Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen (gestellte Szene) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Frank May | Frank May)

Strategien gegen häusliche Gewalt

Experte plädiert für Gespräche mit handgreiflichen Männern

Stand

Halten wirklich so viele Männer Gewalt gegen Frauen für akzeptabel? Jüngst hat eine entsprechende Studie eine größere Debatte ausgelöst.

Zuletzt hatte eine teils umstrittene Umfrage der Entwicklungsorganisation Plan International für eine größere Diskussion über häusliche Gewalt gesorgt. Demnach findet jeder dritte junge Mann zwischen 18 und 35 Jahren körperliche Gewalt im Streit mit der Partnerin grundsätzlich akzeptabel.

Manfred Höges berät gewalttätige Männer. Er sieht sich durch die Ergebnisse in seiner Arbeit bestätigt. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärt er, wie eine Beratung abläuft - und warum es wichtig ist, auch mit Tätern zu sprechen.

Wie kommt es zu Gewalt an Frauen?

Manfred Höges: Da spielen vielfach tradierte Männlichkeitsnormen eine Rolle, die noch in den Köpfen sind. Dazu zählt auch, dass Gefühle unterdrückt und nicht kommuniziert werden, weil sie als unmännlich oder unpassend wahrgenommen werden. Daraus folgt der Auftrag für eine Beratung für Männer, sich dessen anzunehmen, diesen Männern zu vermitteln, dass es Gefühle gibt, die man als Mann auch ausleben darf und die in Ordnung sind.

Wie finden Männer denn überhaupt zu Ihnen? Kommt die Einsicht von alleine oder müssen sie verpflichtet werden?

Höges: Wir führen keine gerichtlich angeordneten Aggressionstherapien durch. Wer zu uns kommt, macht das mehr oder weniger freiwillig. Es sind also auch keine Straftäter, sondern eher der klassische Mittelschichtsmann, der handgreiflich geworden ist. Entscheidend für die Kontaktaufnahme ist dann oft eine Drucksituation, etwa wenn die Partnerin droht: "Du musst jetzt was machen, sonst trenne ich mich."

Sie kommen also, um die Beziehung zu der Frau zu retten, der gegenüber sie gewalttätig geworden sind?

Höges: Wichtig ist hier zu sagen: Auch gewalttätige Männer lieben ihre Partnerinnen. Und die Männer, die zu mir kommen, schlagen nicht gerne, sie verspüren keine Lust dabei. Oft ist es eine destruktive Bewältigungsstrategie, von Stress oder eben unausgelebten Gefühlen. Dabei spielen auch Scham und Reue eine große Rolle, und darauf gehen wir in den Beratungsgesprächen ein.

Wie läuft so ein Beratungsgespräch ab?

Höges: Häusliche Gewalt spielt sich in der Regel immer in ähnlichen Strukturen in Form eines Kreislaufes ab. Dieser dreht sich immer weiter und schneller, sofern man ihn nicht unterbricht und aus ihm aussteigt. Wir gehen gemeinsam jeden Schritt davon durch. Oft wird dabei die Verantwortung für die Tat abgegeben - an das Opfer selbst oder die Umstände.

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Wie das?

Höges: Verantwortungsabgabe kann bedeuten, dass man beispielsweise dem Stress oder übermäßigem Alkoholkonsum die Schuld gibt. Wenn andere jedoch Schuld an der Gewalttat haben, muss man selbst nicht aktiv werden. Mit dieser Einsicht kann ein Täter sehr gut leben, da sie sein schlechtes Gewissen beruhigt. Gewalttätig gewordene Männer brauchen hier eine klare Ansage: "Sie haben aber zugeschlagen, und ihre Frau lag auf dem Boden und war verletzt." Nur sie sind verantwortlich für die Gewalttat. Wenn sie dies einsehen, kann ein Veränderungsprozess einsetzen.

Und dadurch kommen die Täter zur Einsicht?

Höges: Es ist, wie gesagt, ein Prozess. Manche Männer sitzen hier, die haben vielleicht erst ein Mal zugeschlagen. In den meisten Fällen besteht die Gewaltsituation aber schon seit Jahren. Es braucht in jedem Fall eine längerfristige Begleitung. Natürlich werden auch Beratungen abgebrochen. Manchmal ergreifen Männer schon im Erstgespräch die Flucht - ganz einfach, weil sie Angst haben, über ihre eigenen Taten zu reden. Bei Männern, die dableiben, arbeiten wir intensiv am Gewaltkreislauf. Wir zeigen Auswege, um ihn zu durchbrechen. Denn wenn das nicht gelingt, wird er sich schneller drehen und intensiver werden. Deshalb ist es wichtig, die Männerberatung auf sichere Füße zu stellen und hinreichend zu fördern.

Erscheint es nicht etwas zynisch, mehr Unterstützung für die Täter zu fordern?

Höges: Es gibt viel Unterstützung und auch Einrichtungen für Opfer. Die sind äußerst wichtig und müssen weiterhin finanziert sein. Auch Täterarbeit gibt es. Aber besonders Männer, die sich freiwillig auf den Weg machen und etwas an ihrem Verhalten verändern wollen, können bislang noch zu wenig dabei begleitet werden. Es scheitert oft schon daran, einen geschulten, männlichen Berater zu finden, dem sie sich anvertrauen können.

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