SWR2 Wissen

Verschwörungsmythen – Was tun, wenn Familie und Freunde abdriften?

Stand
AUTOR/IN
Lena Puttfarcken
Lena Puttfarcken
ONLINEFASSUNG
Ulrike Barwanietz
Candy Sauer

Great Reset, QAnon, Pizzagate, der Deep State oder Fernsteuerung mittels Impfung durch Bill Gates: In der Corona-Pandemie glauben mehr Menschen an Verschwörungsmythen. Wieso sind die gerade in Krisenzeiten so attraktiv? Und was hilft, um Betroffene beim Ausstieg zu unterstützen?

Audio herunterladen (23,8 MB | MP3)

Mit den Verschwörungsgläubigen über Gefühle und Ängste sprechen

Wie und ob Angehörige den Verschwörungsgläubigen helfen können, hängt sehr vom einzelnen, konkreten Fall ab. Und der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Wenn man zum Beispiel im Umfeld mitbekommt, dass jemand erst anfängt, sich mit verschwörungsmythischen Aussagen zu beschäftigen, kann man sie oder ihn etwa unterstützen, diese Aussagen zu überprüfen. Laut Sabine Riede, der Geschäftsführerin der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen, ist es wichtig, dass die oder der Betroffene so selbst den Lösungsweg findet.

Wenn die Person sich aber schon länger mit Verschwörungsmythen beschäftigt, hilft es meistens eher, mit ihr über die Gefühle und Ängste zu sprechen, die sie beschäftigen. Das ist auch die Strategie von Sabine Riede in den Beratungsgesprächen.

Verschwörungsmythos, Verschwörungserzählung oder doch Verschwörungstheorie?

Jeder dieser Begriffe scheint dasselbe zu meinen, aber so ist es nicht. Verschwörungstheorie ist der geläufigste. Doch Experten sagen: Durch das Wort „Theorie“ werde der Eindruck vermittelt, diese Behauptungen ließen sich wissenschaftlich widerlegen wie jede andere Theorie auch.

So funktionieren Verschwörungstheorien aber nicht. Besser sei daher der Begriff Verschwörungsmythos. Er macht die Schwarz-Weiß-Sicht der Verschwörungsgläubigen deutlich: Sie glauben an eine Welt, in der es ganz klar eine gute und eine böse Seite gibt, wie in einem Märchen.

Covidioten – die Wortschöpfung steht in Zusammenhang mit Corona-Leugnern und macht die Härte der Fronten deutlich
Covidioten – die Wortschöpfung steht in Zusammenhang mit Corona-Leugnern und macht die Härte der Fronten deutlich

Gefühl von Kontrollverlust: wichtige Erklärung für Verschwörungsmythen

Viele Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben, haben den Drang, ständig über ihre Ideen zu sprechen. Widerspricht man einer ihrer Aussagen, gehen sie häufig gar nicht darauf ein. Vor allem, wenn Menschen schon tief im Verschwörungsglauben stecken, lassen sie sich kaum noch mit Fakten überzeugen, sagt Sabine Riede von der Sekten-Info NRW.

Das Gefühl von Kontrollverlust ist wichtig für die Erklärung, warum Menschen Verschwörungsmythen verfallen, vor allem in Krisenzeiten. In der Corona-Pandemie ist der Gegner ein unsichtbares Virus – vermutet man dahinter eine Verschwörung, wird die Krise kontrollierbarer. Plötzlich gibt es Menschen, denen man die Schuld geben kann.

Über 40 Prozent der Deutschen neigen zu einer Verschwörungsmentalität

Ob ein Freund oder Familienmitglied in Verschwörungswelten abdriftet – ganz grundsätzlich ist dafür vor allem entscheidend, wie stark die persönliche Tendenz dazu ausgeprägt ist.

Das wird in der Forschung Verschwörungsmentalität genannt und bedeutet: Jemand tendiert dazu, misstrauisch gegenüber Mächtigen zu sein. Diese Verschwörungsmentalität ist keine Ja- oder Nein-Frage. Sondern jemand kann eine stärkere oder schwächere Verschwörungsmentalität haben.

Demonstrantinnen auf einer Düsseldorfer Querdenken-Demo gegen das Tragen von Masken im Dezember 2020, sie halten ein Plakat hoch mit der Aufschrift: "Für eine maskenfreie und friedliche Welt"
Demonstrantinnen auf einer Düsseldorfer Querdenken-Demo gegen das Tragen von Masken im Dezember 2020

Die Mitte-Studie 2019 der Friedrich-Ebert-Stiftung hat ergeben: Über 40 Prozent der Deutschen neigen zu einer solchen Verschwörungsmentalität. Das heißt natürlich nicht, dass 40 Prozent der Deutschen an Verschwörungsmythen glauben, aber sie sind grundsätzlich empfänglicher dafür.

Männer glauben eher an Verschwörungstheorien als Frauen

Die Psychologin Pia Lamberty, die an der Universität Mainz zu Verschwörungsmythen forscht, ergänzt, dass Männer eher an Verschwörungstheorien glauben als Frauen.

Und dass Menschen, die sich politisch rechts verordnen, stärker an Verschwörungstheorien glauben, – das zeige sich nicht nur in Deutschland, sondern auch im amerikanischen Wahlverhalten oder bei Brexit-Wählern. Ihre Erkenntnisse fasst Lamberty auch in ihrem 2020 erschienenen Buch „Fake Facts“ zusammen.

Außerdem spielt die sogenannte Mustererkennung eine Rolle. Also das Phänomen, Muster zu erkennen, wo vielleicht gar keine sind. So gab es 2017 eine Studie, bei der Versuchspersonen abstrakte Gemälde betrachten sollten, die völlig chaotisch und unstrukturiert waren.

Wer trotzdem Muster in diesen Gemälden erkannte, tendierte auch stärker dazu, an Verschwörungen zu glauben.

Und auch das Bedürfnis, aus einer Menge herauszustechen, befördert den Verschwörungsglauben, genauso wie das Gefühl, sich über Verschwörungsmythen selbst aufwerten zu können.

Demonstration gegen Corona-Maßnahmen des Querdenken-Bündnisses in Aichach, Bayern, im November 2020, ein Mann steht vereinzelt und trägt ein Schild mit der Aufschrift: "Merkel Hochverrat"
Demonstration gegen Corona-Maßnahmen des Querdenken-Bündnisses in Aichach, Bayern, im November 2020

Angehörige von Verschwörungsgläubigen sollten Kontakt aufrecht erhalten

Viele Faktoren können also dazu führen, dass ein Angehöriger oder eine Freundin beginnt, an Verschwörungsmythen zu glauben. Sie kommen häufig in Umbruchszeiten auf, also dann, wenn Menschen nach Sicherheit suchen. Das kann in Krisenzeiten sein wie der Corona-Pandemie, die viele Bürgerinnen und Bürger verunsichert.

Umbrüche in der Art, wie die Gesellschaft miteinander kommuniziert, befördern die Verbreitung von Verschwörungsmythen. Früher trug die Erfindung des Buchdrucks dazu bei. Heute ist es das Internet, das Verschwörungsmythen einen ganz neuen Verbreitungsweg gibt.

Wenn Menschen zu tief im Verschwörungsglauben sind, ist die eigene Erkenntnis manchmal der einzige Weg, sagt Sabine Riede von der Sekten-Info NRW. In dieser Situation können Angehörige nicht viel tun außer abwarten und den Kontakt aufrechterhalten.

Manchmal sind sie die letzten Anknüpfungspunkte an die Realität außerhalb der Verschwörungsmythen. Vielleicht sucht der Verschwörungsgläubige dann eines Tages nach einem Ausweg. Dabei braucht er Hilfe – und wendet sich dafür an den Angehörigen.

Nicht jedes Bundesland hat Beratungsangebote für Betroffene

Manchmal lässt sich ein Kontaktabbruch nicht vermeiden – aber dann können betroffene Angehörige zum Beispiel ganz klar sagen: Ich kann im Moment nicht mehr mit dir sprechen, mich belastet zu sehr, was du sagst. Manche Verschwörungsgläubige erreicht so eine Aussage, sie überlegen sich: Deshalb hat mein Freund den Kontakt zu mir abgebrochen?

Und wer nicht mehr weiter weiß, kann sich Hilfe bei Beratungsangeboten suchen. In Nordrhein-Westfalen gibt es zum Beispiel die Sekten-Info NRW, in Baden-Württemberg die Beratungsstelle Zebra. Aber nicht jedes Bundesland hat solche Anlaufstellen. Hier müsste mehr getan werden, findet Psychologin Pia Lamberty, denn Angehörige tragen eine hohe emotionale Last.

SWR 2020

70 Jahre Baden-Württemberg Wutbürger, Querdenker, Aktivisten – Protestkultur im Südwesten

Baden-Württemberg steht eher für konservative Haltungen. Tatsächlich ist die Region aber Ursprung vieler Protestbewegungen. Wie widerständig ist der Südwesten? Was zeichnet Protest hier aus?

SWR2 Wissen SWR2

Feature Alle unter einem Aluhut? – Doku über alternative Milieus und rechte Ränder

Die Gruppe der "Querdenker" ist divers. Ist sie anfällig für Verschwörungserzählungen? Wie geht man mit dem Vorwurf um, am rechten Rand zu stehen?
Von Duška Roth

SWR2 Feature SWR2

Der verlorene Sohn Mannheims Xavier Kurt Naidoo

Mit Verschwörungsmythen und Liedtexten mit antisemitischen Tönen stürzte Xavier Kurt Naidoo. Da half 2022 auch kein Entschuldigungsvideo mehr. Der Savier ist abgetaucht. Von Eberhard Reuß

SWR2 Leben SWR2

Sozialpsychologin Pia Lamberty im Gespräch Über Verschwörungserzählungen

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty forscht über Verschwörungserzählungen, warum Menschen daran glauben, sich radikalisieren und was das für ihr Leben und die Gesellschaft bedeutet. 

SWR2 Tandem SWR2

Rottenburg

Rechtspopulismus Hetze, Angst, Verschwörungsmythen – Der Kopp Verlag in Rottenburg

Der schwäbische Verlag bietet Rechtspopulisten eine Plattform und sät Zweifel an Demokratie und Aufklärung. Ein rentables Geschäftsmodell.

SWR2 Wissen SWR2

Psychologie

Psychologie Fußball-EM: So bereitet der Teampsychologe die deutsche Elf mental vor

Prof. Hans-Dieter Hermann ist der Teampsychologe der National-Elf und soll die Deutschen mental auf die EM-Spiele vorbereiten. Dabei kommen verschiedene Übungen ins Spiel: Von Yoga bis Konzentrationsübungen.

Impuls SWR Kultur

Gesundheit Genitalverstümmelung – Hilfe für betroffene Frauen

Jährlich werden zehntausende Frauen genitalverstümmelt. Auch in Deutschland. Wie kann den Betroffenen geholfen werden? Von Paul Hildebrandt (SWR 2024) | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/genitalverstuemmelung-hilfe | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: daswissen@swr.de | Folgt uns auf Mastodon: https://ard.social/@DasWissen

Das Wissen SWR Kultur

Psychologie Medienpreis: Wie Aufklärungsvideos wirken und was sie mit uns machen

Gesundheitskampagnen versuchen, unser Verhalten zu verändern. Oft per Video-Clip: das Rauchen lassen, zur Darmkrebs-Vorsorge gehen oder während Corona zuhause bleiben. Wie und wann solche Filme wirken, hat der Filmwissenschaftler Thomas J. J. Scherer untersucht.

Impuls SWR Kultur

Stand
AUTOR/IN
Lena Puttfarcken
Lena Puttfarcken
ONLINEFASSUNG
Ulrike Barwanietz
Candy Sauer