Die Meisterdiebin bei der Arbeit, Inga Schäfer als Marnie (Foto: Theater Freiburg/Britt Schilling)

Moderne Krimi-Oper

Deutschlandpremiere von "Marnie" am Theater Freiburg

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AUTOR/IN
Chris Libuda

Die Meisterdiebin Marnie erobert die Bühne. Sex & Crime und ein Grund mehr, das Musiktheater neu zu entdecken. Das Publikum ist begeistert. Zu Recht, meint Chris Libuda.

Das Musiktheater braucht mehr Publikum, gerne auch jüngere Menschen. Mit "Marnie", einer Oper von Nico Muhly, könnte das gelingen. Sie wurde 2017 geschrieben; das Thema ist also aktuell, Musik und Handlung mitreißend.

Wer ist Marnie?

Marnie, die Neue im Office, ist eine Attraktion. Wenn sie die Bühne betritt, folgen ihr alle Stimmen des Sekretärinnen-Chors. Inga Schäfer als Marnie - das ist pure Eleganz in der Stimme und auf der Bühne. Der Bleistiftrock sitzt perfekt, die fünziger-Jahre-Kelly-Bag ist an ihrer Hand fest gewachsen.

Marnie, gespielt von Inga Schäfer, ist frei und erfolgreich - aber sie steht am Rande der Gesellschaft.  (Foto: Theater Freiburg/Britt Schilling)
Premiere Kriminal-Oper Marnie im Theater Freiburg: Marnie, gespielt von Inga Schäfer, ist frei und erfolgreich - aber sie steht am Rande der Gesellschaft. Theater Freiburg/Britt Schilling

Sie sieht umwerfend aus, ist unabhängig und erfolgreich. Ihr Business ist der Raub. Oder besser: eitle Firmenbosse um die Finger wickeln, sich anstellen lassen und bei passender Gelegenheit den Safe ausräumen.

Sandra Helmeke berichtet im SWR-Fernsehen:

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Dann schnell Perücke und Namen gewechselt und los geht‘s zum nächsten Opfer. Das Ganze geht dreizehn Mal gut - auch wenn der Opernchor immer wieder versucht, sich in ihr Gewissen zu singen.

"Die ganze Nacht hören die Schuldigen böse Stimmen."

Eine Meisterdiebin kommt an ihre Grenzen

Für Marnie ändert sich alles sobald Emotionen ins Spiel kommen. Ihr neuer Boss - stark und berührend: Mark Rutland - gespielt von Michael Borth - erwischt sie als Diebin, verliebt sich und will sie retten; da fällt ihm nichts Besseres ein, als sie zu erpressen: Heirate mich oder wir gehen zur Polizei. In diesem Moment beginnt Marnie zu verlieren, erst ihre Freiheit, dann ihre Würde und zum Schluss lässt sie sich jagen. Marnie wird zur Beute - von der Täterin zum Opfer. Das Schlimmste ist passiert. Ein Mann hat die Macht über sie erlangt - Vergewaltigung, Selbstmordversuch.

Michael Borth als Marc Ruthland kämpft um die Liebe seiner Frau (Foto: Theater Freburg/Britt Schilling)
Premiere Kriminal-Oper Marnie im Theater Freiburg: Michael Borth als Marc Ruthland kämpft um die Liebe seiner Frau Theater Freburg/Britt Schilling

Opernmusik à la Hollywood

Im ersten Akt wird die Geschichte erzählt. Die Musik treibt uns voran, klingt wie Filmmusik aus Hollywood. Szenen werden akustisch vorbereitet, untermalt und voran getrieben. Jede Hauptfigur wird von einem Instrument begleitet, bei Marnie ist es die Oboe.

Ausschnitt Kriminaloper "Marnie": Track 4: Akt 2, Scene 2, Beteiligte: Marnie – Inga Schäfer, Mark Rutland – Michael Borth, Philharmonisches Orchester Freiburg, Musikalische Leitung – André de Ridder

Gibt es ein unveränderliches Ich?

Im zweiten Akt geht es ruppiger zu. Jetzt dürfen wir Marnies ganzes Drama erleben. Sie ist dann eben doch nicht die coole und lässige Diebin, sondern zweifelt.

"Nobody knows who anyone really is."

Es stellt sich und dem Publikum immer wieder die Frage: Wer bin ich? Was bleibt von mir, wenn ich Ort und Aussehen ändere? Gibt es ein unveränderliches Ich? Und vor allem: Wie bekomme ich meine Freiheit wieder?

Kostüme und Bühnenbild: wie in den 1950er Jahren

Winston Graham hat den Roman "Marnie" in den späten Fünfziger Jahren geschrieben und so sieht es auch auf der Bühne in Freiburg aus. Der Intendant des Theaters, Peter Carp, hat die Regie geführt. Sehr gegenständlich ist das alles auf der Bühne, fast könnte man es altmodisch nennen. Da klappern die Sekretärinnen mit Hornbrillen und toupierten Frisuren auf echten Schreibmaschinen.

Der Chor der Sekretärinnen im 50ziger Jahre-Look (Foto: Theater Freiburg/Britt Schilling)
Premiere Kriminal-Oper Marnie im Theater Freiburg: Der Chor der Sekretärinnen im 50ziger Jahre-Look Theater Freiburg/Britt Schilling

Da liegt der Mann im Schlafanzug im richtigen Bett. Alles ist klar strukturiert und eine ästhetische Freude. Nur Oper und Libretto wurden ja erst vor ein paar Jahren geschrieben und noch lange nicht sind die Kämpfe der Frauen gegen übermächtige Männer in Chefetagen ausgetragen. Die Oper hätte - wäre sie in der Gegenwart inszeniert - vielleicht noch größere Wirkung entfaltet.

Ein dunkles Familiengeheimnis

Bleibt die Frage, warum sie eigentlich stiehlt, die kluge Marnie? Weil sie es kann, ist die erste Antwort, die wir lange glauben wollen. Erst in der zweiten Hälfte wissen wir, was sie wirklich antreibt. Sie will die Grenzen der Vergebung testen. Weil sie sich selber etwas nicht vergeben kann: Sie gibt sich die Schuld am Tod ihres Bruders, der als Baby starb. Zum Schluss erlangt sie aber ihre Freiheit wieder - wie bei jedem guten Krimi gibt es eine überraschende Wendung.

Marnie in Freiburg: Sehenswert!

Marnie, die Oper, wurde in Deutschland das erste Mal aufgeführt, der neue Musikdirektor des Freiburger Theaters André deRidder bringt echte Perlen nach Südbaden. Wer will, dass mehr und vor allem jüngere Menschen wieder in die Musiktheater gehen, könnte das genau damit schaffen: Musik, die wie im großen Hollywood-Film die Handlung vorantreibt. Sex & Crime, eine ordentliche Rauferei, ein dunkles Familiengeheimnis, eine geldgierige und kaltherzige Mutter, eine Hauptperson, die einen Psychiater braucht. Und: große Opernkunst ist es auch.

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Chris Libuda