Buchkritik

Bov Bjerg - Deadline

Stand
Autor/in
Alexander Wasner

Paula, freie, aber übergewichtige Übersetzerin, erlebt eine Menge schräges Zeug, als sie zum Grab ihres Vaters reist. Ihr Leben entgleist – nur ihre schmerzhaft genaue Sprache gibt ihr etwas Halt. Bov Bjergs Bücher „Auerhaus“ und „Serpentinen“ wurden Bestseller. „Deadline“ ist sein Romanerstling, die erste Auflage ist aber 2013 fast vollständig verbrannt. Jetzt liegt das Buch wieder vor – und ist ein Leseerlebnis.

Für alle, die beim Lesen gerne knabbern: Donuts sind das Gebäck zum Roman. 27 Mal isst oder kauft die leicht füllige Heldin auf den knapp 170 Seiten des Buchs Donuts. Wer allerdings vor Seite 150 noch nicht fertig ist mit Naschen, der sollte den Teller zur Seite schieben, da wird es kurz unfassbar eklig, aber dazu später mehr.

Paula heißt die Heldin in Bov Bjergs Buch. Sie lebt als freie Übersetzerin in Boston, überträgt Gebrauchstexte aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche. Langweiligen Kram über Arthrose, Bodenbeläge, Fahrradzubehör.

Ihre Auftraggeber hat sie nie gesehen, sie kommuniziert mit ihnen nur übers Internet. Ihr selbstgeschriebenes Profil lautet: Pünktlich, zuverlässig, souverän.

Deadline war Deadline, Deadlines waren servanda. Fünf Minuten vor der Zeit: Wahre Pünktlichkeit. Höflichkeit der Könige, Courtesy of the Kings.

Paulas Kontrolliertheit ist eine Manie. Selbst wenn es darum geht, beim Lesen zu essen.

Lies nicht beim Essen. Ich konnte gut vermeiden, dass beim Essen das Fett aus dem Essen oder die Soße oder der Saft aus dem Essen auf die Tastatur tropfte oder das Essen aus dem Essen tropfte. Ich konnte das gut vermeiden, niemand konnte das so gut vermeiden, das konnte niemand so gut vermeiden, wie ich das vermeiden konnte.

Man ahnt – es stimmt etwas nicht. In Thomas Bernhard-ähnlichen Bandwurmstakkato beschreibt Bov Bjerg, wie seine Heldin langsam entgleist. Sie überzieht die erste Deadline, wird von der Agentur gefeuert.

Da ist sie schon unterwegs nach Deutschland zu ihrer Schwester, weil das Grab des Vaters aufgelassen werden soll, also nach 30 Jahren geöffnet und neu vergeben.

Allerdings vertrödelt sie sich auf dem Weg zum Flughafen, verpasst den Flieger, auch weil sie das Ticket nicht richtig gelesen hat. Sie muss ins Hotel, darf ins Museum, hat plötzlich Zeit, kann spazieren gehen:

Ein breiter Riss zerschnitt den Pfad. Ein Farbfleck huschte auf dem Riss entlang. Ein Haftzeher-Gecko (Leopardgecko, Eublepharis macularius), hellorange mit violetten Tupfern, überzüchtet und entlaufen. Er wackelte mit dem Schwarz hinunter und wieder hoch ins Helle.

Das Buch ist eine große Fachvokabelparty

Dauernd, zwanghaft fasst die Übersetzerin Paula ihre Umgebung in Sprache, lässt Synonyme nebeneinanderstehen, ein wandelnder Thesaurus.

Das ist auf der einen Seite ein großer Spaß für die Leser, bald aber schmerzhaft. Denn Paulas Sprache ist peinlich präzise, die Sprache eines Menschen, der sich keine Fehler und Ungenauigkeiten verzeiht.

Sie nennt es „Merkzwang“, und irgendwann merken wir: Dieser Zwang ist Gabe und Fluch. Die ganze Welt sprachlich zu fassen, heißt ja noch lange nicht, sie auch zu beherrschen.

Die Präzision der Sprache als Zwangshandlung

Sie sucht und findet immer neue Worte für eine Welt, die ihr über den Kopf gewachsen ist. Sie gibt sich Schuld, unendliche Schuld: Ihr Vater nämlich war depressiv. Als Steinmetz hat er sein ganzes Leben mit gebrauchten Grabsteinen verbracht und sich dann das Leben genommen. Mit diesem schwarzen Loch in der Familienbiographie stolpert Paula durch ihr Leben.

Als sie dann nach 30 Jahren doch endlich am Grab des Vaters steht, naja, man sollte vielleicht besser nicht darüber reden. Nicht nur wegen Spoileralarm, sondern auch, weil einem da die Donuts im Hals stecken bleiben.

Es ist makaber, seltsam, grausig. Bov Bjerg schont uns nicht. Wir bringen kein Zitat. Und empfehlen dringend, das Wort „Wachsleiche“ nicht zu googlen.

Bov Bjergs Roman erschien erstmals 2008. Es gab enthusiastische Reaktionen. Damals war das Schicksal der freien Kreativen ein großes Thema, die auf einmal, dank des Internet, nur per mail und Chat Kontakt zu ihren Auftraggebern halten. So eine ist Paula: Kreativprekariat.

Heute ist „Deadline“ vor allem ein neuer, sprachlich beeindruckender Roman. Klug und sprachmächtig fühlt sich der Autor in die Heldin ein, und das Buch platzt vor Sprachspielen, Wortwitz und einer Ironie, von der man spürt, dass sie einen sehr ernsten Grund hat.

Und das Buch lässt noch etwas anderes spüren: Wie sehr sich die Zeiten in zehn Jahren geändert haben. Das digitale Kreativ-Proletariat ist heute nicht mehr im Mittelpunkt der Debatte – wir nehmen die entfremdete Arbeit der Heldin als selbstverständlich hin.

Das andere Thema dieses Buchs allerdings, nämlich wie depressive Menschen ihr soziales Umfeld dominieren und die Lebensläufe ihrer Freunde und Angehörigen verändern, das ist Bov Bjergs Thema auch in späteren Büchern geblieben. Und es ist in diesem seltsam verstimmten Sommer aktueller, als man es gerne hätte. „Deadline“ kann man auch heute noch uneingeschränkt empfehlen.

Zeitgenossen Bov Bjerg: „Es ist mir wichtig, keine Phrasen stehenzulassen“

Der 1965 im schwäbischen Heiningen geborene Schriftsteller und Kabarettist Bov Bjerg, der mit bürgerlichem Namen Rolf Böttcher heißt, ist Absolvent des renommierten Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. Mit seinem Roman „Auerhaus“, der inzwischen verfilmt wurde, gelang ihm der literarische Durchbruch.

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Alexander Wasner