Die Würde des Menschen ist Kern der Demokratie

Michel Friedman mit neuem Buch „Judenhass“: Judenhass ist Menschenhass

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Interview
Martin Gramlich

Seit im Oktober der Gaza-Krieg ausgebrochen ist, verzeichnet die Bundesrepublik eine geradezu epidemische Zunahme von antisemitischen Straftaten. Der Anwalt und Publizist Michel Friedman analysiert die Hintergründe in seinem neuen Buch „Judenhass“. Die Deutschen müssten lernen, so Friedman, dass Judenhass ein Hass sei, der gegen das humanistische Selbstverständnis des Menschen verstößt.

Und das Grundgesetz schreibt ja nicht ohne Grund: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dort, wo die Würde des Menschen aber angetastet wird, wird auch unsere Demokratie angetastet.

Judenhass ist Fieberthermometer der Demokratie

„Hass ist hungrig und ist nie gesättigt", antwortet Friedman auf die Frage, weshalb er den Titel „Judenhass“ gewählt habe für sein Buch – und nicht „Antisemitismus". In dem Wort steckten zwei Teil: Juden und Hass – und vor allem um den zweiten Bestand gehe es ihm. Für ihn sei der Judenhass wie ein Thermometer, so Friedman. Steige das Fieber sei die Demokratie gefährdet.

Judenhass zerstört die Demokratie

Als ethischen Maßstab empfiehlt der studierte Jurist auf das Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Seine Folgerung: „Es geht nicht um die Solidarität mit Juden und Jüdinnen, sondern um eine gemeinsame Umklammerung, wenn Menschen diskreditiert, geschlagen und mit Hass überschüttet werden. Die Deutschen müssten lernen, dass Judenhass ein Hass sei, der gegen das humanistische Selbstverständnis des Menschen verstößt. Düster werde es, wenn diese Lehre nicht begriffen werde: „Wenn wir nicht lernen, wird das die Demokratie zerstören."

Naivität gegenüber Extremismen kann uns die Freiheit kosten

Den Angriff der Hamas auf israelische Siedlungen am 7. Oktober bezeichnet Friedman als das „größte Pogrom seit 1945“. Er begreife nicht, weshalb viele Zeitgenossen nicht die Gefahr der ideologischen „-ismen" sehen. „Die wollen eines nicht: Dass Menschen glücklich sind", argumentiert Friedman und wundert sich, dass die Deutschen Extremismen nicht verarbeiten. Für ihn ist klar: „Diese Naivität wird uns unsere Freiheit kosten können.“

Wenn ein Mensch angegriffen wird, sind alle angegriffen. Und nur wenn wir verstehen, dass hinter all dem [ ...] Judenhass, ein Hass ist, der gegen unser Selbstverständnis verstößt, und wir lernen müssen, dass wir auch unseretwegen anderen Menschen zur Seite stehen, dann ist die Demokratie zukunftsfähig. Wenn nicht, wird das Gift des Hasses die Demokratie zerstören

Wenn die Demokratie verliert, werden am Ende alle Opfer sein

„Ich bin sehr glücklich, dass Menschen auf die Straßen gehen, äußert sich Friedman zu den bundesweiten Demonstrationen gegen die AfD. Aber er weist auch darauf hin, dass der Impuls nicht Empörung über Judenhass gewesen sei, sondern weil es um Deportationen ging.

Immerhin aber zeigten die Kundgebungen gegen ultrarechte Pläne, dass man sich um die Stabilität der Demokratie Sorgen mache. Richtig, sagt Friedman und gibt zu bedenken: „Wenn die Demokratie stabil ist, kann ich als jüdischer Mensch gut leben – können wir alle. Aber wenn sie nicht stabil ist, werden wir wahrscheinlich die ersten sein, die gegangen sind oder Opfer geworden sein. Aber am Ende werden es alle."

Proteste gegen Rechradikalismus

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Eine Million gegen rechts: Wie macht man Antifaschismus nachhaltig?

Die Bilder aus München, Berlin, Frankfurt, Hamburg, Leipzig, Bonn, Köln, Erfurt und vielen, vielen anderen Städten waren beeindruckend. Nach den Enthüllungen um rechte Deportationspläne war das Erschrecken in breiten Teilen der Bevölkerung so groß, dass mehr als eine Million Menschen spontan auf die Straße gegangen sind. Was wird davon bleiben, wenn die erste Welle der Demonstrationen abgeflaut ist?

Der Journalist und Autor Mohamed Amjahid ist skeptisch: “Für deutsche Verhältnisse ist es erstaunlich, dass überhaupt so viele Menschen auf die Straße gehen." Gerade in Cottbus, in Luckenwalde, aber auch in Baden-Württemberg, wo die AfD auch sehr stark ist, ist das gut. Aber ich würde nicht sagen, es ist fünf vor zwölf, sondern eher viertel nach drei.”

Gut, dass es diese Protestwelle gibt, sagt Amjahid. “Aber wir müssen auch mal abwarten, was in den nächsten Wochen passiert.” Denn im Gegensatz zu rechtsextremen Gruppen seien progressive Bevölkerungsschichten schlecht organisiert. Eine wirklich breite Bewegung sei auch deshalb so schwierig auf die Beine zu stellen, weil rechtes Gedankengut mittlerweile normalisiert sei, unterstreicht der Journalist.

“Ich bin jetzt der Party Pooper: Die AfD auf null Prozent zu drücken, wird nicht klappen.” Aber eine Sache hätten die Großdemonstrationen: Es gebe eine Nachfrage nach antifaschistischer Politik. “Das Potenzial dafür zu erkennen, ist eine politische Aufgabe.”

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