Der Bewohner des Thaddäusheims Mainz, Lorenz Franco Siegfried, steht an einer Bushaltestelle. Ein Bus hält links neben ihm. (Foto: SWR)

Entlastungspakete

Leben mit Hartz IV: "Das 9-Euro-Ticket war ungerecht"

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AUTOR/IN
Anne Koark

Lorenz Franco Siegfried wohnt in einem Männerheim in Mainz. Als Hartz-IV-Empfänger hat er nur wenig von den Entlastungspaketen des Bundes profitiert. Vom neuen erhofft er sich zwei Dinge: Geld und Gerechtigkeit.

Die Straße "An der Goldgrube" in der Mainzer Oberstadt hat es inzwischen zu einiger Berühmtheit gebracht. Ihr Name könnte nicht zutreffender sein. Denn dort hat das Mainzer Unternehmen BioNtech durch seinen Corona-Impfstoff wahres Gold verdient und ordentlich Geld in die Mainzer Stadtkasse gespült.

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Schräg gegenüber von dem Areal, auf dem Bagger und Bauarbeiter die Expansion von BioNtech voranbringen, steht ein blassgelbes Haus hinter einer niedrigen, roten Backsteinmauer. Es ist das Thaddäusheim der Caritas. Anlaufstelle und Wohnheim für Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Männer. Keine Goldgrube, ein Zufluchtsort.

36 Euro für Lebensmittel mit Hartz IV

Einer der Männer, die im Thaddäusheim ein Zuhause gefunden haben, ist Lorenz Franco Siegfried. Seit anderthalb Jahren ist er im Haus, inzwischen ist der 58-Jährige dort in eine Fünfer-WG gezogen. Er hat ein eigenes Zimmer. "Es geht mir hier eigentlich ganz gut", sagt er.

Siegfried lebt von Hartz IV. Der Regelsatz sieht rund 36 Euro pro Woche für Lebensmittel vor. Im Thaddäusheim kann er sich ein bisschen dazuverdienen, pflegt die Außenanlage oder macht kleinere Reparaturarbeiten.

Inflation liegt bei 7,9 Prozent

DIe Inflation stieg im August auf 7,9 Prozent. Dass die Preise hochgehen, fällt bei so einem Budget natürlich auf. "Bei gewissen Sachen gucke ich schon, ob ich mir das noch gönnen kann oder eben nicht", erzählt Siegfried.

Aktuell komme er aber mit dem Geld rum. Zu viel Sorgen um womöglich weiter steigende Preise will er sich nicht machen: "Wenn alle Stricke reißen, wäre ich wahrscheinlich nicht der einzige Betroffene. Dann gäbe es bestimmt eine generelle Aufstockung oder andere Maßnahmen."

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Bewohner sollen nicht im Kalten sitzen

Leiter des Thaddäusheims ist Thomas Stadtfeld. Auch ihn beschäftigen die Preise, nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für Strom. "Als Einrichtung machen wir uns insgesamt Sorgen um die steigenden Kosten, denn dass unsere Bewohner nicht im Kalten sitzen sollen, ist klar."

Stadtfeld sieht die Gefahr, dass steigende Energiepreise noch mehr Menschen an den Rand der Gesellschaft drängen. "Wer wenig Geld hat und sich nicht das Busticket leisten kann und im Supermarkt Einschränkungen hinnehmen muss, der ist in seiner Teilhabe eingeschränkt und ich glaube, das ist das Thema."

Einmalzahlung und 9-Euro-Ticket für Siegfried

Um Bürgerinnen und Bürgern finanziell unter die Arme zu greifen, hat die Bundesregierung bislang zwei Entlastungspakete auf den Weg gebracht. Thaddäusheim-Bewohner Siegfried hat als Hartz-IV-Empfänger nur zum Teil profitiert. Ihm steht die Einmalzahlung von 200 Euro zu. "Es ist sehr erfreulich, wenn da mal was extra kommt", sagt er.

Auch das 9-Euro-Ticket hat Siegfried sich gekauft, in allen drei Monaten seiner Gültigkeit: für die Fahrt zum Supermarkt oder runter in die Stadt zum Arzt. "Ich habe es nicht exzessiv genutzt und bin bis nach Hamburg gefahren."

Siegfried ist auch nicht mehr ÖPNV gefahren, als vor dem Angebot. Allerdings konnte er sich so das Geld fürs teure Monatsticket sparen. Sein Fazit: "Für Menschen, die Hartz IV bekommen oder am unteren finanziellen Rand sind, wunderbar".

Gutverdiener brauchen kein 9-Euro-Ticket

Eine Sache brennt ihm aber unter den Nägeln. Er fand das Ticket ungerecht. "Die Regierung hat den Fehler gemacht und dem Missbrauch keinen Riegel vorgeschoben. Wer mit 3.000 Euro netto heimkommt, kann sich auch die reguläre Karte leisten." Dass auch Gutverdienende das Ticket nutzen konnten, hätte nur die Kosten für das Projekt in die Höhe getrieben. Kosten, die vom Staat beglichen werden müssen.

Jetzt, wo das 9-Euro-Ticket nicht mehr gilt, wird der ÖPNV für viele wieder unbezahlbar, sagt Heimleiter Stadtfeld. Schwarzfahren ist oft die einzige Lösung: "Viele unsere Bewohner und Gäste haben hohe Schulden, weil bei wiederholtem Schwarzfahren empfindliche Strafen drohen, die bis hin zur Inhaftierung führen können." Spenden ans Thaddäusheim werden deshalb unter anderem genutzt, um den Bewohnern Fahrkarten zu kaufen.

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Was das neue Entlastungspaket bringen soll

Stadtfeld wünscht sich einen Nachfolger des 9-Euro-Tickets für einkommensschwache Menschen. "Ich denke, hierbei geht es gar nicht darum, eine Reise nach Sylt zu finanzieren, sondern im Lebensumfeld flexibel zu sein." Dazu gehöre, sich keine Gedanken darüber machen zu müssen, wie man zum Arzt kommt.

Für das dritte Entlastungspaket, das die Regierung demnächst beschließen will, hat auch Siegfried Wünsche. Nämlich, dass der Hartz-IV-Satz generell angehoben wird. "Ich bin nicht der Finanzminister, deswegen kann ich keine genaue Prognose über die Realisierbarkeit abgeben, aber natürlich wäre es schön, wenn das käme." Aber auch eine weitere Finanzspritze würde ihm schon sehr helfen, weiter über die Runden zu kommen.

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