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Wie erleben wir klassische Musik? Forscher präsentieren neue Studien

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Sylvia Systermans
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Dominic Konrad

Wie erleben wir klassische Musik, wenn sie anders als üblich präsentiert wird? Das wollten Forscher vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik Frankfurt und von Universitäten in Friedrichshafen, Bern und York wissen. Jetzt wurden die Studien an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen vorgestellt.

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Konzerterlebnisse als Versuchsreihe

Kammermusik von Brett Dean. Fünf Streicher spielen auf der Bühne, das Publikum sitzt im Zuschauerraum, still und konzentriert. Es ist ein klassisches Konzert wie man es kennt. Mit einem Unterschied: Alle Besucher sind verkabelt, Monitore und Infrarotkameras zeichnen auf, wie die freiwilligen Versuchsteilnehmer im Radialsystem in Berlin das Konzert erleben.

Gemessen werden Körperbewegungen, Mimik, Herzschlag, Puls und Atemfrequenz. Forscher vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik Frankfurt und Universitäten in Friedrichshafen, Bern und York können später daraus ablesen, wie sich während des Konzerts der Herzschlag von Besuchern mit dem Herzschlag anderer Besucher synchronisiert. 

Entspannen mit Musik (Symbolbild)
Wie beeinflusst das Konzerterlebnis unseren emotionalen Zugang zur Musik? Forschende mehrerer Disziplinen haben sich damit auseinandergesetzt.

Musikwissenschaftler, Kultursoziologen, Ingenieure und IT-Spezialisten forschen gemeinsam

Rund 800 Konzertbesucher in elf Live-Konzerten an zwei Berliner Konzerthäusern haben an dem Projekt des interdisziplinären Forscherteams aus Musikwissenschaftlern, Kultursoziologen, Konzertdesignern, Ingenieuren und IT-Spezialisten teilgenommen.

Wissen wollten die Forscher, ob klassische Musik anders wahrgenommen wird, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern. Wie beeinflusst eine Konzerteinführung, ein Programmhefttext, eine Licht- oder Videoinstallation das Musikerleben? Man glaubt es kaum: Die verschiedenen Settings haben kaum messbare Effekte auf das Musikerleben der Teilnehmer. Das überraschte und wurde von den Teilnehmenden des Symposiums in Friedrichhafen kontrovers diskutiert.

Ganz handfest ließen sich anhand der Forschung außerdem vier verschiedene Typen von Konzertbesuchern unterscheiden: Musikenthusiasten, Konzertbegleiter, Social-Event-Besucher und Musikliebhaber. Ergebnisse, die der Konzertdesigner und Künstlerische Leiter des Forschungsprojekts, Folkert Uhde für seine künftige Arbeit hilfreich findet: „Das finde ich sehr inspirierend, dass man vielleicht aufhören sollte zu denken, das Publikum ist eine homogene Masse, alle sind gleich interessiert und gleich aufmerksam. Schön, das wissenschaftlich sortiert zu bekommen.“

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Emotionaler Bezug als neues Konzept für Konzertformate

Wer sich hierfür kreative Ideen holen wollte, wurde beim Symposium in Friedrichshafen fündig. Vorgestellt wurden aus der Konzertpraxis Formate, wie etwa klassische Musik über erzählte Geschichten näher mit dem Leben und Erleben von Konzertbesuchern verbunden werden kann. Stichwort Storytelling.

Hier beeindruckte eine Kooperation zwischen der Universität Maastricht und der Philharmonie Zuidnederland. Der Ort ist ein altes Fabrikgebäude, Sofas und Tische stehen fürs Publikum bereit, Musiker sprechen über Musik, die für sie persönlich im Leben besonders wichtig gewesen ist und spielen anschließend dieses Werk, das durch ihre persönliche Erzählung besonders berührt.

Oder die Montforter Zwischentöne in Feldkirch. Unter dem Motto „Über das Beginnen“ wurden Menschen im Vorfeld des Festivals nach dem Moment befragt, wann sie sich in ihren Partner, ihre Partnerin verliebt haben. Während des Konzerts wurden sie mit ihren Antworten in kurzen Videoclips zugespielt, während Musiker dazu barocke Liebeslieder spielten.

Künstliche Intelligenz hilft bei der Visualisierung von Emotionen

Um Nähe und Beziehung zum Publikum geht es auch der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Intendant Beat Fehlmann stellte beim Symposium in Friedrichshafen das digitale Projekt „ViaVisuals“ vor. Eine Software erfasst über die Kameras von Laptops und Tablets biometrische Daten von Zuschauenden und Dirigent. Künstliche Intelligenz verwandelt diese Daten in ein digitales Gemälde aus Farben und Formen.

„Da ging es um die Visualisierung von Emotionen: von den eigenen Emotionen und Emotionen der anderen Zusehenden und Emotionen unseres Chefdirigenten“, erklärt Fehlmann. „Und das visualisiert zu bekommen ist natürlich erst mal eine unglaubliche Rechenleistung, weil das in Echtzeit passiert. Aber auf der anderen Seite führt es ja auch dazu, dass ich mir meiner Emotionen bewusst werden kann. Ich sehe plötzlich durch diese Übersetzung in eine Visualisierung, was quasi in mir drin passiert.“

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Spätestens seit die Corona-Pandemie schauen sich sehr viel mehr Menschen als vorher Konzerte digital zuhause an. Mit der Studie „Digital Concert Research“ hat das Forscherteam untersucht, welchen Unterschied es macht, wenn ausgewählte Versuchspersonen das Kammerkonzert im Berliner Radial-System nicht live, sondern als Stream am Computer erlebten. 

Ergebnis: Wenn es um das gemeinsame soziale Erleben ging, wurde das Live-Konzert wenig überraschend deutlich besser bewertet als das gestreamte Konzert. Am digitalen Format schätzten Teilnehmende dagegen, dass sie die Uhrzeit frei wählen konnten, es keinen Dresscode gab und sie nicht von raschelndem Bonbonpapier des Sitznachbarn gestört wurden.

Für Melanie Wald-Fuhrmann, Direktorin der Musikabteilung am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main, sollten die Potentiale neuer Konzertformate künftig stärker in den Blick genommen und das traditionelle klassische Konzert an heutige Bedürfnisse und Gewohnheiten angepasst werden.

„Das Konzertformat ist entstanden zu einer Zeit, da konnte man große sinfonische Musik nur live hören, weil es keine Tonaufzeichnungen gab. Das heißt, man wollte damals mit diesen Verhaltenskonventionen etwas erzeugen, was wir heute besser erleben können, wenn wir uns zu Hause die Musik anmachen“, so Wald-Fuhrmann. „Wenn ich ohne die Störung von anderen intensiv Musik hören will, dann muss ich nicht ins Konzert gehen dazu. Und deswegen stellt sich für mich die Frage: Was kann das Konzert aufgrund seiner Eigenschaften, was vielleicht Musikhören von CDs so nicht kann oder ein Low-Quality-Stream, und das dann ein bisschen mehr in den Vordergrund bringen?“

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