Gasanschluss in einem Haus in Bad Neuenahr-Ahrweiler. (Foto: SWR)

Dorfwärme im Kreis Ahrweiler

Strom statt Gas - so soll im Ahrtal in Zukunft geheizt werden

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Johannes Baumert

Die Energiekrise trifft in der Heizsaison auch das Ahrtal. Noch immer haben viele Häuser keine Heizung. Inzwischen gibt es aber Pläne, wie die Orte von Öl und Gas wegkommen wollen.

Eine kleine Elektroheizung steht im Wohnzimmer von Familie Schulzki in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Sie soll über den Winter das alte Fachwerkhaus heizen, in dem die Familie wohnt. Auch mehr als ein Jahr nach der Flutkatastrophe, ist die neue Gastherme noch immer nicht eingebaut.

"Wir warten schon Monate drauf. Wir hatten große Schwierigkeiten einen Installateur zu finden. Dann ist das Material nicht da", sagt Claudia Schulzki. Nun soll ein Elektro-Radiator für Wärme sorgen.

Zweiter Winter ohne Heizung im Ahrtal

Auch den zweiten Winter nach der Flutkatastrophe müssen viele Haushalte im Ahrtal noch provisorisch heizen. Vor allem die Materialknappheit und die Energiekrise haben den Wiederaufbau der Heizsysteme verzögert. "Dort, wo alle Stricke reißen, wird auch immer auf Notlösungen geschaut", sagt Cornelia Weigand, die parteilose Landrätin des Kreises Ahrweiler.

Das könnten zum Beispiel "warme Stuben" sein, also einzelne Räume, die beheizt werden und in denen sich Menschen ohne ausreichende Heizung aufhalten können.

Rech im Ahrtal will ohne Gas heizen

Im Ort Rech an der mittleren Ahr sei das aber nicht nötig, sagt der Bürgermeister Benjamin Vrijdaghs. Schon im Sommer habe die Gemeinde für Übergangslösungen gesorgt. Sie sollen die Häuser über den Winter bringen, die noch keine Heizung haben und werden mit Strom, Diesel oder Gas betrieben.

Denn zurück zur alten Ölheizung war für rund 60 Haushalte in Rech keine Option: "Die Alternativen haben wir aufgezeigt", so Vrijdaghs. Er meint, Erdwärme aus einem dorfeigenenen Projekt.

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Kalte Dorfwärme nennt sich das Konzept, das hier entstehen soll. Nach Angaben von Projektleiter Niki Kozisek ist es das größte Projekt dieser Art in Deutschland. Das Prinzip ist simpel: An zwei Stellen des Ortes sollen insgesamt rund sechzig Löcher gebohrt werden, teilweise rund einhundert Meter tief. Daran sind alle Häuser angeschlossen, die sich an dem Projekt beteiligen.

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Über Wärmepumpen soll dann die Wärme aus der Erde transportiert und schließlich in die Häuser geleitet werden.Von 200 Haushalten wollen sich derzeit rund 60 an dem Projekt beteiligen. "Ich erwarte, dass es da noch einige Leute geben wird, die im Nachgang noch nachziehen werden", so Projektleiter Kozisek.

Wärmepumpen-Mangel durch Energiekrise

Doch die Energiekrise macht auch dem Projektleiter zu schaffen. "Die Hersteller der Wärmepumpen haben lange Vorlaufzeiten, weil die Menge der Wärmepumpen, die derzeit gebraucht wird, stark ansteigt", sagt er. Dennoch gehe er davon aus, dass bereits in diesem Jahr der Spatenstich für das Dorfwärme-Projekt stattfinden kann.

"Wenn hier auf einmal alles elektrisch läuft, wären die früheren Installationen nicht dafür ausgelegt gewesen."

Ab 2023 Nahwärmenetz in Rech?

Im kommenden Sommer sollen dann alle angeschlossenen Häuser mit der Nahwärme heizen können. Weil die Wärmepumpen elektrisch betrieben werden, wird in Zukunft aber wohl auch mehr Strom in dem kleinen Dorf verbraucht. "Wenn hier auf einmal alles elektrisch läuft, wären die früheren Installationen nicht dafür ausgelegt gewesen", sagt Kozisek. Deshalb sollen mit dem Projekt auch die Stromleitungen in dem Dorf erneuert werden.

Rech ist nur ein Beispiel dafür, wie Dörfer im Kreis Ahrweiler von Öl und Gas loskommen wollen. Inzwischen gibt es 15 Orte im Kreis Ahrweiler, die ähnliche Nahwärme-Projekte planen. In den meisten davon stand nach der Flut das Heizöl in den Straßen, viele Häuser mussten mit Ölschäden abgerissen werden.

Mit kalter Nahwärme könne das nicht mehr passieren, sagt Kozisek. Das Netz sei hochwassersicher. Sofern der Strom für die Wärmepumpen über erneuerbare Energien erzeugt werde, sei es außerdem nahezu klimaneutral.

Marienthal setzt auf Holzpellets

Wenige Kilometer weiter flussabwärts an der Ahr hat man sich für eine andere Methode entschieden, um vom Öl wegzukommen. Im Ort Marienthal wurde in den vergangenen Monaten auf dem Dorfplatz ein Heizungshaus gebaut.

Hier werden in Zukunft Holzpellets aus dem Westerwald verbrannt. Sie erhitzen Wasser, das dann in die Häuser geleitet wird. Übergangslösungen für diesen Winter werden nur wenige Haushalte in Marienthal brauchen: Bereits im November soll ihr Heizkraftwerk an den Start gehen.

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