Das Bild zeigt eine Animation der Aphanogmus kretschmanni. (Foto: Karlsruher Institut für Technologie, Naturkundemuseum Stuttgart )

Biodiversität

Neue Wespenart Aphanogmus kretschmanni entdeckt

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Thomas Hillebrandt
Thomas Hillebrandt, Redakteur und Reporter bei SWR Wissen aktuell (Foto: SWR, SWR, Christian Koch)
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Lena Schmidt

Eine Doktorandin aus Stuttgart hat eine bislang unbekannte Wespenart entdeckt. So läuft die Erforschung der nur Millimeter großen, parasitären Wespe am Naturkundemuseum Stuttgart und dem KIT ab.

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In einem Naturschutzgebiet bei Tübingen wurde eine neue Wespenart entdeckt. Durch intensive Forschung am Naturkundemuseum Stuttgart und am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wurde die neue Art erstmals beschrieben. Gefunden hat die Wespe Marina Moser, eine Doktorandin am Naturkundemuseum. Benannt wurde die neue Art Aphanogmus kretschmanni nach Winfried Kretschmann, dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg benannt. Das solle seinen Einsatz für den Erhalt der Biodiversität ehren.

Auf Expedition am Hirschauer Berg

Auf Expedition durch das Naturschutzgebiet am Hirschauer Berg wollte die Biologin erfassen, welche Insektenarten dort vorkommen und wie sie sich in Zahl und Zusammensetzung verändern. Die Insekten, die in die speziellen Fallen fliegen, fallen dann in achtzigprozentigen Alkohol. Dort werden sie dann konserviert, erklärt Moser.

Dass ihr dabei auch ein ganz besonderes Insekt in die Falle gegangen ist, findet die Doktorandin dann zurück am Naturkundemuseum heraus: Als sie die Insekten nach Art und Größe sortiert, entdeckt sie unterm Mikroskop eine Wespe, die anders ausgesehen habe, „als alle anderen“.

Auf dem Foto sind Marina Moser und ein Fangzelt zu sehen. (Foto: SWR, Thomas Hillebrandt)
Mit speziellen Zeltfallen, aber auch traditionellen Insektenkeschern macht sich Marina Moser im Südwesten auf die Suche nach Insekten.

Insektenbestimmung im Naturkundemuseum Stuttgart

Um sicher zu sein, dass es sich um eine neue Art handelt, haben Marina Moser und Lars Krogmann, wissenschaftlicher Direktor und Leiter des Stuttgarter Naturkundemuseums, die Wespe mit anderen Insekten der Museumssammlung verglichen. Es handelt sich um eine der größten Insektensammlungen Europas. In Stuttgart gibt es fast 5 Millionen präparierte Insekten, darunter 350.000 die wie die Wespe zur Ordnung der „Hautflügler“ gehören.

Ihre Analysen bringen dann die Gewissheit, dass es sich tatsächlich um eine bislang unentdeckte Art handelt. Ihr besonderes Merkmal: Eine Reihe an Dornen am Hinterleib.

Das ist ein Merkmal, was es bei Hunderttausenden von Arten bisher noch nicht gegeben hat, was bisher völlig unentdeckt war.

Moser vermutet, dass die Wespe mit der Stachelreihe möglicherweise die Oberfläche ihrer Wirtsinsekten öffnet. Die Wespe gehört nämlich zu den sogenannten parasitoiden Wespen, die wie andere Parasiten einen anderen Organismus zum Überleben benötigen, einen „Wirt“. Wie andere Wespen der Familie Ceraphronoidea legen sie ihre Eier in anderen Insekten ab.

Röntgen am KIT liefert hochauflösende Bilder

Zur weiteren Forschung ging es für Moser und die Wespe dann ans KIT. Mit einem „Hochdurchsatz-Röntgen-Mikro-Tomograph“, einer besonderen Form der Computer-Tomographie, können Strukturen von nur wenigen Mikrometern Größe sichtbar gemacht werden. Dadurch kann auch die nur millimetergroße Wespe genau untersucht werden. Sogar die innere Muskulatur wird hochaufgelöst sichtbar. Auch Dr. Thomas van de Kamp, Biologe am KIT, war erstaunt:

Wir haben schon viele Dinge gescannt bei uns. Aber so etwas Spektakuläres haben wir tatsächlich in der Form noch nicht gehabt.

Aus den Röntgen-Daten konnte das Forschungsteam um Moser Aufnahmen und Animationen der neuen Wespenart anfertigen.

Das Bild zeigt die Wespe Aphanogmus kretschmanni. (Foto: Naturkundemuseum Stuttgart)
Obwohl bislang nur ein Exemplar gefunden wurde, haben Moser und ihr Team bereits viel über die neue Wespenart herausgefunden. Bild in Detailansicht öffnen
In Nahaufnahme erkennt man die Stacheln der besonderen Wespe. Bild in Detailansicht öffnen
Eine Computertomographie (CT)-Aufnahme der neu entdeckten Wespenart. Bild in Detailansicht öffnen

Wespe braucht Wirt zum Überleben

Obwohl die Forscherinnen und Forscher bereits viel über die Wespe herausfinden konnten, bleibt einiges über die neue Art unklar. Zum Beispiel in welchen Insekten die Wespe ihre Eier ablegt und welche Rolle sie in ihrem Ökosystem spielt. Weitere Untersuchungen werden erschwert. Denn: Parasitoide Wespen sind durch die Abhängigkeit von bestimmten Wirtsinsekten überproportional durch das Insektensterben bedroht.

Durch den Artenschwund wird es uns nicht leichter gemacht, diese Arten zu entdecken. Wir haben einen gewissen Zeitdruck.

Mosers neu gefundene Wespe ist das bislang einzige Exemplar dieser Art.

Unbekannte Artenvielfalt: Dark Taxa

Arten, über die man nichts oder kaum etwas weiß, werden „Dark Taxa“ genannt. Dark Taxa aus Fliegen, Mücken und parasitoiden Wespen machen zusammen geschätzt etwa ein Viertel der in Deutschland heimischen Tierwelt aus. Tausende Arten könnten damit noch unentdeckt sein.

Mosers Forschung ist Teil des GBOL III: Dark Taxa-Großprojekts. Fünf Einrichtungen arbeiten gemeinsam darin, die Biodiversität in Deutschland besser zu erschließen:

  • Das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn,
  • die Zoologische Staatssammlung München,
  • der Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie der Universität Würzburg,
  • der Entomologische Verein Krefeld und
  • das Naturkundemuseum Stuttgart.

Auch Marina Mosers Forschung ist noch nicht abgeschlossen. „Wer weiß, was wir hier in dem Gebiet noch alles entdecken können“, sagt die Biologin. „Da wartet bestimmt noch ganz viel Unbekanntes auf uns.“ 

Dark Taxa besser zu erforschen, ist auch für den Artenschutz von großer Bedeutung. Auf der Webseite des GBOL III-Projekts heißt es: Aktuell können die unbekannten Arten nicht in Arbeiten im Bereich Biodiversitätsmonitoring, Naturschutz oder Ökologie einbezogen werden. Sie können ebenso wenig auf ihre Rolle und ihren Nutzen in natürlichen und menschengemachten Ökosystemen sowie ihre mögliche Gefährdung hin evaluiert werden.

Insekten in Gefahr

Insekten nehmen eine wichtige Rolle im Ökosystem ein, da sie beispielsweise für viele Arten die Nahrungsgrundlage sind und dafür sorgen, dass Böden fruchtbar bleiben.

Das Bild zeigt Wespen, die Marmelade aus einem Schälchen stehlen. (Foto: IMAGO, Eckhard Stengel)
Vor allem im Sommer sind Insekten wie Wespen oft lästig. Für den Erhalt des Ökosystems sind sie allerdings unerlässlich.

Doch seit einiger Zeit zeigt sich ein besorgniserregenden Insektensterben, das vielfältige Gründe hat: Unter anderem intensivierte Landwirtschaft, Pestizide, Lichtverschmutzung und auch der Klimawandel gefährden viele Arten.

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