Impfstoffampulle, tags: Impfen, Corona-Pandemie, Impfstoff (Foto: IMAGO, CHROMORANGE)

Corona

Impfen: Das können wir aus der Corona-Pandemie lernen

Stand
AUTOR/IN
Pascal Kiss
Portraitbild des Multimedia-Reporters und Redakteurs Pascal Kiss hinter einer blauen Polygonwand (Foto: SWR)
ONLINEFASSUNG
Leila Boucheligua

Ein wichtiger Faktor beim Weg aus der Corona-Pandemie waren die Impfstoffe. Noch nie wurde ein Impfstoff so schnell entwickelt und zugelassen. Dass es bei einer neuen Pandemie wieder so schnell geht, ist alles andere als selbstverständlich. Können wir uns schon heute auf die nächste Pandemie vorbereiten? 

In nur wenigen Wochen hat Uğur Şahin mit seinem Biontech-Team den Corona-Impfstoff entwickelt. Dass der Impfstoff dann nach umfangreichen Tests erst später zugelassen wurde, lag sicher auch an der neuen mRNA-Technologie. Dank ihr konnte der Impfstoff schnell entwickelt und produziert werden.

Vorwissen zu Coronaviren war ein zentraler Erfolgsfaktor

Aber noch entscheidender ist, dass Fachleute die Coronaviren direkt einschätzen konnten: 2002 und 2015 hatten andere Coronaviren kleinere Ausbrüche verursacht, spätestens danach war klar: Coronaviren docken mit ihrem Spike-Protein an menschliche Zellen.

Um das zu verhindern, müssen Impfstoffe das Immunsystem gegen diese Spike-Proteine trainieren. Gerade dieses Vorwissen war ein zentraler Erfolgsfaktor. Was passiert aber, wenn neue Pandemien durch wenig gut erforschter Erreger ausgelöst werden? Fachleute rechnen in Zukunft mit noch mehr Pandemien

Es gibt immer mehr Interaktionen zwischen Menschen und Tieren, weil es eben mehr Menschen auf diesem Planeten, mehr domestizierte Tiere auch mehr Habitat-Zerstörungen gibt. Und es gibt immer mehr Kontakt, durch die globale Verknüpfung breiten sich Viren, wenn sie gesprungen sind, sehr schnell aus. Ich glaube eher, dass es zu mehr Pandemien kommen wird. Es ist wichtig, sich darauf vorzubereiten.

Präventive Impfstoffentwicklung

Die Idee des Impfstoffforschers: Forschungsteams sollen schon vor einer neuen Pandemie gegen die 50 bis 100 gefährlichsten Erreger einen Impfstoff entwickeln. Dabei geht es vor allem um gefährliche Erreger, die derzeit beim Menschen nicht vorkommen.

Springt das Virus aber in leicht veränderter Form zum Beispiel von Tieren auf den Menschen über, könnten diese Erreger beim Menschen sehr schwere Krankheitsverläufe auslösen. Gegen diese potenziell gefährlichen Erreger sollen Forschungsteams schon jetzt konkrete Impfstoff entwickeln.

Diese Impfstoffe können bereits vor einer Pandemie an einer kleinen Gruppe von Menschen getestet werden. Ein kleiner Impfstoffvorrat wird angelegt. Bricht dann eine neue Pandemie aus, sollen die Impfstoffe durch die Vorarbeit möglichst schnell angepasst werden.

Illustration Spike Protein eines Coronavirus, tags: Impfen, Corona-Pandemie, Impfstoff (Foto: IMAGO, Science Photo Library)
Ein entscheidender Faktor in der Corona-Impfstoffentwicklung war das Vorwissen der Experten bezüglich des Spike-Proteins auf der Virusoberfläche, mithilfe dessen das Virus in die menschlichen Zellen andockt.

Impfstoffe sollen im Notfall schneller zugelassen werden

Ganz neu ist die Idee nicht. Auf dem Weltwirtschaftsforum hat sich 2017 die internationale Gemeinschaft CEPI gegründet, nachdem bei einem Ebola-Ausbruch in Westafrika ungewöhnlich viel Menschen gestorben waren. Das Ziel: Im Notfall soll durch das CEPI-Programm ein Impfstoff innerhalb von drei bis vier Monaten zugelassen werden.

Doch das Geld reicht nicht: Nur zu Beginn der Corona-Pandemie hat CEPI mit fast 1,4 Milliarden US-Dollar genügend Geld – aber nur für den akuten Einsatz gegen Corona und nicht für die Vorbereitung auf eine neue Pandemie. Ein Blick in die Jahresberichte zeigt: Die Investitionen sind nach den Zulassungen der ersten Corona-Impfstoffe wieder stark zurückgegangen. 

Man müsste das wirklich gewaltig aufstocken. Ich glaube, das Schöne daran ist, dass das ja nicht ein Land finanzieren müsste. Das wäre das, was man überall finanzieren kann. Davon profitiert die gesamte Menschheit.

Die Impfstoffe würden über einen längeren Zeitraum entwickelt. Damit könnte auch das Vertrauen in neue Impfstoffe gesteigert werden, so die Hoffnung. Aber ist das wirklich realistisch?

Ich glaube, das ist ein sehr ambitionierter Plan und es müsste natürlich auch international abgestimmt erfolgen. Die Erfahrung sagt, dass die internationale Forschungskoordination noch nicht so gut funktioniert.

Im Kleinen hat sich während der Pandemie aber schon einiges getan. In Deutschland gibt es seit 2021 am Paul-Ehrlich-Institut auch ein Zentrum für Pandemieimpfungen. Aber auch hier fehlen die finanziellen Mittel. Zudem stellt sich die Frage, wie Impfstoffe insgesamt verbessern werden können.

Bei zukünftigen Impfstoffen T-Zellen stärker in den Fokus nehmen

Klar ist: Die Impfstoffe haben laut WHO allein in Europa etwa 1,4 Millionen Todesfälle verhindert. Vor einer Infektion konnten die Impfstoffe vor allem langfristig nicht schützen. Die Impfstoffe haben vor allem die Antikörper im Immunsystem trainiert. Die T-Zellen des Immunsystem standen weniger im Fokus.   

Deswegen wäre es wichtig, dass wir zukünftig in die verbesserten Impfstoffe eben auch die T-Zell-Komponente mit einbauen und dadurch die Impfung noch wirksamer machen.

Die Antikörper dagegen hatten Probleme, die neuen Virus-Varianten zu erkennen. In Zukunft könnten auch Impfstoffe als Nasenspray oder zum Inhalieren noch effizienter vor einer Infektion schützen. Noch fehlt aber der große Durchbruch. Doch Experten schauen nicht völlig pessimistisch auf eine mögliche nächste Pandemie.

Ich glaube, wir wären in einer besseren Situation, wenn jetzt Stand heute ein neues Pandemiegeschehen beginnen würde.

Vieles wird davon abhängen, was die Fachleute über den neuen Erreger wissen. Wenn schnell klar ist, wo das Immunsystem angreifen muss, kann wieder sehr schnell ein Impfstoff entwickelt werden, vielleicht sogar noch schneller als bei der Corona-Pandemie.

Mehr zum Thema

Medizin Mann lässt sich 200 Mal gegen Corona impfen - ist das schädlich fürs Immunsystem?

Forschende der Universität Erlangen-Nürnberg haben einen Mann untersucht, der sich mehr als 200 Mal gegen Corona impfen ließ. Wie wirkt so eine Hypervakzinierung aufs Immunsystem?

SWR2 Impuls SWR2

Stand
AUTOR/IN
Pascal Kiss
Portraitbild des Multimedia-Reporters und Redakteurs Pascal Kiss hinter einer blauen Polygonwand (Foto: SWR)
ONLINEFASSUNG
Leila Boucheligua