Graukopfflughunde am Himmel. Symbolbild: Fledermäuse. Sie können Viren übertragen - eine Gefahr ?

Virenforschung

Zoonosen – Diese Gefahr geht von Fledermäusen aus

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Lena Schmidt

Viruserkrankungen beim Menschen stammen oft ursprünglich von Tieren. Spätestens seit der Corona-Pandemie gilt die Fledermaus als besonders großer Übeltäter. Doch sind die Tiere tatsächlich so gefährlich wie ihr Ruf?

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Fledermäuse übertragen seltener Viren als gedacht

Als Blutsauger werden sie in Mythen gefürchtet. Und auch in der Realität haben viele Angst vor Fledermäusen. Denn die Tiere stehen in Verdacht, gefährliche Krankheiten zu übertragen.

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie hat nun untersucht, für welche Krankheiten es handfeste Beweise gibt – am Beispiel von afrikanischen Fledermausarten. Dina Dechmann, die an der Fledermaus-Studie mitgearbeitet hat, findet die Ergebnisse erschreckend:

Es gibt nur drei Viren, wo wirklich beschrieben ist, dass der Virus von einer Fledermaus auf Menschen übertragen wurde und in zwei Fällen davon eigentlich nur so Einzelfälle. Und alles andere lässt keine Schlussfolgerungen über sogenannte Spill Over bisher zu. 

In über 160 Studien der letzten 40 Jahre fanden die Forschenden umfangreiche Belege für das Marburg-Virus. Und auch Übertragungen vom Sosuga- und Bombali-Virus können nachgewiesen werden.

Entnahme von Speichelproben für die  Untersuchung eienr Fledermaus. Symbolbild. Viren, Krankheit, Gefahr
Auf sie fällt häufig der erste Verdacht als Virenüberträger: Fledermäuse.

Genaue Artbestimmung wichtig: Fledermaus ist nicht Fledermaus

Wichtig sei vor allem die genaue Artenbestimmung. Allein auf dem afrikanischen Kontinent gibt es hunderte Arten, erklärt Dina Dechmann.

Was uns aber vor allem dann auch bestürzt hat, ist, wie wenige Informationen zum Beispiel da war, über welche Fledermaus-Arten untersucht wurden. Überhaupt ist es sehr wichtig, wenn man sagt, eine Fledermaus kann Viren übertragen, dass man wirklich weiß, welche Art es ist und nicht nur "Fledermaus". 

In Deutschland gibt es im Vergleich deutlich weniger Fledermausarten. Doch auch hier können sie eine Krankheit übertragen. Die sogenannte "Fledermaustollwut", ausgelöst durch Lyssa-Viren.

Wie kann man sich vor der Fledermaustollwut schützen?

Der Tierarzt Martin Straube kann Entwarnung geben. Eine Ansteckung ist unwahrscheinlich:

Keineswegs beherbergen Fledermäuse häufig Lyssaviren, sondern es ist für sie eine seltene Erkrankung, eine seltene Infektion. Und dass dieses seltene Infektion dann noch auf Menschen übergeht, ist noch viel seltener. Tatsächlich sind in Europa nur fünf Menschen jemals an Fledermaustollwut erkrankt.

Wer einer kranken Fledermaus doch zu nah kommt, kann sich impfen lassen. Das empfiehlt der Tierarzt sowieso allen, die regelmäßig Kontakt zu den Tieren haben. Nicht etwa Personen, die Fledermäuse am Haus haben. Sondern Pflegende, die regelmäßig kranke Fledermäuse aufnehmen. "Die sollten sich gegen die gewöhnliche Tollwut impfen lassen", rät Straube. Denn das schütze auch zuverlässig gegen eine Infektion mit Fledermaustollwut.

Nicht von Fledermäusen geht in Deutschland die größte Gefahr aus: Mehr Krankheiten werden von Vögeln und Nagetieren übertragen. Das Bild zeigt Eier als Symbol für Salmonellen.
Die Daten von Gesundheitsämtern zeigen: Die größte Gefahr zoonotischer Keime geht in Deutschland von Durchfallerregern wie Salmonellen und Campylobactern aus. Diese werden nicht von Fledermäusen, sondern vor allem von Vögeln und Nagetieren übertragen.

Fledermäuse – gefährdet statt gefährlich

Weltweit lässt sich das Infektionsrisiko noch weiter reduzieren, indem Fledermäuse besser geschützt werden – und wir nicht noch weiter in ihren Lebensraum eindringen. In Deutschland stehen einige Arten auf der roten Liste.

Das Problem: "Wir restaurieren unsere Dachstücke. Wir fällen alte Bäume, die vielleicht noch Höhlen drin haben", erklärt die Verhaltensbiologin Dina Dechmann. Dadurch fehlt es den Fledermäusen an Unterschlupf. Auch Pestizide seien laut Dechmann eine große Gefahr. Die Fledermäuse essen dadurch entweder vergiftete Insekten oder finden nicht mehr ausreichend Nahrung.

In einigen Regionen auf der Welt werden Fledermäuse außerdem gejagt. Sie gelten als Delikatesse oder werden zum Beispiel als Medizin verwendet. Auch im Zuge der Virenforschung werden viele der Tiere getötet.

Wir haben zum Beispiel in unserer Studie herausgefunden, dass wirklich mehrere 10.000 Fledermäuse umgebracht wurden im Rahmen dieser Suche nach Viren. 

Tiere Bedrohte Fledermaus – Kommunikations-Genie im Klimastress

Fledermäuse sind weder gefährliche Blutsauger noch böse Corona-Überträger. Sie sind wichtig fürs Ökosystem. Einige Arten sind bedroht. Um sie zu schützen, baut die Deutsche Bahn sogar Brücken.

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So wichtig sind Fledertiere für Ökosysteme

Sollte der Fledermausbestand weiter zurückgehen, hätte das verheerende Folgen für die Ökosysteme, in denen sie leben. Die Tiere sind fleißige Bestäuber und verteilen auch Pflanzensamen oft kilometerweit. Das macht sie zu wichtigen Aufforstern. "Wir müssen den Erhalt der Wälder, auch der Regenwälder, ganz klar in den Flügeln der Fledermäuse sehen", sagt Martin Straube.

Ein Beispiel dafür ist der Palmenflughund, den Dina Dechmann und das Max-Planck-Institut in Afrika viel erforschen.

Es gibt Hinweise darauf, dass wenn allein diese Schlüsselart in Afrika verschwindet – und wir sehen überall Abnahmen – dann würde ein großer Teil des Ökosystems komplett zusammenbrechen.

Das Bild zeigt den Palmenflughund. Eine afrikanische Fledertierart. Fledermäuse traen viele Viren in sich. Doch die Gefahr, sich durch Viren anzusstecken ist für Menschen ehr gering.
Der afrikanische Palmenflughund legt pro Nacht einen Weg von ca. 70 Kilometern zurück, um zu seinen Fressbäumen zu kommen. Dabei verbreitet er die Samen der Regenwaldbäume auf großer Fläche.

Fledermäuse haben Super-Immunsystem

Und in der medizinischen Forschung könnten Fledertiere sogar noch eine ganz andere Rolle einnehmen. Ihrer Immunabwehr werden regelrechte 'Superkräfte' nachgesagt. Die Biologin plädiert für ein Umdenken: "Anstatt zu sagen: Oh, die Fledermäuse sind mit dem Virus in Kontakt, vielleicht können sie es übertragen? Könnte man fragen: Wie machen die das, dass sie dieses Virus so gut überleben?".

Auch Martin Straube sieht Potential: Wird das Immunsystem der Fledermäuse noch besser erforscht, könnten daraus neue Therapieansätze und auch Heilungsmöglichkeiten für den Menschen erwachsen. Fledermäuse scheinen also deutlich besser als ihr Ruf.

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