Seniorin mit Rollator - Bildausschnitt Beine (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Jens Büttner (Symbolbild))

Angehörige schildern unhaltbare Zustände

Pflegeheim Blumenküche von Benevit in Mössingen massiv in der Kritik

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Luisa Sophie Klink

Auf seiner Homepage bewirbt Benevit das Haus Blumenküche mit: "Fröhliche Hausgemeinschaft, statt normales Pflegeheim" - Angehörige der Bewohner allerdings sprechen von Missständen.

Seit Monaten soll es im Pflegeheim Blumenküche des Trägers Benevit in Mössingen (Kreis Tübingen) erhebliche Missstände geben. Das haben Angehörige von Bewohnerinnen und Bewohnern jetzt öffentlich gemacht. Sie halten die Zustände im Heim für katastrophal und menschenunwürdig und haben sich deshalb zusammengetan, um auf die aus ihrer Sicht prekären Vorfälle aufmerksam zu machen. Aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen oder Auswirkungen auf Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses wollen sie anonym bleiben.

SWR Reporterin Luisa Sophie Klink berichtete:

Bisherige Gespräche mit dem Benevit-Geschäftsführer, Kaspar Pfister, sind laut der Angehörigen weitgehend erfolglos geblieben. Dem widerspricht Pfister. Im SWR-Interview sagte er, dass es zwar vereinzelt Defizite gab, diese jedoch weitgehend abgestellt wurden. Man sei im Dialog mit den Angehörigen, so Pfister.

Alarmierend: Die Heimaufsicht, das heißt, die Gesundheitsabteilung des Landratsamts Tübingen, hat das Haus Blumenküche bereits dreimal in diesem Jahr aufgesucht und zuletzt einen Aufnahmestopp verhängt. Hiergegen sei Pfister rechtlich vorgegangen und habe Widerspruch eingelegt, so die Angehörigen.

Personalmangel angeblich schon vor Corona-Pandemie

Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie seien die Bewohnerinnen und Bewohner teils unzureichend versorgt worden. Die Angehörigen machen dafür einen Mangel an Personal verantwortlich. Dass Pflegebedürftige beispielsweise nicht rechtzeitig auf die Toilette gebracht worden seien oder die Gabe von Medikamenten vergessen wurde, sei bereits vor der Pandemie vorgekommen. Durch den strikten Impfkurs des Geschäftsführers Pfister sei die Lage allerdings noch verschärft worden. Ungeimpfte Mitarbeitende waren freigestellt worden, das restliche Personal habe die Arbeit der ausgefallenen Kolleginnen und Kollegen übernehmen müssen: "Teilweise wussten sie nicht, wann ihre Schicht beginnt und wann sie aufhört, auch einen Notfalldienst gab es nicht mehr", so eine Angehörige im Interview mit dem SWR.

"Wertschätzung für Mitarbeiter fehlt"

Nach Ansicht der Angehörigen rührt die Überforderung des Personals von einer "mangelnden Wertschätzung der Obrigkeit für die Mitarbeiter" her. An allen Ecken und Enden werde an Personal gespart. So käme auf zwölf Bewohnerinnen und Bewohner nur eine "Präsenzkraft". Eine solche pflege nicht, sondern kümmere sich um den Haushalt und habe Aufgaben wie Putzen, Kochen oder Unterhalten, so eine Angehörige. Eine "Präsenzkraft" sei für ein Dutzend Pflegebedürftige viel zu wenig. Zwar sei das Konzept von Benevit, Bewohnerinnen und Bewohner aktiv an Arbeiten im Heim zu beteiligen, an sich wunderbar, ergänzt ein anderer Angehöriger, nur führe das auch zur Überforderung einzelner Bewohnerinnen und Bewohner. Einige spürten die Überforderung der "Präsenzkräfte" und meinten helfen zu müssen, obwohl es gesundheitlich eigentlich nicht mehr gehe.

Kritik an wechselndem Personal

Auf der Homepage von Benevit zum Haus Blumenküche steht, dass die Heimbewohnerinnen und Heimbewohner selbst entscheiden, wann und was sie einbringen wollen. "Was sie können, bringen sie ein". Aufgrund des Personalmangels sei dies aber eher ein Zwang, denn die Mithilfe sei aufgrund des geringen Personals schon miteinkalkuliert, so ein Angehöriger. Der Träger beschäftige vielfach schlecht deutsch sprechendes Personal, auch Flüchtlinge. Die Arbeitskräfte seien total überfordert, es gebe zahlreiche Krankheitsfälle. "Das Personal wechselt ständig, oft täglich." Das trage in keiner Weise zu dem Konzept von Benevit bei, ein neues Zuhause sein zu wollen, so eine Angehörige.

Angehörige: Überforderung des Personals führt zu gefährlicher Pflege

Laut der Angehörigen führt die "völlige Überforderung des Personals" zu einer "gefährlichen Pflege". Die Zustände seien unhaltbar und menschenunwürdig. Bewohnerinnen und Bewohner liefen in nassen und verkoteten Hosen herum, teils sei der Kot schon getrocknet, berichten die Angehörigen. Lebenswichtige Medikamente würden nicht oder verspätet gegeben, das Essen sei teils so schlecht, dass die Pflegebedürftigen nicht satt würden. Bei gesundheitlichen Problemen werde oftmals kein Arzt hinzugezogen oder die Angehörigen gar nicht über die Vorfälle informiert. Auch für sturzgefährdete Bewohnerinnen und Bewohner werde zu wenig getan, da Sturzmatten oder entsprechende Sensoren für Sturzgefährdete im Heim nicht ausreichend verfügbar seien.

"Wir wollen nicht den Mitarbeitenden die Schuld geben, da wir glauben, dass sie mit Hingabe und Fürsorge tun, was sie können - aber der Sparkurs des Trägers führt zu nicht hinnehmbaren Zuständen."

Beschönigte Berichte - Heim wusste angeblich von Kontrollbesuch

Besonders schockierend sei, so eine Angehörige, dass Berichte verfälscht worden seien. Außerdem sei das Heim über einen eigentlich unangemeldeten Kontrollbesuch des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) vorab informiert worden. Daraufhin seien Dienstpläne geändert und Berichte beschönigt worden. "Sowieso sind oft Berichte nicht korrekt gewesen", so die Angehörige weiter. Da der MDK erst vor gut anderthalb Wochen in dem betroffenen Heim war, liegt den Angehörigen noch kein Bericht vor, allerdings sei die Kontrolle über drei Tage gegangen.

Bericht der Heimaufsicht liegt SWR vor

Mit aktuell 56 Bewohnerinnen und Bewohnern sei das Haus Blumenküche derzeit zu voll. Das Personal reiche für die aktuelle Anzahl der pflegebedürftigen Personen nicht aus, deshalb habe die Heimaufsicht den Aufnahmestopp bis Dezember ausgesprochen. Bei mittlerweile drei unangekündigten Kontrollen der Heimaufsicht sind unterschiedliche Mängel festgestellt worden, unter anderem verzögerte Pflegemaßnahmen oder eine unklare Berichterstattung über den Krankheitszustand eines Bewohners. Der Bericht liegt dem SWR vor. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die verzögerte Pflegeleistung "einer zu schwach besetzten Personalsituation" geschuldet ist.

Benevit räumt auf Homepage Fehler ein

Benevit geht auf seiner Homepage auf die "Kritik von Angehörigen und der Heimaufsicht" ein, weist aber zugleich einige "Kritikpunkte als unzutreffend" zurück. Auf allen Ebenen seien bereits Maßnahmen eingeleitet worden, der Austausch der bisherigen Heimleitung sei "ein wichtiger Teil der aktuell laufenden Qualitätssicherungsmaßnahmen" gewesen.

"Es gibt nichts zu beschönigen, wir hatten personelle und qualitative Probleme in unserem Mössinger Haus."

Pfister legt Rechtsmittel gegen Aufnahmestopp der Heimaufsicht ein

Laut der Angehörigen sind die Mängel nicht behoben worden, Geschäftsführer Kaspar Pfister sei für die Angehörigen auch nicht mehr erreichbar gewesen. Pfister hat bereits Rechtsmittel gegen den verhängten Aufnahmestopp eingelegt. Bereits vor einigen Jahren war Pfister vor Gericht gezogen, weil er Personal einsparen wollte und eine Pflegekraft in der Nacht statt zwei für ausreichend hielt. 2019 war er mit seiner Klage vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen gescheitert. Benevit unterhält 30 Einrichtungen in fünf Bundesländern.

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