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Trauma Afghanistan – Bundeswehr-Soldaten nach dem Einsatz

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Joost Schmidt
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Candy Sauer
Ulrike Barwanietz

Viele Afghanistan-Rückkehrer fühlen sich vom Bundeswehr-Einsatz psychisch belastet und zu wenig unterstützt. Bei manchen triggert der Ukraine-Krieg traumatische Erinnerungen.

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Soldaten klagen über mangelnde Unterstützung durch die Bundeswehr

Eine Explosion, ein heftiges Gefecht, ein getöteter Kamerad – nach dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan im August 2021 ringen einige Soldatinnen und Soldaten mit den psychischen Folgen des Einsatzes. Doch das ist nicht ihre einzige Belastung, denn die Bundeswehr stellt sich bei der Hilfe quer.

Jeder vierte Afghanistan-Rückkehrer leidet psychisch

Nach Angaben der Bundeswehr leidet etwa jeder vierte Afghanistan-Rückkehrer unter psychischen Folgen wie Angsterkrankungen, Depressionen, traumatischen Belastungsstörungen und Suchterkrankungen.

Dazu schreibt die Bundeswehr, Stand Sommer 2022, auf ihrer Webseite:

„Die Bundeswehr lässt Betroffene nicht allein und begleitet sie, ihre Familien und Helfer auf dem Weg zur Genesung.“

Doch ein ehemaliger Bundeswehr-Soldat schreibt SWR2 Wissen. Er möchte anonym bleiben, ein Interview möchte er nicht geben, aber seine schriftlichen Aussagen dürfen zitiert werden: "Die Folgen der Erkrankung – sozial, wie auch finanziell – fing die Bundeswehr nicht auf mit den Maßnahmen, die mir geboten wurden. Als Folge einer Postraumatischen Belastungsstörung bedeutet [das] konkret, dass monatlich 156 Euro gezahlt werden. Aus der Erkrankungszeit und der Phase bis zur Anerkennung der Schädigung herrschte rund zwei Jahre ein finanzielles (…) Chaos, das mir letztlich auch Schulden einbrachte, die ich bis heute abzahle. Das kompensierte keine der Maßnahmen, die die Bundeswehr vorsah – auch nicht die zwischenzeitliche Wiedereinstellung."

Ukraine-Krieg ruft eigene Kriegserinnerungen hervor

Heute kommen weitere Herausforderungen hinzu. Denn erste Erfahrungen zeigen, dass der Ukraine-Krieg bei kampferfahrenen Soldatinnen und Soldaten Kriegserinnerungen wecken kann.

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr bestätigt diese Beobachtungen auf Nachfrage von SWR2 Wissen. Betroffene Rückkehrer aus Auslandseinsätzen, die sich in den Behandlungseinrichtungen der Bundeswehr meldeten, würden vor allem durch Bilder und Videos auf Social-Media-Plattformen und durch Zeitungs- und Fernsehberichte getriggert.

Traumatische Erfahrungen verändern das Gehirn

Wenn ein Mensch traumatisiert ist, verändert diese Krankheit mit der Zeit das Gehirn, die Gedächtnisverarbeitung und das Stresssystem.

Die betroffenen Menschen erleben eine massive Erregung, und zwar so, als befänden sie sich wieder mitten in der schrecklichen Situation, einem Gefecht etwa. Ein sogenannter Flashback. Sie spüren Wut, Hilflosigkeit, Ohnmacht oder Angst. Auslöser oder Trigger können Gerüche sein, die an verbranntes menschliches Fleisch erinnern oder Geräusche, die wie Explosionen klingen.

App für traumatisierte Rückkehrer

Am Psychotraumazentrum in Berlin forschen Fachleute im Auftrag des Deutschen Bundestages. Sie entwickeln zum Beispiel unterstützende Angebote für betroffene Soldatinnen und Soldaten, so Bundeswehr-Arzt Peter Zimmermann. Seine Forschungssektion hat beispielsweise die App "Coach PTBS" konzipiert, ein niedrigschwelliges Onlineangebot für belastete Soldatinnen und Soldaten.

PTBS: Ehemalige Soldaten zeigen häufiger Symptome als Dienstsoldaten

In einer großen Studie des King‘s College London über britische Soldatinnen und Soldaten kamen die Forschenden 2021 zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die PTBS-Symptome bei Betroffenen verstärkten sich dann am meisten, wenn sie die Armee bereits verlassen hatten. Nachdem sie also in einem Lebensabschnitt ohne die Strukturen und Abläufe einer Armee angekommen waren.

Das Fazit der Untersuchung: Ehemalige Soldatinnen und Soldaten zeigen häufiger Symptome einer Traumatisierung als jene, die noch im Dienst sind.

Ein Soldat des deutschen ISAF-Kontingents patrouilliert 2008 in der Umgebung von Faisabad in Afghanistan. Ehemalige Soldaten zeigen häufiger Symptome einer Traumatisierung als Soldaten, die noch im Dienst sind.
Ein Soldat des deutschen ISAF-Kontingents patrouilliert 2008 in der Umgebung von Faisabad in Afghanistan. Ehemalige Soldaten zeigen häufiger Symptome einer Traumatisierung als Soldaten, die noch im Dienst sind.

Finnzieller und therapeutischer Schutz nur für Betroffene im Dienst

Eben diesen wichtigen Unterschied gibt es dem Veteranen-Verband zufolge bei der Frage, ob ein Soldat noch aktiv im Dienst ist oder nicht. Denn der Prozess, bis man sich eingesteht: Es gibt da ein Problem, das Problem geht auch nicht weg – könne teilweise fünf bis sieben Jahre dauern, so Bernhard Drescher vom Bund Deutscher EinsatzVeteranen.

Doch nur wenn eine psychische Krankheit im Dienst erkannt wird, bleiben die Betroffenen in einer Schutzzeit trotzdem bei der Bundeswehr. Sie bekommen weiter Lohn und einen schnellen Zugriff auf die therapeutischen Einrichtungen. Im Kern sind diese Aktiven dort heutzutage gut aufgehoben, findet Bernhard Drescher. Wer die Bundeswehr allerdings bereits verlassen hat, hat es deutlich schwerer, erklärt Drescher.

Veteranensprecher kritisiert den "Verwaltungskrieg"

Bernhard Drescher benutzt immer wieder das Wort Verwaltungskrieg, er kritisiert die lange Dauer von Prozessen und er sagt, dass man sich als psychisch erkrankter ehemaliger Soldat oft machtlos fühle. Seine Erfahrung: Gegen den ehemaligen Dienstherrn klagt niemand gerne.

Peter Zimmermann vom Bundeswehrkrankenhaus Berlin betont hingegen, die Begutachtung einer Entschädigung müsse bestimmte Stufen durchlaufen.

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20 Jahre lang war die Bundeswehr in Afghanistan. In Interviews fragen sich seelisch verwundete Soldatinnen und Soldaten immer wieder, was der Einsatz eigentlich gebracht hat. War alles umsonst?

Ein Untersuchungsausschuss im Bundestag soll den Abzug aus Afghanistan und die Evakuierung aufarbeiten. Nicht zuletzt durch den Ukraine-Krieg ist die Bundeswehr stärker in den Fokus gerückt. Über eines wird allerdings weiterhin kaum gesprochen: Die Veteraninnen und Veteranen.

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ARD-Korrespondentin Silke Diettrich war als einzige Journalistin dabei, als der letzte deutsche Flieger ausgeflogen ist. Jetzt nehmen die Taliban immer mehr Bezirke ein. Viele im Land machen sich große Sorgen – vor allem die Frauen. Von Silke Diettrich | Manuskript, Bildergalerie und mehr: http://swr.li/afghanistan | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen

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6.11.2001 USA fordern Bundeswehr-Hilfe in Afghanistan

6.11.2001 | Als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 greifen die USA wenige Wochen später im Oktober Stellungen der Taliban in Afghanistan an. Es ist der Beginn des sogenannten "Krieg gegen den Terror". Und für den fordert die US-amerikanische Regierung internationale Unterstützung an – unter anderem von Deutschland. Der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder (SPD) beschert diese Bitte eine Regierungskrise. Einige Abgeordnete vor allem der Grünen sind gegen einen Militäreinsatz der Bundeswehr in Afghanistan und wollen sich bei einer Abstimmung im Bundestag verweigern. In den folgenden Wochen wird auf politischer Ebene hitzig über das Für und Wider des Einsatzes diskutiert.
Bundeskanzler Gerhard Schröder macht am 6. November 2001 die Bitte der US-Regierung öffentlich und erinnert an sein Versprechen, stets zu den USA zu stehen.
Bundeskanzler Gerhard Schröder knüpft die Frage, ob sich Deutschland an der US-Operation „Enduring Freedom“ in Afghanistan beteiligen soll, an die Vertrauensfrage. Am 16. November erhält er im Parlament eine knappe Mehrheit der Stimmen.
Einige Wochen später, am 22. Dezember 2001, beschließt der Bundestag, dass sich deutsche Truppen außerdem beteiligen sollen an der ISAF Friedensmission der Vereinten Nationen in Afghanistan. Dafür bekommt die Regierung eine deutliche Koalitionsmehrheit.

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