Album-Tipp

Werke von Unsuk Chin mit den Berliner Philharmonikern

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AUTOR/IN
Albrecht Selge

Zuviel Jingle Bells und Stille Nacht gehört? Dann brauchen Sie möglicherweise jetzt etwas Gegenwartsmusik, um Ihre Ohren wieder aufzubekommen. Am besten von einer außereuropäischen Komponistin!

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Weltallbürgerin

Eines der Stücke auf dem Album nennt sich Rocaná und ist von 2008. Komponiert hat es Unsuk Chin, die aus Korea stammt. Rocaná bedeutet „Lichtraum“ – und zwar im altindischen Sanskrit. Das zeigt zweierlei: erstens, dass Unsuk Chin sich keinesfalls aufs Koreanische festlegen lassen will, oder auf so eine Art gefälliges koreanisch-westliches Crossover.

Und zweitens, dass die Metaphern des Räumlichen und des Beleuchtenden für ihre Musik wichtig sind. Skulpturen zum Hören, könnte man sagen. Ein ganz eigenes musikalisches Charisma, auf das man sich einlassen muss. Ein weiteres Beispiel: Chorós Chordón, altgriechisch „Tanz der Fäden“, inspiriert von der Beschäftigung mit Astronomie und Kosmologie: Hier ist der Belichtungsraum gleich das imaginierte Universum.

Die 1961 in Seoul geborene Unsuk Chin ist also nicht nur Weltbürgerin, sondern quasi Weltallbürgerin. In ihrer Kindheit stand die Gottesdienstmusik ihrer evangelischen Pastorenfamilie gleichrangig neben koreanischer Schamanenmusik und sogenannter westlicher Klassik.

Drei Solokonzerte bilden das Gerüst

In den 1980er Jahren ging Chin zum Studieren nach Hamburg zu György Ligeti, ein Meister, aber als Lehrer ein harter Knochen. Und 1988 zog sie nach Berlin, wo sie seither lebt und nie mehr weg will, wie sie sagt.

Aber es ist kein Lokalpatriotismus, wenn die Berliner Philharmoniker jetzt ein Doppelalbum mit Musik ausschließlich von Unsuk Chin herausgebracht haben. Wenn schon, dann Globalpatriotismus. Das Gerüst des Albums bilden drei Solokonzerte: für Klavier, für Cello und für Violine.

Im letzteren beginnt der Geiger Christian Tetzlaff mit leeren Quinten, und darunter kann man den Klang eines indonesischen Gamelanorchesters assoziieren. Aber eben mit klassischem europäischen Schlagwerk. Kein Exotismus, sondern Atmosphäre und Andeutung. 

Trailer zum Album

„Man muss das einfach mehrmals hören.“

Die Berliner Philharmoniker haben dieses Album mit Live-Aufnahmen der letzten Jahren im eigenen Label herausgebracht. Das ist nicht nur technisch erstklassig, sondern prunkt auch mit einer angeberischen Ausstattung, vom Hardcover übers psychedelische Design bis zum 50-seitigen Booklet. Oder wie die Tageszeitung WELT es ausdrückte: „Nobel im Regal anzusehen“.

Aber entscheidend ist: auch nobel anzuhören. Die musikalische Qualität stimmt, mit den Dirigenten Simon Rattle und Daniel Harding, Myung-Whun Chung und Sakari Oramo. Neben zwei CDs ist noch eine Blu-Ray dabei, mit Videoaufzeichnungen von Konzerten und einem interessanten, sympathischen Interview mit der Komponistin. Darin gibt Unsuk Chin auch den entscheidenden Tipp für den Zugang in ihre Musik: „Man muss das einfach mehrmals hören.“

Das will man auch, weil es einen mit sich zieht. Etwa diese mysteriös-faszinierende Stimmakrobatik von Barbara Hannigan, in Sirenengesängen nach Kafka, Homer und James Joyce, eine weitere Perle auf dem Unsuk-Chin-Album der Berliner Philharmoniker.

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Albrecht Selge