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Gábor Paál (Foto: SWR, Gábor Paál)

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Umstrittene Studie bestätigt das angebliche Phänomen

Es klingt verrückt, aber es gibt tatsächlich eine Studie, die das behauptet. Sie ist allerdings sehr umstritten. Der Wissenschaftler, der sie publiziert hat, Satoshi Kanazawa, ist immerhin Professor an der renommierten London School of Economics. Er hat 3.000 Eltern untersucht. Nach seiner Studie haben die attraktivsten von ihnen tatsächlich ein paar Prozent mehr Mädchen bekommen als die anderen. Oder anders ausgedrückt: Die 600 schönsten Eltern hatten, verglichen mit den anderen Eltern, scheinbar eine um fast 8 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit, ein Mädchen zu bekommen.

Schönheit ist subjektiv

Der springende Punkt bei der Kritik ist die Subjektivität von Schönheit. Denn für diese Theorie ist nicht wichtig, ob die Eltern wirklich in einem "objektiven" Sinne schön sind, sondern ob sie von anderen als attraktiv empfunden werden; das lässt sich durchaus testen. Attraktiv im Sinne der Studie ist also, wer von vielen anderen als attraktiv beurteilt wird.

Die Kritik entzündet sich eher daran, ob die Zahlen der Wissenschaftler wirklich so aussagekräftig sind. Kann das Ergebnis nicht auch einfach Zufall sein? Es ist ja so: Wenn wir eine Münze werfen, ist die Wahrscheinlichkeit für "Kopf" bzw. "Zahl" bekanntlich halbe/halbe. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass wir, wenn wir hundert Mal eine Münze werfen, immer genau 50-mal "Kopf" werfen. Wenn wir 55-mal "Kopf" bekommen und nur 45-mal "Zahl", dann wäre das auch noch normal. Wir hätten noch keinen Anlass anzunehmen, dass etwas mit der Münze nicht stimmt. Und ähnlich ist das mit der Geburt von Mädchen und Jungen.

Wahrscheinlich Zufall

Es gibt nun in der Statistik sehr ausgefeilte Methoden, um große Datensätze zu analysieren und festzustellen, ob bestimmte Verteilungsmuster wirklich signifikant sind. Das heißt: So auffällig, dass es sich lohnt, nach einem verborgenen Effekt zu suchen, oder ob es sich um "zufällige" Schwankungen handelt. Und wenn man das bei dieser Studie wirklich statistisch fair macht, lautet das Ergebnis klar: Die paar mehr Töchter, die man bei den attraktiven Eltern findet, sind nicht signifikant. Das heißt, es ist wahrscheinlicher, dass sich das in dieser Studie zufällig so ergeben hat.

Die "50 schönsten Menschen" der People-Liste haben nicht mehr Töchter

Das heißt, wenn man morgen die Studie wiederholen würde, könnte auch etwas ganz anderes herauskommen. Es gibt zwei amerikanische Wissenschaftler, die das zum Spaß mal mit einer ganz anderen Stichprobe gegengecheckt heben: Die Zeitschrift "People" veröffentlicht jedes Jahr die Liste der angeblich "50 schönsten Menschen". Natürlich ist das auch eine willkürliche Auswahl, aber man kann ja davon ausgehen, dass unabhängig von der Reihenfolge diese Liste einen gewissen Mehrheitsgeschmack abbildet. Haben nun diese schönen Menschen mehr Töchter als der Bevölkerungsdurchschnitt? Nein! Die "50 schönsten Menschen" zwischen 1995 und 2000 haben sogar im Schnitt weniger Mädchen als der Rest der Bevölkerung. Dieses Ergebnis ist zwar auch nicht repräsentativ bzw. signifikant, aber es zeigt, wie leicht man, wenn man es darauf anlegt, irgendwelche Zahlen bekommen kann, die scheinbar auf einen verblüffenden Zusammenhang hinweisen, den es vermutlich in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Wer das übrigens mal genauer nachlesen möchte: Die Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" hat in ihrer Februar-Ausgabe 2010 dieses Beispiel mit den schönen Eltern und ihren Töchtern eingehend analysiert.