Der Psychotherapeut Marc Saxler-Netz sitzt auf einem Stuhl und macht sich Notizen - er betreut viele Patienten, die an den Folgen der Corona-Lockdowns leiden.

Schlechte Versorgungslage durch Corona noch verschärft

Hilfe vom Psychotherapeuten: Lange Wartezeiten in der Region Koblenz

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AUTOR/IN
Timo Fledie

Auch im Norden von Rheinland-Pfalz warten Patienten lange auf einen Termin beim Psychotherapeuten. Die Corona-Pandemie und die Flutkatastrophe haben die Situation noch verschärft.

Stefanie Nick aus Koblenz leidet seit ihrer Jugend an Depressionen. Seit Januar wartet sie darauf, eine neue Psychotherapie beginnen zu können. Freie Plätze werden ihr aber erst für den kommenden Oktober in Aussicht gestellt. Bis dahin telefoniert sie weiterhin Telefonnummern von Praxen ab.

Ihre Hoffnung ist, dass sie doch noch schneller einen Termin bei einem Therapeuten findet, bei dem das Vertrauensverhältnis passt. Manche Psychotherapeuten hätten seit der Pandemie Wartelisten von zwei Jahren, sagt Nick. Sie habe sich zwischenzeitlich schon überlegt, ob sie überhaupt noch suchen solle.

Stefanie Nick im Gespräch mit dem SWR, sie leidet bereits seit ihrer Jugend an Depression.
Stefanie Nick leidet bereits seit ihrer Jugend an Depression.

Nachfrage nach Therapieplätzen seit Corona-Pandemie stark gestiegen

Der Psychotherapeut Marc Saxler-Netz aus Kattenes (Kreis Mayen-Koblenz) kann aus der Praxis bestätigen, dass Patienten zurzeit sechs bis neun Monate auf einen Termin warten. Er habe viele Anfragen von Patienten, die erst seit Corona an Angsterkrankungen litten. 20 bis 30 Prozent seiner Klienten hätten Probleme, die auf die Pandemie zurückzuführen seien.

Der Patientenservice der Kassenärztlichen Vereinigung spricht von viermal so vielen Beratungsanrufen wie vor der Pandemie. Vier von fünf Anfragen kämen zu Corona-Themen. Im Ahrtal kam demnach zu Corona und Kriegs-Angst noch die Flut hinzu. In Folge dieser hätten viele traumatisierte Menschen die Lebensberatungsstelle in Bad Neuenahr-Ahrweiler kontaktiert.

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Lange Wartezeit auch für Kinder

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz müssen vier von zehn erwachsenen Patienten länger als ein halbes Jahr auf einen Termin warten. Bei Kindern, die vor allem unter den Schulschließungen zu leiden hatten, sei die Wartezeit noch länger. Ein Erstgespräch nach drei bis vier Wochen Wartezeit könne oft schon helfen, wie der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Stefan Hagner, aus Koblenz berichtet.

Bei ihm müssten Patienten nach dem Erstgespräch aktuell etwa sechs bis neun Monate auf eine Verhaltenstherapie warten. Bei Schulpsychologen gebe es in der Regel nach zwei bis drei Wochen ein erstes Gespräch, wie das Pädagogische Landesinstitut Rheinland-Pfalz mitteilt. Schulpsychologie könne hier eine zwischenzeitliche Unterstützung sein, um Lehrkräfte, Eltern und Schüler in belastenden Situationen zu stärken.

Beratungsbedarf beim Studierendenwerk Koblenz ebenfalls gestiegen

Auch bei den Studierenden in der Region Koblenz ist die Situation ähnlich. Die psychosoziale Beratungsstelle des Studierendenwerks Koblenz berichtet, dass sie vor Corona rund 1.500 Gespräche im Jahr durchgeführt habe, im Jahr 2022 seien es dann mehr als 2.000 Beratungen.

Lockdowns für depressive Menschen besonders schwer

Stefanie Nick hatten die Depressionen vor vier Jahren wieder eingeholt. Sie hatte Burnout, war in einer Klinik. Um auf neue Gedanken zu kommen, startete sie eine monatelange Reise nach Südostasien, die sie wegen der Corona-Pandemie aber abbrechen musste.

Der darauf folgende Winter und der Lockdown taten ihr Übriges. Die Depressionen sind ihr ständiger Begleiter - phasenweise mal extremer und mal leichter. Dass die Therapieplatzsuche so langwierig ist, hilft da nicht. Trotzdem lasse sie sich nicht entmutigen, sagt sie und sucht in Koblenz weiter nach einem Therapeuten.

Mehr Psychologen werden dringend gebraucht

Sowohl Stefanie Nick als auch der Psychotherapeut Marc Saxler-Netz wünschen sich von der Politik mehr Kassensitze. Es gebe genügend Psychotherapeuten, die aber keine Kassenzulassung erhielten, berichten beide. Die Anzahl der Sitze sei seit Jahren fast unverändert, obwohl der Bedarf drastisch gestiegen sei. Hier sei das Bundesgesundheitsministerium gefragt.

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