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Der Körper und seine Säfte – Eine andere Kulturgeschichte

Stand
Autor/in
Wolfgang U. Eckart
Der Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart (1952 - 2021)
Onlinefassung
Ralf Caspary
Susanne Paluch

„Rotz und Wasser" heulen, in "Schweiß gebadet" sein - Körpersäfte sind in unserem Denken und Fühlen präsent. Dennoch: Eine Medizin- oder Kulturgeschichte der Körpersäfte ist bis heute nicht geschrieben. Der Medizinhistoriker Professor Wolfgang U. Eckart schließt die Lücke.

Der besondere Saft: Blut

Als erster wirklicher Beobachter der Blutzellen gilt der naturforschende Landmesser Antoni van Leeuwenhoek, der im späten 17. Jahrhundert seine eigenen roten Blutkörperchen unter einem Mikroskop beobachtete.

Den Zusammenhang zwischen dem Sauerstofftransport durch den in den Erythrozyten enthaltenen Blutfarbstoff Hämoglobin und der Lungenatmung sollte allerdings erst der Tübinger Biochemiker Felix Hoppe-Seyler im 19. Jahrhundert aufdecken.

Besondere Beachtung fand wie in der antiken und mittelalterlichen Literatur auch in der frühen Neuzeit das Menstrualblut. Obwohl der Ursprung seines Entstehens bis ins 18. Jahrhundert unklar war, wurden doch seit Hildegard von Bingen immer wieder Beziehungen zwischen Monatsregel, Libido und weiblicher Diffamierung – bis hin zur Verfolgung als "Hecen" – hergestellt.

Als giftig galt das Menstrualblut nicht nur Theophrast von Hohenheim (Paracelsus):

Es gibt kein Gift in der Welt, das schädlicher ist als das menstruum.

Auch eine Beziehung zwischen den Mond- und Blutungszyklen schien unbestreibar.

Der berühmte Arzt, Mediziner und Alchemist Paracelsus
Der berühmte Schweizer Arzt, Mediziner und Alchemist Paracelsus lebte von 1493 bis 1541. Sein eigentlicher Name war Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim.

Der Ursprung der Melancholie: Die schwarze Galle

Auf der Grundlage der antiken Säfte- und Qualitäten-Lehre entwickelte sich ein ganzer Komplex unterschiedlichster Wahnvorstellungen. Sie alle wurden als Ausdruck einer schlechten Mischung der Körpersäfte mit einem deutlichen Zuviel schwarzgalliger Anteile gedeutet.

Dabei geht der Melancholie-Begriff weit über sein modernes depressiv-trauriges Begriffsfeld hinaus. So ist bereits Aristoteles der Auffassung gewesen, dass die Melancholiker wegen der außerordentlich ungleichen Eigenschaften der schwarzen Galle auch ungleich in ihrem Charakter seien. Charakteristisch sei ihre ungewöhnliche Labilität, ihre Exzentrik und ihr ständiges Bedürfnis nach Arzneimitteln.

Das Phlegma: Der Schleim

In der antiken Viersäftelehre wurde dem Schleim kalte und feuchte Qualität zugewiesen. Vermutlich erst in der mittelalterlichen Rezeption traten psychische Eigenschaften hinzu, die den Phlegmatiker kennzeichneten. Schleimvolle Menschen wurden bis ins 17. Jahrhundert für „träge, verzagt und furchtsam“ gehalten.

Erst die endgültige Abkehr von der antik-mittelalterlichen Temperamentenlehre ließ an solchen Zuschreibungen zweifeln.

Auch glaubte man spätestens seit der frühen Aufklärung nicht mehr, dass der Nasenschleim als überflüssiges Exkrement des Gehirns direkt durch die dünnen Poren des Siebbeinkochens in die Nase gelange und von dort ausgeschieden werde.

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