Projekt, das man von heute auf morgen umsetzen kann. Dazu braucht es Zeit und eine gewisse Datengrundlage." Zudem werden in Freiburg - wie in Hoffenheim - die Trainingsleistungen getrackt - Körpertemperatur, Herzfrequenz, die Sauerstoffsättigung im Blut und viele weitere Werte werden erhoben und ausgewertet. "Das Trainerteam kann gezielt eingreifen, wenn eine Spielerin überlastet ist oder etwas mehr machen muss. Das wird auch gut genutzt", sagt Lisa Karl. Das wird angesichts der ehrgeizigen Pläne von FIFA und UEFA mit noch mehr Spielen, noch mehr Belastung und noch mehr Stress auch notwendig sein. Und der Rücktritt von Superstar Wendie Renard aus Frankreichs Nationalmannschaft hat gezeigt, dass der Fortschritt weder gleichmäßig noch linear verläuft.

Denn auch die Trainingsbedingungen für den Nachwuchs sind innerhalb der Frauen-Bundesliga sehr unterschiedlich: Die Juniorinnen der TSG Hoffenheim trainieren bereits seit Jahren in ihrer eigenen Akademie in St. Leon-Rot. "Wir haben schon in der U13 einen Trainer, Co-Trainer und einen Torwart-Trainer", sagt Fabienne Dongus. Die Jugendspielerinnen des SC Freiburg trainieren zwar auch mit einem professionellen Trainerteam, aber immer noch beim Kreisligisten Blau-Weiß Wiehre. Zwar möchten die Breisgauer auch den Mädchenfußball ganz gerne am Dreisamstadion ansiedeln. Allerdings haben auch andere Verein Bedarf an diesen Trainingsplätzen angemeldet. Die Lösung dieses Streits hat der Freiburger Gemeinderat im Februar 2023 erst einmal vertagt.

Wann kommt Equal Pay im Frauen-Fußball?

Und irgendwann geht es dann doch ums Geld - wenn auch nicht um die gleichen Löhne. Denn der Equal Pay Day im Frauenfußball ist noch lange nicht in Sicht: "Die Gehälter der Männer sind für uns ja utopisch. Das ist auch gar nicht, was wir anstreben", sagt Lisa Karl. "Aber wir wollen schon ganz gerne davon leben." Denn es spiele für die Leistung eine große Rolle, "ob ich mich voll und ganz aufs Training konzentrieren kann oder ob ich nebenbei noch arbeiten muss. Viele von uns bekommen nicht einmal den Mindestlohn."

Dieses Problem hat Fabienne Dongus derzeit nicht. Dennoch muss auch sie neben dem Fußball ein Studium bewältigen, um sich für das Leben nach dem Profisport zu wappnen. Und den Zusammenhang zwischen einem guten Einkommen und einer guten Leistung kann auch sie nicht leugnen. "Wir müssen erstmal die Aufmerksamkeit haben, um wirtschaftlich denken zu können. Und je mehr wir uns auf den Fußball konzentrieren können, umso besser wird auch unsere Leistung."

Doch sie ist optimistisch: "Wenn ich meinen eigenen Weg betrachte, vom Parkplatz in Sindelfingen, über Hoffenheim in die Champions League. Wenn der Weg, den der Frauen-Fußball eingeschlagen hat, so weitergeht, können wir uns in zehn Jahren wieder treffen und dann über noch bessere Trainingsbedingungen sprechen." Dennoch gibt es einen Punkt, um den sie Sebastian Rudy weiterhin beneidet: "Im Winter ist es immer noch sehr schwierig. Wenn man dann auf einem beheizten Rasenplatz trainieren könnte, wäre das schon Gold wert."

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