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Wann kommen die Krankenhäuser im Kampf gegen das neue Coronavirus an ihre Grenzen? Ein neues Melderegister soll die aktuell verfügbaren Intensivbetten für akute Covid-19-Fälle anzeigen.

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"Bei der Coronabekämpfung fixieren wir uns zu sehr auf die Infektionszahlen. Die Zahlen helfen einem nicht besonders weiter." Das sagte Professor Christian Karagiannidis von der Lungenklinik Köln-Merheim in einem aktuellen Interview. Und er merkt weiter an: Die Zahlen sagen einem zwar was über die Dynamik, aber helfen uns im Krankenhaus nicht. Das Entscheidende sei die Belastung des Gesundheitswesens. An der Zahl der Intensivpatienten könne man messen, wie viel wir wirklich schaffen können und wann es kritisch wird.

Bei der Bewältigung der Coronapandemie spielen neben einer geeigneten Zahl von Intensivbetten vor allem ausreichend Beatmungsgeräte eine wichtige Rolle. (Foto: SWR, SWR, Patrick Hünerfeld)
Bei der Bewältigung der Coronapandemie spielen neben einer geeigneten Zahl von Intensivbetten vor allem ausreichend Beatmungsgeräte eine wichtige Rolle. SWR, Patrick Hünerfeld

Neues Melderegister für Intensivbetten zur Bewältigung der Corona-Pandemie


Deshalb hat die Vereinigung für Notfall- und Intensivmedizin mit Unterstützung des Robert-Koch-Institutes ein neues Melderegister für Intensivbetten gestartet. Die Kliniken sollen ab sofort melden, wie viele Infizierte mit dem Coronavirus aktuell auf Intensivstationen behandelt werden.

“Alle Kliniken in Deutschland mit Intensivkapazität haben damit die Möglichkeit, tagesaktuell einzugeben, a) ob sie freie Betten haben, b) auf welchem Level der Behandlung sie freie Betten haben, c) wie viele Betten sie innerhalb der nächsten 24 Stunden schaffen können und d) wie viele Patienten mit der Covid-19-Infektion sie im Moment in Behandlung haben."

Christian Karagiannidis, Deutsche Vereinigung für Intensivmedizin

Corona auf der Intensivstation So viele COVID-19-Patienten können wir beatmen

Immer mehr Corona-Infizierte erkranken schwer und müssen auf der Intensivstation beatmet werden. Das zeigt eine SWR-Datenanalyse. Noch reichen die Kapazitäten für eine gute Versorgung. Aber wann ist das Limit erreicht?  mehr...

Deutsches Melderegister für Intensivbetten frei zugänglich

Bisher kennt man solche Melderegister nur aus Skandinavien. Da sei das, so Karagiannidis, sehr gut etabliert, auch mit Patientendaten hinterlegt. In Norditalien gebe es auch ein zentrales Register, das aber nicht öffentlich ist.

In Deutschland wurde jetzt die Coronapandemie genutzt, so möglichst schnell Melderegister für Intensivbetten  aufzubauen. Bislang ist es weltweit das einzige Register für Intensivbetten, das frei zugänglich ist, wo man also direkt im Internet sehen kann, wieviel Behandlungskapazität da ist. Dieses Melderegister ist auch in öffentlicher Hand, d.h. aller medizinischen Fachgesellschaften und des Robert-Koch-Instituts.

Viele Kliniken in Deutschland bereiten sich auf auf die Coronapandemie durch die Schaffung weiterer Intensivbetten vor. (Foto: SWR, SWR, Patrick Hünerfeld)
Viele Kliniken in Deutschland bereiten sich auf auf die Coronapandemie durch die Schaffung weiterer Intensivbetten vor. SWR, Patrick Hünerfeld

Deutschland intensivmedizinisch gut für Coronakrise gerüstet

Aus den Daten lässt sich ein verlässlicher Trend herauslesen, wie gut die Krankenhäuser mit der hohen Zahl der Infizierten zurechtkommen. Bisher, Anfang April 2020, reicht die Zahl der Intensivbetten in Deutschland zur Bewältigung der Coronapandemie noch aus.

Christian Karagiannidis von der Deutschen Vereinigung für Intensivmedizin schätzt, dass derzeit weniger als ein Prozent aller postiv auf Corona Getesteten in Deutschland auf der Intensivstation landen. Und davon sei ein substanzieller Teil auch wirklich schwerer krank.

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Schwere Verläufe von Covid-19 wohl überwiegend bei Männern

Die letzten Wochen wurden in vielen deutschen Krankenhäusern genutzt, zusätzliche Kapazitäten zu schaffen. Auffällig sei, so Karagiannidis, dass der Anteil an Männern mit einer schweren Covid-19 -Erkrankung auf Intensivstation relativ hoch sei.

Das scheint kein Zufall zu sein. Auch aus Italien und China wisse man, dass Männer prädominant betroffen sind. Und es sei auch nicht so, dass es nur alte sind, sondern das Durchschnittsalter der Covid-19-Patienten auf der Station von Christian Karagiannidis in Köln-Merheim liege zwischen 40 und 55 Jahren.

Covid-19-Patienten liegen oft wochenlang auf Intensivstation

Das besondere bei dieser Pandemie ist, dass viele Menschen wochenlang auf einer Intensivstation beatmet werden müssen.

Das liegt nach der Einschätzung von Christian Karagiannidis daran, dass sich diese Erkrankung anders verhält als die normale Grippe, wie wir sie vergleichsweise über die letzten zehn Jahre immer in den Wintermonaten hatten.

Man hat den Eindruck, dass es eine Entzündungsreaktion gibt in der Lunge, aber diese Entzündungsreaktion löst sich nicht schnell auf. Und wir sehen, dass jetzt auch hier, so wie die das in China und Italien berichtet haben, dass es zum Teil Wochen dauert, bis die Patienten sich bessern. Wenn man eine Aussicht auf Erfolg hat,und sich die Entzündung zurückbildet,  dann sind diese vier Wochen oder fünf Wochen auf der Intensivstation auch wirklich gut investiert.

Christian Karagiannidis, Deutsche Vereinigung für Intensivmedizin

Deutschland hat bislang ausreichend Intensivbetten

Christian Karagiannidis geht davon aus, dass Deutschland derzeit zur Bewältigung der Coronapandemie sehr gut aufgestellt ist und auch genügend freie Bettenkapazität habe. Aber um diese Frage wirklich hundertprozentig genau beantworten zu können, müsste dieses Melderegister verpflichtend für alle Krankenhäuser sein. Denn damit könne man anhand des Verlaufes über die Tage hinweg sehr genau berechnen, ob die Kapazität, die wir haben, ausreicht oder nicht.

Intensivstation im Norden Iraks. Viele Länder wurden von der Corona-Pandemie und der Zahl schwerer Covid-19 Fälle förmlich überrollt.  (Foto: Imago, imago images/VWPics)
Intensivstation im Norden Iraks. Viele Länder wurden von der Corona-Pandemie und der Zahl schwerer Covid-19 Fälle förmlich überrollt. Ist Deutschland besser gerüstet für den Ernstfall? Imago imago images/VWPics

Hohe Dunkelziffer bei Zahl der Coronainfizierten

Bei der Zahl der Infizierten – also derjenigen, die sich wirklich mit dem Virus anstecken – kennen wir nur die gemeldeten Fälle, also Personen, die positiv getestet wurden. Viele Infizierte und nicht Geteste fehlen in der Statistik. Und wahrscheinlich sogar immer mehr – weil zu wenig getestet werden kann. Bei einer hohen Zahl der Infizierten steigt in der Regel auch erst einmal die Dunkelziffer.

 

Pandemie lässt sich nur noch verlangsamen

Die aktuellen Belegungszahlen aus den Intensivstationen werden jetzt immer verlässlicher und in der aktuellen Phase auch wichtiger. Die Pandemie lässt sich mittlerweile nur noch verlangsamen. Möglichst wenig Patienten sollen gleichzeitig auf Intensivstationen behandelt werden müssen. Ob das gelingt, werden die neuen Zahlen zeigen. 

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