Magic Mushrooms können bei psychischen Erkrankungen helfen (Foto: IMAGO, YAY Images)

Gespräch

So helfen psychedelische Substanzen bei Depressionen

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Dr. Henrik Jungaberle im Gespräch mit Christine Langer, SWR2 Impuls
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Nienke Scholz

Psychedelika lösen bei Konsum einen psychedelischen Rausch aus. Sie können aber auch bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen helfen, wie Studien nahelegen.

SWR2 Impuls Redakteurin Christine Langer sprach mit Dr. Henrik Jungaberle, Direktor der MIND Foundation.

Christine Langer: Psychedelika. Das sind Substanzen, die einen in einen Rausch versetzen. Am bekanntesten sind LSD und die Magic Mushrooms, also Pilze, die den Stoff Psilocybin enthalten. Bei höheren Dosierungen lösen sie psychedelische Trips aus, und die sind nicht immer unbedingt angenehm. Psychedelika in der Medizin einzusetzen, speziell in der Psychotherapie, war lange sehr umstritten und schon fast ein Tabu. Deshalb ist lange Zeit auch kaum dazu geforscht worden. Inzwischen laufen aber weltweit Studien an verschiedenen Universitäten und Unikliniken. Gerade bei der Behandlung von Depressionen sind Wirkstoffe wie Psilocybin offenbar vielversprechend.

Dr. Henrik Jungaberle ist Mediziner und Direktor der MIND Foundation, einer Non-Profit-Organisation von ÄrztInnen, WissenschaftlerInnen und TherapeutInnen, die sich mit dem Einsatz von Psychedelika in der Medizin beschäftigt.

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Welche psychedelischen Wirkstoffe werden zurzeit genauer erforscht und für welche Krankheiten sollen sie eingesetzt werden?

Dr. Henrik Jungaberle: Am weitesten ist die Forschung mit Psilocybin, das ist der Wirkstoff, der aus den sogenannten „Zauberpilzen“ oder auch „Magic Mushrooms“ extrahiert oder chemisch nachgebaut wird, und mit MDMA. MDMA ist eigentlich kein Vertreter der Klasse Psychedelika, sondern eher ein Stimulanz, das aber psychedelische Wirkungen entfaltet.

Die Indikationen, für die geforscht wird, sind im Moment am häufigsten noch Depressionen, Suchterkrankungen und Angsterkrankungen. Auch Zustände am Ende des Lebens, wenn Menschen eine terminale Erkrankung, wie beispielsweise Krebs, und vielleicht nur noch ein halbes Jahr zu leben haben, mit dem Versuch ihnen dabei zu helfen, mit dieser Lebensphase klarzukommen.

Was lösen Psychedelika im Körper aus? Wie helfen sie bei der Behandlung dieser unterschiedlichen Indikationen, die Sie gerade genannt haben?

Dr. Henrik Jungaberle: Man geht davon aus, dass Psychedelika sowohl neurobiologisch auf das Gehirn wirken, also die Flexibilität erhöhen, dazu beitragen, rigide Denkmuster und auch den Motor des Fühlens aufzulösen. Aber andererseits, und das ist das Spannende, lösen Sie eine Veränderung des Bewusstseins aus. Und die kann man „Rausch“ nennen, ich würde es im medizinischen Kontext aber nicht tun.

Wir reden oft von veränderten Bewusstseinszuständen. Und über diese subjektive Schiene gelingt es Patienten sehr oft, ihr Leben aufzuräumen, also biografisch zu untersuchen: Was hat in bestimmten Momenten nicht geklappt? Könnte man eine Versöhnung erreichen oder auch Emotionen ausdrücken, die sie sonst nicht ausdrücken können?

Psilocybin ist der Wirkstoff, der in "Magic Mushrooms" vorkommt und eine psychedelische Wirkung entfaltet. (Foto: IMAGO, Science Photo Library)
Wirkstoffe, wie Psilocybin (enthalten in "Magic Mushrooms" oder "Zauberpilzen") und MDMA, werden in der Forschung rund um psychische Krankheiten, wie Depressionen, Angststörungen und Traumata eingesetzt. Science Photo Library

Sie sind unter anderem an einer großen Studie zu Psilocybin beteiligt, also dem Wirkstoff aus diesen „Magic Mushrooms“, zusammen mit dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und der Charité Berlin. EPIsoDE, so heißt die Studie, und da geht es konkret um die Behandlung von Depressionen. Wie läuft so ein Versuch innerhalb einer Studie ab?

Dr. Henrik Jungaberle: Die wichtigste Information zur psychedelischen Therapie ist, sie ist eigentlich eine Psychotherapie. Das heißt, die Behandlung mit den Psychedelika ist nur eine kleine Episode in einem psychotherapeutischen Prozess. Patienten melden sich und dann gibt es erst einmal ein ausführliches Vorinterview, mehrere Gespräche mit Ärzten und Psychotherapeuten, bei denen herausgefunden wird, ob die Patienten zur Studie passen und die Studie zu den Patienten.

Nehmen wir an, das ist geschehen: dann gibt es vorbereitende Sitzungen. Da findet sowas statt wie Psychoedukation. Man erzählt, wie die Therapie abläuft, auf was man sich da einlässt, das ist ganz wichtig. Das funktioniert ganz anders als bei den Antidepressiva oder ähnlichen Medikamenten. Es geht nicht darum, Zustände zu dämpfen oder dazu beizutragen, dass etwas weggeht, sondern oftmals wird etwas evoziert, also hervorgerufen beziehungsweise hervorgeholt - zum Beispiel starke Emotionen oder neue Gedanken. Und das übt man erst ein. Irgendwann kommt die Zeit für die Dosing Session, die geht circa vier bis sechs Stunden, in denen der Patient unter dem Einfluss der Substanz ist. Zwei Therapeuten sind dabei im Raum.

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Also man bekommt dann tatsächlich diese Substanzen verabreicht und dann wird man von Therapeuten begleitet?

Dr. Henrik Jungaberle: Die Patienten nehmen das in Form einer Kapsel ein. Nach 20 bis 60 Minuten tritt die Wirkung ein, auch sanft, eher in Stufen. Anschließend passiert etwas ganz Eigenwilliges: also die Patienten reagieren sehr unterschiedlich darauf. Manche liegen einfach im besonders gestalteten Therapieraum und schauen nach innen und es passiert eigentlich vier bis fünf Stunden lang relativ wenig.

Aber es gibt auch das andere Extrem: wir hatten schon Patienten, die stundenlang geschrien haben und sozusagen eine Abfuhr von Spannungen, von Energie, von Schmerz in diesem besonderen Zustand erreichen wollten und das auch getan haben. Das Spektrum ist groß.

Irgendwann kommen die Patienten aus diesem Zustand raus. Sie werden dazu angehalten, das nochmal meditativ zu verarbeiten, in Tagebücher zu schreiben, vielleicht etwas zu malen, um die Erinnerungen zu stärken, um die Verarbeitung zu stärken. In der Studie bleiben sie über Nacht in der Klinik und am nächsten Tag nach der Dosing Session erfolgt eine sogenannte Integrationsarbeit. Bei der Integration geht es darum zu erinnern, was denn eigentlich passiert. Das einzuordnen, zu verstehen, was man daraus machen kann, wie man das nutzen kann, um das eigene Leben zu verbessern.

Psychedelika können bei Depressionen helfen (Foto: IMAGO, Panthermedia)
Durch Einsatz von psychedelischen Substanzen in der Therapie wird versucht, Menschen mit Depressionen, Angststörungen und Traumata zu helfen. Panthermedia

Werden Psychedelika in Deutschland bereits zur Behandlung von Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen eingesetzt? Oder nach wie vor lediglich im Rahmen von Studien?

Dr. Henrik Jungaberle: Psilocybin und MDMA sind gerade in Zulassungsstudien, sie werden also nur im Rahmen von Wissenschaft eingesetzt. Aber unsere eigene Klinik in Berlin, die OVID Klinik, wendet bereits einen Stoff an, der psychedelisch wirkt. Das ist Ketamin, auch bekannt aus der Anästhesie im Rahmen von Operationen und Behandlungen, eingesetzt zur Narkose. Wenn man diesen geringer dosiert, erzeugt er subjektiv ganz ähnliche Wirkungen wie Psilocybin. Wir wenden den Stoff im Rahmen von Psychotherapien an und helfen Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Traumata.

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann ist die Hoffnung und das Ziel, dass die Behandlung dieser psychischen Erkrankungen durch Psychedelika schneller und besser gelingt?

Dr. Henrik Jungaberle: Seit mehreren Jahrzehnten gibt es keine neuen Substanzen mehr oder keine wirklich neuen pharmakologischen Ansätze in der Psychiatrie. Die psychedelische Forschung könnte also auch ein neues Tool, ein neues Werkzeug in die Psychiatrie und Psychotherapie bringen, das nach den bisherigen Erkenntnissen vielen Patientinnen und Patienten helfen könnte.

Am Freitag, den 09.09.2022 fand dazu das INSIGHT Symposium der MIND Foundation an der Uni Heidelberg statt.

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