Die Romantik in Deutschland, in die Caspar David Friedrich vor 250 Jahren hineingeboren wird, ist eine Strömung aus dem Geist der Musik. Nicht die Augen werden zum wichtigsten Sinn, der ins Innerste zielt, sondern die Ohren.
„Das stillhorchende Ohr wird eine Pforte erhabner Empfindungen“, sagt Johann Gottfried Herder, und bei E. T. A. Hoffmann heißt es: „Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf; eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt, und in der er alle durch Begriffe bestimmbaren Gefühle zurücklässt, um sich dem Unaussprechlichen hinzugeben.“
Das Ohr steht über dem Auge
Warum sollten sich Maler, die Augenmenschen par excellence, dieser Überzeugung nicht anschließen? Wenn wir vor Friedrichs Leinwänden stehen, dann geht es uns heute noch genauso wie Friedrichs Zeitgenossen.
Als der russische Reisende Alexander Turgenew Station macht in Friedrichs Atelier, bemerkt er: „Man kann über seinen Werken träumen, aber klar verstehen kann man sie nicht, denn auch in seiner Seele sind sie unbestimmt. Es sind Träume, Gesichte im Schlaf und in der Nacht. So sind auch seine Worte: Er selbst sagt, er könne weder den Gedanken noch das Bild, welches diesen ausdrückt, erklären.“
„Siehst du die Musik der Landschaft?“
Ohnehin hat Friedrich wenig „erklärt“, wenig gesagt oder geschrieben über seine Bilder. Aber das: Der Künstler solle „nicht nur malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht“ – sehnsuchtsvolle Seelenlandschaften.
Und eine solche Haltung wünscht sich Friedrich auch von dem Betrachter seiner Bilder: Er sinniert über ihnen mehr als dass er sie anschaut; er taucht ein in ihre Stimmung, in die Harmonie der Farben und lauscht ihrem inneren Tönen. Dann kann Friedrich fragen, wie uns der Zeitgenosse Theodor Schwarz überliefert: „Siehst du die Musik der Landschaft?“
Lauschen auf die Klänge der Natur
Die Natur, die Friedrich liebt, ist voll romantischer Wirkungen. In Greifswald, wo er geboren ist, zieht es ihn schon als Kind zum Hafen hin. Er schaut und hört dort den schaukelnden Booten zu auf dem plätschernden Wasser, in dem sich der Himmel still spiegelt, schaut hinauf zu den kreischenden Möwen. Später zieht es ihn hinaus ins Freie, vor allem an die Küsten der Ostsee, um zu schauen, zu hören, zu fühlen:
Geheimnisvolles Saitenspiel
In „Der Mönch am Meer“, seinem kühnsten Bild, bannt er genau das auf die Leinwand: Meer und Möwen, dazu einen gottverlassenen Mönch unterm unendlichen Himmel. Aus anderen Bildern hören die Zeitgenossen, wie der Dichter Theodor Körner, „Melodien“, „süße Harmonien, wie Gottes Wort, in Töne ausgegossen“. Und Friedrich selbst nimmt die Natur bereits als Tönende wahr, aus deren Tiefen für ihn ein geheimnisvoller Ur-Klang dringt.
„Ich habe seit einem Monat hier die Gedanken Gottes studiert und habe erkannt, wie sie so lieblich und groß sind. Ihr Charakter ist ein episches Idyll“, sagt der Maler über Rügen. „Die Saiten der homerischen und ossianischen Harfen klingen mir noch auf allen Höhen und von den Küsten entgegen; doch sind sie verklärt durch den Tod als ein ewiges Wort auf jenem hohen Kreideufer in seiner erhabenen Formation und heiligen Stille.“
Musik zu Transparentbildern
Einmal, 1830, kommt Friedrich der Musik ganz nahe: mit Bildern, die er auf transparente Leinwände malt, um sie von Lampenlicht beleuchten und von Musik begleiten zu lassen. Bereits die Sujets der Bilder sind durchdrungen von Musik: „Am gotischen Bogenfenster steht gelehnt eine Harfe, zu beiden Seiten derselben zwei Mädchen, singend und spielend Mandoline und Gitarren, als harrten sie der Harfenspielerin. Den Blick zum Fenster hinaus begrenzt eine bewaldete Anhöhe, worüber der Vollmond glänzt.“
„Aber die vergebens erwartete Freundin sitzt im zweiten Bilde auf einem Söller, an einem freien Platz gelegen, wo von der nahen erleuchteten Kirche die Orgeltöne herüberschallen und von dem Mädchen mit Harfenspiel begleitet werden. Der Mond steht höher am Himmel und ergießt sein bläuliches Licht über die ferneliegende schlummernde Stadt. – Im dritten Bilde sitzt unter hohen Blumen (Malven) ein junger Musiker schlafend und träumend. Seiner Hand ist die Mandoline entsunken. Auf Wolken senken sich drei geflügelte Wesen singend und spielend zum Schläfer herab. Strahlend ergießt sich das Licht aus der Höhe zur Erde. – Das vierte Bild ist anderer Art: eine Szene im Walde, wo durch Zauberkraft der Erde ein Schatz abgezwungen und dafür Himmlisches für Irdisches dargebracht wird.“
Forum Über allen Gipfeln – Was macht Caspar David Friedrich so unsterblich?
Michael Köhler diskutiert mit
Prof. Dr. Johannes Grave, Kunsthistoriker, Universität Jena,
Prof. Dr. Achatz von Müller, Historiker, Universität Basel
Dr. Kia Vahland, Meinungsredakteurin der Süddeutsche Zeitung und Sachbuchautorin
„Fern zu hörende, rauschende Musik“
Und Friedrich benennt ganz konkret seinen Plan, wie diese Bilder zur Aufführung gebracht werden sollten: „Diese Bilder müssen in Begleitung von Musik gesehen werden. Das erste mit Gesang und Gitarre – das zweite mit Gesang und Harfenklängen – das dritte mit der Glasharmonika – das vierte in Begleitung von fern zu hörender, rauschender Musik.“
Ein derartiges Zusammenspiel von Bildern, Licht und Klängen: Es ist so ganz nach dem Geschmack der Romantiker. Sie vereinigen die Künste, um sie symbiotisch aufgehen zu lassen in etwas Neuem. Schon seit Anfang der 1820er-Jahre sind Transparentbild-Aufführungen ein Faszinosum für Zeitgenossen.
Die sorgsam ausgewählte Musik – zumeist unsichtbar im Hintergrund gespielt – wird dabei zum magischen Stimulanzmittel, das die Einbildungskraft der Zuschauer beflügelt und die Bilder in ihrer Wirkung steigert: „Wir waren alle wunderbar ergriffen“.
Tönende Stille
Aber Friedrichs ehrgeiziges Projekt dieser Bild-Klang-Licht-Installation – vorgesehen für den russischen Hof – ist, soweit wir wissen, nie zur Aufführung gekommen. Was uns also bleibt? Allein dem inneren Tönen der Bilder Friedrichs zu lauschen. Und vielleicht ist diese tönende Stille ja das noch größere Glück, das uns von Friedrichs Bildern bleibt angesichts unserer immer lauter werdenden Welt.