Wissenschaft zur Zukunft der Arbeit

„Pflege und Ehrenamt sind auch Arbeit“ – Soziologin Jutta Allmendinger plädiert für neue Definition von Erwerbsarbeit

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INTERVIEW
Martin Gramlich

Eine Gruppe von Experten hat im Auftrag der Wissenschafts-Akademien Empfehlungen zum Thema „Zukunft der Arbeit“ verfasst. Im Gespräch mit SWR2 plädiert die Soziologin Jutta Allmendinger als Sprecherin der Gruppe dafür, den Begriff von Arbeit zu modernisieren.

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Auch pflegen heißt arbeiten

Zu lange, so Jutta Allmendinger, hätten wir nur bezahlte Tätigkeiten als Arbeit angesehen. Sie argumentiert: „Auch die Pflege von Kindern, Älteren, Ehrenämter sind ja Arbeiten.“ Deshalb sei es falsch, nur Erwerbsarbeit als Arbeit zu bezeichnen.

Neue Arbeitsmodelle als Fundament unserer Gesellschaft

Unterschwellig habe sich in Deutschland beim Thema Arbeit jedoch viel verändert. Die Zeiten, in denen Männer erwerbstätig waren und Frauen Pflegetätigkeiten verrichteten, seien vorbei. Allmendinger spricht von einer „Umverteilung“ und sieht weitere Arbeits-Modelle, bis hin zu dem Wunsch, als Rentner weiter erwerbstätig zu sein. Sie fordert angesichts der Veränderungen, Arbeit unter anderen Aspekten zu sehen, um „die Fundamente des Miteinanders in unserer Demokratie zu legen“.

Die Jungen sind nicht arbeitsfeindlich

Allmendinger widerspricht im SWR2-Gespräch der Meinung, junge Deutsche seien weniger fleißig. Viele Untersuchungen zeigten, Arbeitsfeindlichkeit sei in der jungen Generation nicht zu finden.

Allerdings seien viele junge Menschen nicht bereit, sich zu überarbeiten, um dann frühzeitig Rente zu beziehen. „Die sagen sich: Wir haben ja ein langes Leben. Ich bin froh darüber, dass sich die Leute Sorgen machen, wie sie in der Zukunft tätig sind“, so Allmendinger.

Anderer Zuschnitt der Erwerbsarbeit notwendig

Für die Zukunft empfiehlt die Kommission, die sie geleitet hat, ein Zuschneiden der Erwerbsarbeit, sodass auch Pflegetätigkeit möglich ist. Allmendinger spricht von einer „präventiven Arbeitsgesellschaft“ und glaubt: „Dann gewinnt auch die Produktivität des Landes und die Innovationsfähigkeit.“

Kürzere Wochenarbeitszeit hilft

In diesem Zusammenhang spricht sich die Soziologin auch für eine kürzere Wochenarbeitszeit einer „35-Stunden-Woche“ aus, die von verschiedenen Gewerkschaften bereits gefordert wird.

Neue Ansatzpunkte seien unter vielerlei Gesichtspunkten notwendig. Allmendinger ist überzeugt: „Wir brauchen Verhaltensänderungen. Ich bin froh, dass wir sie beim Arbeitsthema sehr stark sehen.“

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