Junge Menschen wählen häufiger konservativ bis rechts - besonders in Ostdeutschland. Woran liegt das?

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Katja Burck
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Stefan Eich

Bei der Europa-Wahl und auch bei den Kommunalwahlen hat eines viele überrascht: Junge Wählerinnen und Wähler, die bei der letzten Bundestagswahl sehr stark für die Ampelparteien gestimmt hatten, haben sich jetzt oft für CDU/CSU oder AfD entschieden. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat in SWR Aktuell gesagt, junge Leute wählten themenorientiert - und zum Beispiel die Grünen hätten bei Themen wie sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheit nicht überzeugt. Vor allem die AfD könne junge Menschen mit ihrer digitalen Kommunikation gewinnen. In den östlichen Bundesländern hat die AfD die etablierten Parteien überholt. Über die Hintergründe hat SWR-Aktuell-Moderatorin Katja Burck mit Marieke Reimann gesprochen, sie ist Zweite Chefredakteurin des SWR und in Rostock aufgewachsen.

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SWR Aktuell: Junge Leute bevorzugen digitale Ausspielwege und informieren sich nur noch selten linear. Die ältere Generation, die auch Politik macht, bedient das zu großen Teilen nicht. Heißt das im Klartext: Wir reden generationenübergreifend aneinander vorbei?

Marieke Reimann: Auf alle Fälle, das sehen wir in den verschiedensten Bereichen. Wir kennen das aus der Medienarbeit, mit der wir uns tagtäglich beschäftigen, dass wir auch versuchen, Formate möglichst so zu gestalten, dass sie auch eine jüngere Zielgruppe in der Mediathek, in der Audiothek, aber auch auf TikTok und Instagram erreichen. Und genau vor diesem Dilemma steht die Politik auch. Man hat gesehen, dass das in Artikeln in den letzten Monaten immer öfter thematisiert wurde - und dass jetzt so langsam ein Umdenken stattfindet, weil sich auch die altgedienten Parteien eben gewahr werden: Wir müssen da jetzt mal langsam ran. Die AfD ist da von Anfang an schon dran, um eben direkt eine jüngere Zielgruppe und eine social-media-fähige Zielgruppe zu erreichen. Die Grünen ziehen da jetzt so ein bisschen nach. Man hat gesehen, Habeck ist jetzt auch auf TikTok. Aber das, was da in den letzten in zehn Jahren vorgelegt wurde, da muss man natürlich gucken, ob man das jetzt so schnell in Bezug auf die Landtagswahlen oder schon die Bundestagswahl kommendes Jahr überhaupt wieder aufholen kann.

SWR Aktuell: Und ticken die Jungwählerinnen und Jungwähler im Osten noch mal komplett anders?

Reimann: Das würde ich so nicht behaupten. Im Osten haben wir natürlich eine größere männliche jüngere Wählerschaft. Das ist schon so, weil vor allen Dingen die jüngeren Frauen im Osten, die Nachwendegeneration, eher diejenigen sind, die dann schneller mal weg ziehen aus ländlichen Regionen, aber auch aus Regionen, die eher strukturschwacher sind. Was wir bundesrepublikübergreifend beobachten können, ist, dass bei den jüngeren männlichen Wählern auf alle Fälle konservative Werte einen höheren Stellenwert haben. Dazu gab es ja in den vergangenen Wochen auch mehrere Jugendstudien, die offensichtlich gemacht haben, dass vor allen Dingen bei den jüngeren Männern konservativere Werte so ein bisschen auch als Antwort auf den erstarkenden Feminismus und das größere Einfordern von Gleichberechtigung von Frauen und anderen Geschlechtern im Netz ist. Es ist sozusagen die Antwort von jüngeren Männern, darauf, sich eher konservativeren Werten zugehörig zu fühlen und für diese auch einstehen zu wollen. Wenn man dann wieder auf TikTok schaut, in die Sprache der AfD, die sie da in den sozialen Netzwerken formuliert: Die finden da eine gute Ansprache an diese Zielgruppe.

SWR Aktuell: Der andere extreme Rand ist das BSW, das Bündnis Sahra Wagenknecht - das hat auch sehr gewonnen. Womit hängt Ihrer Meinung nach der Erfolg der Wagenknecht-Partei im Osten zusammen?

Reimann: Ja, Sahra Wagenknecht ist einfach als Person eine schillernde Figur, die sich hoher Beliebtheitswerte schon seit Jahren und Jahrzehnten im Osten sicher sein konnte. Sie hat einfach eine charismatische Position für viele, die noch so in Verbundenheit steht mit dem, was für viele ältere DDR-Bürger*innen, auch mal das war, wofür das Linkssein in der DDR noch stand. Das verbinden viele mit Sahra Wagenknecht. Ich vermute so ein bisschen die Hoffnung beim Wählen des BSW dahinter, dass man so an diese Werte, an diesen Wertekompass, nochmal anknüpfen kann, indem man sich eben für Sahra Wagenknecht entscheidet.

SWR Aktuell: Sie erwähnen einen Wertekompass. Brauchen wir eine Neukalibrierung auch mit Blick auf die Bundestagswahl? Brauchen wir eine „Wiedervereinigung 2.0“, einen neuen Blick aus dem Westen in den Osten und wieder zurück?

Reimann: Ich würde sagen, wir bräuchten gerade nicht den Blick aus dem Westen in den Osten. Wenn Sie mich nach „Wiedervereinigung 2.0“ fragen, wäre ich für eine „1.0“, auf Augenhöhe, weil wir ganz klar diesen starken Fokus des Westens mit Blick auf den Osten als Abweichung von der westlichen Normalität haben. Zum Beispiel ist der 3. Oktober kein Gedenktag, wo wir irgendwie die friedliche Revolution, die 1989 mit dem Montagsdemos begonnen wurde, begehen, sondern das ist der Gedenktag, an dem das Wirksamwerden des Beitritts der DDR zur BRD - so steht es in Artikel 1 des Einigungsvertrags - begangen wird. Hinzu kommt, dass wir nach wie vor große strukturelle Unterschiede haben. Wir haben einen Anteil von knapp 20, 25 Prozent Ostdeutschen an der deutschen Bevölkerung – und wir haben viel zu wenig Ostdeutsche in Spitzenpositionen in Ostdeutschland. Hinzu kommen ja immer noch die geringere Löhne, die geringere Rente, dadurch ein höheres Risiko an Altersarmut et cetera, et cetera. Da sind auf der einen Seite viele strukturelle Unterschiede, sie noch gar nicht überwunden und aufgearbeitet - und auch nicht benannt, sind oft im Diskurs. Und zum anderen ist es auch so ein bisschen dieses Vergessen von ostdeutscher Kultur.

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