Lieber Freizeit statt Karriere?

Arbeitsagentur-Chefin Nahles: Kritik an Generation Z übertrieben

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Jim-Bob Nickschas

Die Generation Z ist faul und zu wählerisch, beklagen Arbeitgeber. Die Chefin der Arbeitsagentur, Andrea Nahles, sieht das anders. Außerdem erklärt sie, warum Eltern nicht immer die besten Job-Ratgeber für ihre Kinder sind.

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Deutschland steuert auf einen gravierenden Fachkräftemangel zu – doch ausgerechnet den Jüngeren, der sogenannten Generation Z, wird nachgesagt, sich nicht besonders für die Arbeit zu interessieren. Die Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsagentur, Andrea Nahles, hält diese Kritik jedoch für übertrieben: "Ich finde sehr viele wache junge Leute, die vielleicht kritischer fragen oder auch gucken, dass ihre Work-Life-Balance besser passt, was aber im Grunde genommen auch viele gute Seiten hat", sagt Nahles im SWR "Interview der Woche".

Studien zeigten, dass junge Leute heute einfach andere Schwerpunkte setzten. Es sei auch nicht falsch die Arbeitgeber zu fragen: Was könnt ihr mir denn auch ein Stück weit anbieten? "Deshalb mache ich bei diesem Lamentieren über die Jugend schlicht nicht mit!", lacht Nahles.

"Nicht schlimm, wenn junge Leute die Auswahl nutzen"

Stattdessen nimmt die Chefin der Bundesagentur für Arbeit die Unternehmen in die Pflicht: "Wenn junge Leute die Auswahl haben, finde ich es nicht schlimm, dass sie sie auch nutzen. Das müssen die Arbeitgeber auf der anderen Seite auch erstmal verdauen und das ist vielleicht auch nicht immer leicht (…) aber man muss damit umgehen. Und wenn man das nicht macht, dann wird der nächste Arbeitgeber vielleicht mehr Glück haben beim Finden von Auszubildenden", betont Nahles im SWR-Interview.

Viel problematischer findet sie, dass in Deutschland jedes Jahr 47.000 junge Menschen ohne Abschluss die Schule verlassen. "Wir müssen da als Bundesagentur kooperieren mit den Schulen, mit den Ländern, dass wir auch die Daten dieser Schülerinnen und Schüler bekommen. Dann kann es für die wirklich auch eine zweite Chance geben", sagt Nahles und wirbt für die Bildungsangebote ihrer Behörde.

Korrespondent Jim-Bob Nickschas und Andrea Nahles stehen nebeneinander in der Halle des Hauptstadtstudios  (Foto: SWR, Nicole Gebauer)
SWR-Korrespondent Jim-Bob Nickschas und Andrea Nahles im ARD-Hauptstadtstudio Nicole Gebauer

Mangelndes Berufswissen bei vielen Eltern

Dass sich in Deutschland weiterhin viele junge Menschen eher für ein Studium als für eine Ausbildung entscheiden, liegt laut Andrea Nahles auch an mangelndem Wissen über die verschiedenen Berufe – auch bei den Eltern. Denn die sind nach einer Bertelsmann-Studie immer noch die wichtigsten Berater für ihre Kinder. "Es lohnt sich auf jeden Fall, den Eltern zuzuhören!", betont Nahles, selbst Mutter einer 12-jährigen Tochter. "Aber es muss auch diese Öffnung geben: Mit Praktika reinschnuppern, mit der Bundesagentur und ihren Beratungsmöglichkeiten. Wir haben einfach einen anderen Überblick."

Nahles künftig Offensive bei der Berufsbildung an

Für das Jahr 2023 kündigt Nahles im SWR-Interview eine Ausbildungs- und Praktikumsoffensive der Bundesagentur für Arbeit an, zusammen mit den Unternehmen, Verbänden und den Industrie- und Handelskammern. "Wir sehen echtes Potenzial bei jungen Menschen", sagt Nahles. Während der Corona-Pandemie seien jedoch viele verunsichert gewesen, hätten weniger Praktika gemacht. "Da wollen wir jetzt eine Trendumkehr erreichen."

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