1000 Antworten Kommt es auch bei Tieren vor, dass sie vor Schmerz oder Rührung weinen?

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Da gehen die Meinungen auseinander. Die meisten Verhaltensbiologen sagen eher, dass Tiere zwar durchaus Schmerz und Gefühle empfinden, auch so etwas wie Trauer fühlen können, dass sie aber deswegen nicht weinen. Also das „Heulen“ vor Schmerz oder Rührung ist nach gängiger Lehrmeinung eine spezifisch menschliche Eigenschaft.

Was hat es mit den sprichwörtlichen Krokodilstränen auf sich?

Es gibt Krokodilstränen – also nicht nur in der Redensart, wo die Krokodilsträne ja der Inbegriff der Heuchelei ist – sondern Krokodile produzieren tatsächlich Tränen. Das war lange nicht so klar, weil sich Krokodile ja viel im Wasser bewegen und deshalb immer wieder irgendwelche Tropfen an ihnen herunterkullern. Aber vor ein paar Jahren haben Forscher den Nachweis erbracht, dass das, was man schon seit Jahren für Krokodilstränen hielt, tatsächlich welche sind. Die entscheidende Frage ist aber: Was löst diese Tränen aus? Das hat wahrscheinlich nichts mit Trauer oder Schmerz oder sonstigen Gefühlsausbrüchen zu tun, sondern mit Druck. Die Krokodile produzieren die Tränen nämlich beim Fressen. Da sperren sie bekanntlich ihr Maul weit auf, und dies drückt wiederum nach hinten aufs Auge bzw. die dort befindlichen Tränendrüsen.

Das heißt aber, dass Tiere grundsätzlich Tränen produzieren?

Ja, sie haben auch Tränendrüsen, aber hauptsächlich, um die Augen zu befeuchten, zu reinigen und um die Hornhaut mit Nährstoffen zu versorgen – wie beim Menschen auch. Wir produzieren ja auch ständig Tränenflüssigkeit, ohne dass wir gleich weinen. Die Wissenschaft unterscheidet übrigens zwei Arten von Tränen. Das eine sind die sogenannten reflektorischen Tränen. Die produzieren wir, wenn wir z. B. Schmutz im Auge haben oder beim Zwiebelschneiden. Das ist die ganz normale Tränenflüssigkeit. Wenn wir aber weinen, dann sind das emotionale Tränen. Die haben eine etwas andere chemische Zusammensetzung; insbesondere enthalten sie mehr Proteine, mehr Mineralstoffe und eine erhöhte Konzentration an Serotonin. Das ist ein Botenstoff im Gehirn, der unter anderem bei Schmerz ausgeschüttet wird. Man kann Tränen also chemisch unterscheiden.

Standardlehrmeinung ist, dass Tiere keine emotionalen Tränen produzieren. Aber richtig beweisen kann man es nicht. Denn nur weil man es noch nie wissenschaftlich beobachtet hat, kann man ja nicht ausschließen, dass es solche Tränen in ganz bestimmten Situation nicht doch gibt.

Es gibt einen schönen Film: Die Geschichte vom weinenden Kamel. Das ist ein ganz ruhiger, halbfiktiver, halbdokumentarischer Film, der in der Mongolei spielt – eine deutsch-mongolische Produktion. Es geht um Nomaden in der Wüste Gobi. Die haben ein Kamel, das ein junges Fohlen zur Welt bringt, allerdings unter so starken Schmerzen, dass es das Fohlen verstößt und nicht säugen will. Das Fohlen droht also zu verhungern. Die Mutter hat offenbar ihr Junges regelrecht verstoßen. Und am Ende gelingt es doch, mithilfe von Musik, speziell einer mongolischen Geige, die Mutter in eine Stimmung zu versetzen, die dazu führt, dass sie ihr Junges doch wieder annimmt. Und in dem Moment kullert der Kamelmutter tatsächlich eine Träne aus dem Auge. Das ist ein sehr rührender Moment. Natürlich ist das ein Film, aber eben mit einem hohen dokumentarischen Anteil. Die Regisseure beteuern, dass diese Reaktion des Kamels, diese Tränen echt waren. Das sei nicht inszeniert gewesen – also keine Zwiebel oder sonst was –, sondern eine authentische Reaktion. Insofern: Wer weiß? Früher haben die Wissenschaftler gesagt, Tiere haben keine Gefühle. Heute sieht man das anders. Und möglicherweise ist auch bei den Tränen der Tiere das letzte Wort noch nicht gesprochen.